Mit Milan Nedeljkovic rückt bei BMW ein Produktionsexperte an die Spitze. Der Ingenieur hat einen großen Anteil an einer Strategie, die Mercedes zu schaffen macht.
Es gibt Konzernchefs, die die Gespräche im Raum verstummen lassen, sobald sie ihn betreten. Sie sind die Stars, auf deren Erscheinen alle gewartet haben. Milan Nedeljkovic, der am 14. Mai den Vorstandsvorsitz von BMW übernimmt, ist von anderer Natur. Er mischt sich unter die Menschen und fühlt sich sichtlich wohl dabei.
Der künftige BMW-Chef ist bei und mit dem Unternehmen groß geworden – nicht als Verkäufer seiner selbst, sondern als Mann aus dem Maschinenraum. Seine Karriere bei dem Münchener Mercedes-Rivalen verlief grundsolide – nach der technischen Ausbildung an den Spitzenuniversitäten in Aachen und in Cambridge kletterte er von einer Position als Trainee auf der Karriereleiter nach oben. Nun, nach 33 Jahren, hat es der promovierte Ingenieur zum Vorstandsvorsitzenden gebracht.
Auf seinem Weg bei BMW bewegte er sich vorwiegend im Umfeld der Produktion – angefangen von einer Rolle als Planer für Pressen und Lackierereien über verschiedene Leitungsaufgaben in den Werken bis hin zu seinem Aufstieg in den Vorstand, der ihn in das Ressort Produktion führte. Nedeljkovic ist jemand, der weiß, wie Qualität funktioniert, der ein globales Produktionsnetzwerk steuert, durchdigitalisiert und auf Effizienz trimmt – und auch jemand, der weiß, was zu tun ist, wenn eine Lieferkette ins Stocken geraten sollte.
Nicht zuletzt hat er maßgeblichen Anteil an der bei BMW besonders gut gelingenden Transformation vom Verbrennungsantrieb in Richtung E-Mobilität, bei der der Konzern seit Jahren eine geschickte Hand beweist. Der große Rivale Mercedes, aber auch Porsche haben sich jahrelang mit ihren Ankündigungen über eine immer schnellere Abschaffung ihrer Diesel-, Benzin- und Hybridmodelle selbst übertroffen und sich dabei von der eigenen Kundschaft entfremdet.
Nun brauchen sie reichlich Zeit und Geld, um den Verbrenner wieder zu stärken und sich dort hinzuarbeiten, wo BMW dank seiner unbeirrbaren Ausrichtung am Markt schon steht. Das flexible Produktionskonzept von Nedeljkovic hat dieser Strategie maßgeblich zum Erfolg verholfen. Ausgerechnet die Münchener, die nie daran dachten, ihren Verbrennern ein Verfallsdatum zu verpassen, verkaufen weit mehr E-Autos als ihre Rivalen – jeden Monat aufs Neue.
BMW behielt beim Thema E-Mobilität stets ein gutes Gespür für die Skepsis der Kunden, ohne sich aber opportunistisch daran anzupassen. Man integrierte die neue Antriebstechnologie in bestehende Baureihen, anstatt daraus eine eigene Submarke zu kreieren, und senkte so die Hemmschwelle für argwöhnische Kunden. Zugleich rollte man diese Antriebsart konsequenter als andere über alle Baureihen aus. Auch deshalb ist BMW beim E-Anteil der Konkurrenz weit voraus und hat in Sachen Transformation mehr geliefert als man angekündigt hatte.
Beim Thema E-Mobilität beweist BMW Weitsicht
Nun macht BMW erneut einen mutigen Schachzug – das Unternehmen kann es sich heute leisten, für Hunderte Millionen Euro ein ganzes Werk voll auf E-Mobilität umzurüsten. Denn der E-Anteil in der Modellpalette ist nun so hoch, dass man das komplette Stammwerk in München mit ihr auslasten kann und somit nicht mehr überall auf die antriebsflexible, aber auch teure Produktionsweise angewiesen ist. Im Gegenzug spart BMW rund zehn Prozent Produktionskosten, was in einer Branche, in der jede Schraube als Kostenfaktor durchkalkuliert wird, immens viel ist.
