Selbst international profiliert: Merz Akademie-Rektor Martin Fritz Foto: Merz Akademie

Die Merz Akademie will internationaler werden. Was macht die Hochschule für Gestaltung, Kunst und Medien attraktiv? „Stuttgarter Nachrichten“-Autor Nikolai B. Forstbauer hat Markus Merz und Martin Fritz gefragt.

Stuttgart - Vor Ort stark verankert, international auf dem Sprung – so sehen Martin Fritz als Rektor und Geschäftsführer der Merz Akademie in Stuttgart, und Markus Merz als Geschäftsführer des Merz Bildungswerks, die Gegenwart der staatlich anerkannten Hochschule für Gestaltung, Kunst und Medien.

Herr Fritz, Herr Merz, an diesem Samstag lädt die Merz-Akademie zu ihrem diesjährigen Sommerfest. Bei aller Heiterkeit wird auch die Frage zu hören sein: Was ist die Merz Akademie? Für was steht sie? Was antworten Sie?
Markus Merz: Als staatlich anerkannte private Hochschule mit einem hohen Grad staatlicher Mitfinanzierung hat die Merz Akademie das Ziel, das Selbstvertrauen der Studierenden in die eigene Wahrnehmung so zu stärken und zu schärfen, dass sie befähigt werden, in allen Themenbereichen der Gestaltung einen kritischen Diskurs zu führen.
Das hört sich etwas sehr abstrakt an.
Markus Merz: Überhaupt nicht. Unser Thema ist nicht die Aneinanderreihung, unser Thema ist die Auseinandersetzung

Martin Fritz: Die Antwort beginnt schon mit dem Titel der Hochschule. Die Begriffe Gestaltung, Kunst und Medien bilden einen Dreiklang, der unauflöslich ist und der das gegenseitige ­Befragen in Themenfeldern und über Themenfelder hinweg zum Programm macht.

Hat der Begriff ­Akademie für Sie Bedeutung?
Martin Fritz: Erst einmal ist das kein geschützter Begriff. Das kann man mit Blick auf die mit dem Begriff als Label arbeitende Akademie-Landschaft als Problem sehen. Aber ich denke, Sie spielen auf die Ausgangsidee an. Die Akademie als Begegnungsort der Lernenden und Lehrenden ist in klassischer Weise ein offener Ort. Das ist natürlich ein starkes Signal.
Ein „offener Ort“ sagen Sie. Die Merz Akademie erscheint manchem eher als abgeschirmte Oase. Können Sie den Eindruck verstehen?
Markus Merz: Richtig ist, dass das Areal im Kulturpark Berg ein Glücksfall ist. Aber nicht, weil wir uns abschirmen können. Im Gegenteil: Der Merz Akademie-Campus ist ja ein öffentlicher Raum der Stadt Stuttgart. Wir haben inzwischen auch spannende Partner auf dem Gelände – wie etwa das Haus des Dokumentarfilms. Ich denke, dass dieser Campus in Zukunft noch deutlicher als ­öffentlicher Raum erlebbar sein wird.
Inwiefern?
Markus Merz: Wir denken über die Gesamtstruktur des Areals von den SWR-Gebäuden in der ­Neckarstraße über die künftige Villa Berg bis hin zur Merz Akademie nach. Hier gibt es sehr viel urbanes Potential, das auch den Merz Akademie-Campus noch deutlicher als aktiven öffentlichen Raum definiert.
Herr Fritz, spiegelt sich all dies denn im Selbstverständnis der Merz Akademie?
Offenheit und Aktivität prägen auf jeden Fall unsere tägliche Arbeit. Man sieht einem Hochschulabschluss ja nicht immer an, was die Studierenden in dieser Zeit gemacht haben. Dies wird aber immer wichtiger. Die Frage ist also, mit welchen Qualitäten will und kann ich mich etablieren. Die Frage ist, aus welchem Erfahrungsschatz schöpft ­jemand, welche Verbindungen hat jemand aufgenommen und wie werden diese weiter ausgebaut?
Das klingt alles ein wenig so, als müsste man für ein Studium an der Merz Akademie schon sehr viel mitbringen. Die verkürzte Gymnasialzeit, entkernte Bildungspläne und früher ­Studienbeginn sind kein Problem für Sie?
Markus Merz: Was man nicht leisten kann, ist, die Vermittlung des bürgerlichen Wertekanons in die Hochschule zu ziehen. Ich sehe aber, dass die Phase dieser Idee auch auf politischer Ebene weitgehend vorüber ist.
Herr Fritz, Sie lächeln . . .
Ich komme ja aus Österreich. Und bei uns gibt es das achtjährige Gymnasium schon sehr lange als Regelfall. Das beliebte Stöhnen unter mangelnden Voraussetzungen ist mir also durchaus bekannt. Aber mich interessiert eher eine andere Frage. Sie gilt der Quantität und der Qualität der Referenzsysteme, die sich ein junger Mensch sucht und wie er oder sie damit umgeht.
Können Sie das an einem Beispiel deutlicher machen?
Nehmen Sie die Bild-/Texterfahrung. In ­deren Wandel stecken wir alle mittendrin. Vergleichen Sie etwa das Verhältnis von Bild und Text in den medialen Kanälen im Lauf der Jahrzehnte. Aktuell wird doch deutlich wie sehr auch die Politikvermittlung mit diesem Wandel zu tun hat. Um diese Veränderung zu verstehen und innerhalb dieser eigenständig agieren zu können, muss ich die technischen Instrumente des Wandels kennen, muss mit diesen Instrumenten agieren können. Aber dann muss ich mich davon lösen und zu eigenen Fragen kommen. Die Studierenden auf der Basis des Umgangs mit jüngsten Technologien dazu zu befähigen – das ist ein wesentliches Ziel unserer Arbeit.
Markus Merz: Vielleicht hört es sich etwas pathetisch an – aber so habe ich es von ­Beginn an gesehen und sehe es noch heute so: Wir pflegen die Idee der Autorschaft.
Herr Fritz, Herr Merz, die Merz Akademie zeichnet sich durch eine intensive Zusammenarbeit mit internationalen Gästen aus. Wollen Sie diesen Weg noch forcieren?
Markus Merz: Ich habe mich von Beginn an gegen die Idee von Meisterklassen gewandt. Die Gäste prägen die Offenheit in unserer Hochschule wesentlich mit.
Martin Fritz: Das ist aber nur möglich, weil hoch motivierte Professorinnen und Professoren mit einer hohen Lehrverpflichtung ebenso wie die Dozentinnen und Dozenten gemeinsam mit dem Team der Merz Akademie auch im Alltag solch großartige Arbeit leisten. Mit Blick nach vorne aber ist international schon auch ein Stichwort.
Markus Merz: Wir erleben, dass technisch gesehen alle Medien zusammenfließen. Und wir erleben, dass die kulturelle Vielfalt eine Realität ist, die auch ökonomisch immer bedeutsamer wird. Die Herausforderung ist, die notwendigen Fragen zu stellen.
Und in der Merz Akademie stellt man sie?
Martin Fritz: Ich glaube, dass wir auch im internationalen Maßstab ein Angebot ­haben, mit dem wir konkurrenzfähig sind. Und entsprechend bewegen wir uns noch mehr auch international.
Wie sind die Reaktionen?
Markus Merz: Wir sind selbst gespannt. Aber eines muss man sehen: Die Entwicklung einer Kreativmetropole hat auch mit der Mietentwicklung zu tun. Hier steuern wir vor Ort zum Beispiel mit Studierenden-Wohngemeinschaften entgegen.
Die Mieten sind andernorts sogar noch höher .
Markus Merz: Diese Antwort hilft ja nicht weiter . Da landet man in der alten Standortdiskussion. Woran wir uns auch beteiligen, ist die Internationalisierung vor der Haustüre. Dafür bieten wir einen attraktiven Ort.
Martin Fritz: Wir befinden uns inmitten eines hoch attraktiven Wirtschaftszentrums. Ein Umstand, der leicht zu übermäßiger Pragmatik verführt. Unser Angebot ist: Wir arbeiten an einem Bildungsbegriff, der versucht, Menschen ein Gestaltungspotential zu geben. Die Frage ist: Wie kann ich zu ­erzählenswerten Inhalten kommen. Das ist der Anspruch.

