Merkel feiert bei der letzten EM den 1:0- Treffer der Deutschen über Griechenland Foto: dpa

An diesem Montag ist die Bundeskanzlerin beim ersten Gruppenspiel der deutschen Mannschaft im Stadion live dabei: Fußball-Weltmeisterschaften sind für Regierungschefs Angelegenheiten mit Vorrang. Von der möglichen Euphorie profitieren auch sie.

An diesem Montag ist die Bundeskanzlerin beim ersten Gruppenspiel der deutschen Mannschaft im Stadion live dabei: Fußball-Weltmeisterschaften sind für Regierungschefs Angelegenheiten mit Vorrang. Von der möglichen Euphorie profitieren auch sie.

Berlin - Kein Weg ist zu weit, nicht für diesen Anlass, ein Ereignis höchster nationaler Priorität. 2010 hieß es in der deutschen Regierungszentrale: Auf nach Kapstadt, Südafrika, zum Viertelfinale gegen Argentinien. Beim 4:0 sitzt Angela Merkel auf der Tribüne – Pflicht und Spaß einer Kanzlerin. Merkel geht nachher sogar noch in die Kabine.

Ein aufstrebender junger Spieler begegnet der Bundeskanzlerin, nur mit einem Handtuch bekleidet: Mesut Özil. Merkel gratuliert, hält eine kurze Rede und trinkt ein Bier mit der Mannschaft. Danach gleich der Rückflug, man gönnt sich keine Auszeit. Fußball-Weltmeisterschaften sind für Regierungschefs Angelegenheiten mit Vorrang. Sie können die Stimmung, wenn große Teile der Nation nach Siegen im Glücksrausch vereint sind, mitnehmen. Auch für den eigenen Wahlerfolg.

Gut, 2006 musste Merkel nicht um den halben Erdball reisen. Deutschland hatte Heimspiel. Das erste Mal schwenkt die Nation wie selbstverständlich Deutschlandfahnen und versöhnt sich in den Wochen der Fußball-WM mit seinen nationalen Symbolen. Kurze Wege auch für Merkel: Dortmund, Westfalenstadion. Spätes Aus im Halbfinale gegen Italien, in der 118. und 120. Minute. Nach Verlängerung steht es 0:2. Tränen trocknen. Auch wenn die Spieler in solchen Momenten nicht mehr richtig wahrnehmen, was ihnen die Kanzlerin an Trost spenden will.

Hier geht es zu den Spielterminen der Deutschen, an denen auch Merkel zu jubeln hofft

Jetzt ist die Bundeskanzlerin wieder in den Flieger gestiegen. Merkel stürmt heute in Salvador de Bahia, Brasilien. 28 Grad, hohe Luftfeuchtigkeit, Gewitterneigung, Regenrisiko 70 Prozent. Deutschland greift ins Turnier ein. Gegen Portugal, ein Euro-Krisenland, das Deutschland heute wieder sehr viel Arbeit und eventuell noch mehr Ärger bereiten könnte.

Merkel plagt schon eine Vorahnung. Vor ihrer Abreise ließ sie die Republik wissen, dass sie der deutschen Mannschaft „unheimlich die Daumen“ drücke, auf dass die Mannschaft von Bundestrainer Jogi Löw möglichst weit komme. „Aber es wird ein hartes Ringen werden!“

Merkel gibt Deutschlands ranghöchsten Fan. Am Abend vor dem Spiel trifft sie sich noch mit Präsidentin Dilma Rousseff. Eine Art Gipfeltreffen. Merkel gilt aktuell als mächtigste Frau der Welt. Rousseff, Präsidentin des Schwellenstaates Brasilien, als Nummer zwei. Dann geht es für Merkel direkt weiter nach Salvador de Bahia, jener Stadt, die als afrikanischste Brasiliens gilt und deren Zuschauer mehrheitlich dann doch hinter der deutschen Mannschaft stehen, wie eine Dolmetscherin Löw im deutschen Basis-Camp Santo André wissen ließ.

An diesem Montag hakt Merke vor dem Gang ins Stadion „Itaipava Arena Fonte Nova“ noch Pflichtpunkte ihres politisch-kulturellen Rahmenprogrammes ab. Besuch eines Benediktinerklosters, dann eine kurze Darbietung des Jugendorchesters Neojiba und die Visite im Sportcamp „Fußball für Entwicklung“ der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Man ist ja nicht zum Vergnügen da. Und nicht Tausende Flugkilometer geflogen für nur 90 Minuten.

Alle vier Jahre erreicht der Polittourismus in Sachen Fußball regelmäßig seinen Höhepunkt. Fußball-Weltmeisterschaften sind Pflichttermine. 2002 packte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) zum Finale gegen Brasilien (0:2) in Yokohama, Japan, einen ganzen Regierungsflieger voll, Sportausschuss des Bundestags inklusive, und wer sich sonst noch berufen sah – auch Unionskanzlerkandidat Edmund Stoiber (CSU) musste Schröder mitnehmen. Eine Frage des Fair Play nur wenige Monate vor der Bundestagswahl. Diese hat Schröder am Ende denkbar knapp gewonnen. Rot-Grün mit nur wenigen Tausend Stimmen vor Schwarz-Gelb. Ob Merkel während dieser WM noch ein zweites Mal nach Brasilien reist? Beim Finaleinzug der deutschen Mannschaft sei vieles denkbar, heißt es in ihrer Umgebung. Das wäre dann wohl doch noch ein Termin von höchster nationaler Priorität.

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