Merkel und Trump – Ende einer Ära, neues Kapitel in der amerikanisch-europäischen Beziehungen oder doch nur deutsches Wahlkampfgetöse? Foto: AFP

Vielleicht ist Trumps unberechenbare Politik zumindest ein Weckruf, die Reihen in der Europäischen Union wieder enger zu schließen. Wenn auch mehr aus Not als aus Überzeugung. Das wäre nicht viel, aber besser als nichts, findet unser Kommentator Wolfgang Molitor.

Stuttgart - Es sind oft die leisen Töne, die eine Beziehung verändern. Die abseits aller aufgeblasenen Rhetorik Signale senden, die man wegen ihrer Kühle besonders ernst nehmen sollte, weil sie von großer Enttäuschung getragen sind. Und von der heranreifenden Erkenntnis, dass es länger so nicht weitergehen kann. Europa und die Vereinigten Staaten von Amerika stecken in so einer Beziehungskrise. Und die ist umso einschneidender, weil sie einseitig und ohne Not von einem US-Präsidenten in Szene gesetzt wird, der sich mit einer Mischung aus dümmlicher Ignoranz und frecher Überheblichkeit anschickt, das wichtigste in einer jeden Partnerschaft zertrümmert: Vertrauen.

Deshalb ist Angela Merkels wohldosierte Lehre aus einem demütigenden G-7-Treffen und dem brüskierenden NATO-Gipfel so folgerichtig wie einleuchtend. „Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück weit vorbei“, stellt die Bundeskanzlerin fest. Dass sie den Satz in einem Bierzelt vor jubelndem CSU-Stammwählern auf die Reise nach Washington und in die europäischen Hauptstädte schickt, entwertet ihn nicht.

Rechnungen und Gegenrechnungen

„Ein Stück weit vorbei“, sagt die Kanzlerin ohne Illusionen auf bessere Zeiten. Aber sie sagt nicht: endgültig vorbei. Was wohl heißt: Es wird auch mit Trump tragfähige transatlantische Beziehungen geben. Die aber dürften sich künftig mehr auf beiderseitigen Eigennutz denn auf gemeinsame Werte stützen. Eine entwertete Freundschaft: Es wird spannend zu sehen, wie sich Europa und die USA auf eine Geschäftsbasis verständigen wollen, bei der vor allem Rechnungen und Gegenrechnungen präsentiert werden.

Nun pfeift Europa tapfer laut im Walde. Es redet sich ein, es könne den Trump-Tiefschlag als Chance für eine stärkere Kooperation auf allen Ebenen nutzen. „Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen“, ruft die deutsche Kanzlerin und hofft sich mit Frankreichs frischem Präsidenten Emmanuel Macron einig. Doch wie das abseits von Berlin und Paris gehen soll, wo man sich der Gemeinschaft der 27 schon über einfachere Aufgaben nicht mal im Ansatz verständigen kann, bleibt rätselhaft. Militärisch wird ohne die USA auch künftig in Europa nichts gehen. Und wirtschaftlich sind die Abhängigkeiten voneinander so unübersehbar, dass ein Abrücken jeder Seite schadete.

Merkels Mahnruf

Aber vielleicht ist Trumps unberechenbare Politik zumindest ein Weckruf, die Reihen in der EU wieder enger zu schließen. Wenn auch mehr aus Not als aus Überzeugung. Das wäre nicht viel, aber besser als nichts. Noch aber hat eine auseinandriftende EU weder die Kraft noch die Entschlossenheit, Trump die Stirn zu bieten. Merkels ungewöhnlich eindringlicher Mahnruf mag ein starkes Anzeichen von ärgerlicher Irritation sein, eine hoffnungsvolle Wende in der europäischen Politik ist er nicht.

Europa und die USA werden deshalb im Gespräch bleiben müssen. Wenn auch verständnisloser und misstrauischer als bisher. Denn bei aller nötigen Rückbesinnung auf eigene Stärken weiß man in Europas Hauptstädten: Obwohl mit Trump wenig geht, geht ohne ihn nichts. Europa wird sich realistisch darauf einstellen und Rückschläge, etwa beim Klimaschutz, ohne neue größere Schäden abfedern müssen – und sich ansonsten an dem Satz des deutschen Aphoristikers Hanns-Hermann Kersten orientieren: Man muss immer wieder mit Leuten rechnen, auf die man nicht zählen kann.

wolfgang.molitor@stuttgarter-nachrichten.de

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