Dass man für die Umrüstung das Stammwerk im laufenden Betrieb teilweise abreißt und im vorderen Teil der Halle noch Autos baut, während hinten bereits die Abrissbirne zuschlägt, gilt als kühnes Vorhaben, das aber offenbar gelungen ist. Nedeljkovic vermied dadurch Stillstände in der Produktion, die schon im Minutenbereich extrem teuer sind.
BMW rollt neues Konzept über ganze Palette aus
Mit der Neuen Klasse rollt BMW nun über die gesamte Modellpalette ein komplett neues Fahrzeugkonzept aus, das durch ein puristisches, Apple-artiges Design, ein neues Bedienkonzept, Technologiesprünge und nicht zuletzt ein darauf abgestimmtes Fertigungskonzept gekennzeichnet ist. Es soll den E-Autos weiter zum Durchbruch verhelfen – aber nicht durch eine künstliche Schwächung des Verbrenners. Denn auch dieser soll von Technologien der Neuen Klasse profitieren, die sogar in bestehende Baureihen integriert werden sollen. Über die Produkte entscheidet die Kundschaft, nicht die Politik. Da bleibt BMW sich treu.
Die unaufdringliche Autorität des BMW-Chefs
Nedeljkovic gibt nicht den charismatischen Leader – aber dort, wo er Verantwortung übernimmt, hat er den Laden mit seiner unaufdringlichen Autorität im Griff. Er ist zwar Experte für Technik, aber kein Nerd. Sein Horizont endet nicht an den Toren der 24 Werke in 11 Ländern, für die er Verantwortung trägt. Im kleineren Kreis äußert er kenntnisreiche Einschätzungen über das politische und gesellschaftliche Umfeld, in dem sich sein Unternehmen und die Industrie bewegen.
Experte: BMW besser aufgestellt als Mercedes und Audi
Als Person ist der 57-jährige gebürtige Serbe, der die serbische und die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt und als Kind nach Deutschland kam, uneitel und zugänglich. Der Konzern, der mehrheitlich den Großaktionären Stefan Quandt und Susanne Klatten gehört und somit viel unabhängiger von den Launen der Kapitalmärkte agieren kann als Mercedes, hat sich mit ihm für einen Chef entschieden, der frei von Exzentrik und Starallüren ist und für Kontinuität steht.
Tatsächlich navigiert das Unternehmen seit langem mit Augenmaß und ruhiger Hand durch die bahnbrechenden Veränderungen und ist damit bisher gut gefahren. BMW stehe „im Vergleich zu vielen Wettbewerbern stabil“, sagt Stefan Reindl, Chef des Instituts für Automobilwirtschaft in Geislingen. Das Unternehmen mache „derzeit vieles besser als Volkswagen, Audi und Mercedes-Benz – nicht fehlerfrei, aber in der Summe stringenter”.
Die Fußstapfen, in die Nedeljkovic tritt, sind groß – doch der Fußabdruck, den er selbst bisher im Unternehmen hinterlassen hat, ist es auch. Die effiziente, global aufgestellte Produktion zählt zu den Schlüsselfaktoren für den Erfolg von BMW – auch vor dem Hintergrund der Zollmauern, wie US-Präsident Donald Trump sie aufbaut. BMW baut in den USA über die Hälfte mehr Autos als Mercedes und ist damit vor den US-Zöllen besser geschützt als die Stuttgarter, die nun ebenfalls die Produktion in den USA ausweiten wollen.
Dass der neue Chef in seinem Bereich bisher eine clevere Strategie verfolgte, die stark auf die Unternehmensziele einzahlte, ist eine gute Voraussetzung dafür, dass BMW sich auch in Zukunft in einem widrigen Umfeld behaupten kann – und die Rivalen in Stuttgart-Untertürkheim weiter zu großen Anstrengungen motivieren wird.