Die Merz Akademie – Teil des Merz Bildungswerks

1918 Als Bildungs- und Erziehungsinstitution gründet Albrecht Leo Merz in Stuttgart die „Werkhaus-Werkschule Merz“. Aus dieser gehen die Merz-Schule, das Merz-Internat und die Merz Akademie hervor. Als Lehr- und Lernkonzept führt Merz das Erkennen und Gestalten in allen Bereichen ein.

1983 übernimmt Markus Merz die Leitung der Merz Akademie. 1985 erhält die private Hochschule die staatliche Anerkennung. Sie firmiert seit 2011 als Merz Akademie, Hochschule für Gestaltung, Kunst und Medien.

2016 wird Martin Fritz Rektor der Merz Akademie. Sie bietet 250 Studienplätze und hat zehn feste Professuren. Finanziert wird die Hochschule durch Zuschüsse der öffentlichen Hand, durch Studiengebühren, durch Erträge aus Dienstleistungen und Publikationen, durch Drittmittel aus Forschung und Entwicklung sowie durch Förderer. Bachelor- und Master-Abschlüsse sind möglich. Studienfächer sind Crossmedia Publishing, Film und Video, New Media, Visuelle Kommunikation und Theorie.

2017 wird die Dachgesellschaft des Bildungsunternehmens Merz in Merz Bildungswerk umbenannt. Geschäftsführer Markus Merz gründet das Merz Berufskolleg für Grafik-Design.

2018 wird am 15. November mit einem Festakt das 100-jährige Bestehen der Merz Lehranstalten gefeiert. An diesem Samstag, 21. Juli, findet das Sommerfest der Merz Akademie im Kulturpark Berg statt.

Zu den Personen: Markus Merz und Martin Fritz

Markus Merz, 1952 geboren, übernahm 1982 nach einem Politik-, Geschichts- und Literatur-Studium sowie einem Medizin-Studium die Leitung der Merz Akademie.

Als Rektor (1985 bis 2016) formte Merz die Werkkunstschule zur Hochschule für Gestaltung, Kunst und Medien. Seit 2016 konzentriert er sich auf seine Aufgabe als Geschäftsführer des Merz Bildungswerks.

Martin Fritz, 1963 ­geboren, begann nach einem Jura-Studium seine Arbeit als Organisator und Kurator in den Bereichen Bildende Kunst, Theater und Film.

Nach Stationen in Wien, New York, Hannover und Frankfurt ist er seit 2016 Rektor der Merz-Akademie in Stuttgart. Seit 2017 ist er zudem Vorsitzender des Vorstands des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart.

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