In einem gemeinsamen Intranetvideo enthüllen die Personalvorständin und der Betriebsratschef des Stuttgarter Autobauers, was derzeit an Sparmaßnahmen auf dem Verhandlungstisch liegt. Es geht um zahlreiche Vergütungsregeln.
Das Sparprogramm von Mercedes geht ans Eingemachte: Die Beschäftigten müssen mit Einbußen bei der Vergütung rechnen. Worüber derzeit verhandelt wird, haben die Personalvorständin Sabine Kohleisen und der Betriebsratsvorsitzende Ergun Lümali jetzt in ungewöhnlicher Offenheit in einem gemeinsamen Videostatement enthüllt, das im Intranet des Stuttgarter Autokonzerns veröffentlicht wurde. Unter anderem fordert der Vorstand Einschnitte bei Jubiläumszahlungen, bei tariflichen Sonderzahlungen und bei der Ergebnisbeteiligung.
„Ja, Mercedes-Benz steht heute solide da. Aber das wird nicht reichen, um auch morgen zu bestehen“, heißt es in einer Konzernmitteilung, die gemeinsam mit dem Video verbreitet wurde. Und weiter: „Die gesamte deutsche Automobilindustrie steht unter enormem Druck – und nichts deutet zurzeit daraufhin, dass sich die Lage kurzfristig von allein verbessern wird.“
Der Appell ist vor dem Hintergrund der Geschäftszahlen zu deuten, die in der kommenden Woche veröffentlicht werden – und aufgrund eines guten ersten Halbjahrs 2024 noch den Eindruck erwecken könnten, die Lage sei gar nicht so brenzlig. Da auch die Ergebnisbeteiligung für die Mitarbeiter mit 5000 bis 6000 Euro noch ordentlich ausfallen wird, muss sich der Vorstand wohl Sorgen um die Akzeptanz des Spar- und Effizienzprogramms in der Belegschaft machen. Unter dem Titel „Next Level Performance“ sollen bis 2027 die Kosten dauerhaft um fünf Milliarden Euro gesenkt werden.
Dazu wird ein noch nicht näher bezifferter Stellenabbau gehören, der aufgrund der bis 2030 geltenden Vereinbarung zur Zukunftssicherung („Zusi“) über Fluktuation und freiwillige Abfindungsvereinbarungen erfolgen muss. Daneben werden aber auch teils langjährige Besitzstände der Belegschaft in Frage gestellt. Der Forderungskatalog der Arbeitgeberseite bezieht sich auf eine ganze Reihe von Vergütungen und betrieblichen Regelungen. Konkret nannte die Arbeitsdirektorin Sabine Kohleisen fünf Punkte.
An diesen Leistungen für Mitarbeiter will Mercedes sparen
- Zahlungen für betriebliche Jubiläen.
- Die jährliche Mitarbeiterbeteiligung, die es bei Mercedes seit 1997 gibt. Allein hier stehen hohe Millionensummen in Frage. Bei 90 000 tariflich Beschäftigten in Deutschland summiert sich beispielsweise eine Prämie von 5000 Euro auf 450 Millionen. Hinzu kommen noch die Boni für Führungskräfte.
- Das tarifliche Zusatzgeld („T-Zug“). Hier könnte die Wahlmöglichkeit in Frage gestellt werden: Bisher können Eltern, pflegende Angehörige und Schichtarbeiter statt eines zusätzlichen Entgelts bis zu acht Tage frei nehmen. Diese Option könnte möglicherweise zur Pflichtoption für alle werden.
- Die Urlaubsregelung an Weihnachten und Silvester. Bisher wird jeweils nur ein halber Urlaubstag abgezogen, daraus könnte ein ganzer werden.
- Außerdem fordert der Vorstand mehr Flexibilität beim Wechsel zwischen verschiedenen Produktionshallen und -standorten.
Im Intranet-Video führt Sabine Kohleisen aus, dass in den vergangenen Jahren zwar die Arbeitskosten gestiegen seien, die Produktivität des Unternehmens aber nicht im selben Maß. Aktuell summierten sich die Probleme – von der Absatzschwäche in China über den langsamen Hochlauf der Elektromobilität, ungeplant hohe Investitionen in Verbrenner bis zur technologisch erstarkten, aber billigeren Konkurrenz aus China – zu einer Herausforderung, der man nur mit „schlankeren“ Strukturen Herr werden könne.
Betriebsratschef Lümali kämpft für die Beschäftigungssicherung
Der Betriebsratschef Ergun Lümali sagte konstruktive Gespräche zu, markierte aber auch Grenzen der Verhandlungsbereitschaft: Die Fehler des Managements – zu denen er etwa erfolglose Modelle und die Aufgabe von Absatznischen zählt – dürften nicht allein auf Kosten der Beschäftigten korrigiert werden. Konkret schloss Lümali Eingriffe in tarifliche Regelungen aus, zudem deutete er Streikbereitschaft an, sollte man nicht zu einvernehmlichen Lösungen kommen. Recht unverblümt führte er auch aus, welche Gegenleistung er erwartet. Der Betriebsrat fordert die Verlängerung der „Zusi“, die betriebsbedingte Kündigungen ausschließt, um weitere fünf Jahre.
Kostensenkung ist ein wesentlicher Bestandteil des „Next-Level-Performance“-Programms. Daneben werden noch vier weitere Handlungsfelder bearbeitet: Es geht, so die interne Vorgaben, um die Erlösqualität (Gewinn pro verkauftem Auto), die Erfolgsmentalität („Winning Attitude“), eine einheitliche Kundenansprache und die Kundenzufriedenheit.