Ungewöhnliche Perspektive: Leer geräumtes Baufeld von Bau 36, auf dem binnen drei Jahren die modernste Lackiererei des Konzerns entstehen soll. Foto: Mercedes-Benz AG

Auf dem Gelände von Bau 36 im Sindelfinger Mercedes-Werk entsteht bis 2028 eine der modernsten Lackieranlagen der Welt. Der Konzern legt damit den Grundstein für eine Halbierung des Ressourcenverbrauchs – und bekennt sich in unsicheren Zeiten klar zum Standort.

Die schieren Dimensionen haben das Publikum dann doch überrascht. Dort, wo Mercedes-Benz bis Anfang 2028 eine der modernsten Lackieranlagen der Welt errichten wird, stehen noch die Ruinen von Bau 36. Doch ein Großteil des Baufelds ist bereits leer geräumt. Bei der Grundsteinlegung am Donnerstag schweifte der Blick über das gut acht Fußballfelder große Areal inmitten des dicht bebauten Mercedes-Werks. Hier investiert der Autobauer in den nächsten drei Jahren einen „sehr hohen dreistelligen Millionenbetrag“. Das Ziel: das Lackieren der Premium-Karossen deutlich ressourcenschonender zu machen. Wie soll das gelingen?

 

Zunächst beim Bau der rund 170 000 Quadratmeter umfassenden Halle selbst. Für den Baugrund kommt Betonabbruch aus Betonrecycling zum Einsatz, der aus den Trümmern der alten Halle stammt. „Das sind insgesamt 100 000 Kubikmeter Material, die Dimension hat mich selbst überrascht“, sagt Mercedes-Produktionsvorstand Jörg Burzer. Die Gebäudehülle der neuen Lackiererei, die Mercedes intern als „Next Generation Paint Shop“ bezeichnet, setzt voll und ganz auf Nachhaltigkeit.

Die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Hoffmeister-Kraut (CDU) Foto: Mercedes-Benz AG

„Das Dach werden wir begrünen und mit 20 000 Quadratmeter Solarzellen bedecken“, sagt Teilprojektleiter Andreas Beutler, zuständig für das Gebäude. Das biete den Vorteil der Isolierung, da in den Werkhallen insbesondere im Sommer die Temperaturen empfindlich ansteigen könnten. „Der Strom der Fotovoltaik-Anlage auf dem Dach reicht allerdings nur, um den Grundbedarf zu decken“, sagt Andreas Gann, zuständig für die Anlagentechnik des neuen Paint Shop. Erst durch die Technik im Inneren komme die enorme Effizienzsteigerung zustande.

Mercedes geht weg vom Gas

Der Gesamtenergieverbrauch im Vergleich zur bisherigen Anlage soll um 50 Prozent reduziert werden, der Wasserverbrauch sogar um mehr als die Hälfte. Zum Verständnis: Das Lackieren geschieht weiterhin mit der sogenannten wasserbasierten Elektrotauchgrundierung. Die Karosserie wird als Kathode unter einen leichten Strom gesetzt und die anodischen Farbpartikel setzen sich an. In einer Kabine wird die gewünschte Farbe aufgesprüht. Die vier Lackschichten müssen in Öfen bei bis zu 155 Grad aushärten. Ein Vorgang, der enorme Mengen an Energie und Wasser verschlingt. Das soll sich ändern.

„Bisher verwenden wir dafür als Primärenergie noch Gas“, sagt Andreas Gann. Doch Mercedes will von diesem fossilen Energieträger wegkommen und setzt bei der neuen Anlage auf: Strom. Der kommt bilanziell zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen, überwiegend aus Windkraftwerken, sagt Vorstand Jörg Burzer. „Es ist wie bei der Deutschen Bahn: Eine Diesellok kann man schlicht nicht nachhaltig machen, aber eine Elektrolok natürlich schon.“ Große Einspareffekte rechnet sich Mercedes aber vor allem durch das Anlagen-Design aus.

Mercedes-Produktionsvorstand Jörg Burzer über die Vorteile der neuen Lackiererei Foto: Mercedes-Benz AG

Durch ein Wärmeverbundsystem mit Rückführung soll kein Watt Energie nutzlos verpuffen. Im Vergleich zur bisherigen Lackiererei sinkt der Energiebedarf um die Hälfte. Eine weitere wichtige Ressource beim Lackiervorgang ist Wasser. Bisher wird der sogenannte Overspray durch Wasser ausgewaschen, das wiederum speziell geklärt werden muss. In dem neuen Verfahren setzt Mercedes auf ein sogenanntes Steinmehl-Verfahren: Die Lackreste werden zu einem Klumpen, der zu einem Baustoff weiterverarbeitet werden kann. Das Wasser fließt nach einer Nano-Filtration wieder in den Prozess zurück.

Bei der Grundsteinlegung im Sindelfinger Werk frohlockten die anwesenden Politiker über die stolze Investitionssumme und das klare Bekenntnis zum Standort. „Das ist ein Lichtblick in einer Welt des Umbruchs“, sagt die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU). Nach dem Zoll-Schock von US-Präsident Donald Trump sei dies ein denkwürdiger Tag für Sindelfingen, Baden-Württemberg und ganz Deutschland. In die gleiche Kerbe schlägt der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Ergun Lümali: „Die Zölle werden Mercedes-Benz belasten.“

Umso wichtiger sei es, dass Europa zusammenhält und sich darauf konzentriert, was gehe, statt sich in Konflikten zu verheddern, sagte er. Tatsächlich sei der Grundstein für die Lackiererei schon 2014 gelegt worden, als der Betriebsrat mit der Konzernspitze den Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen bei gleichzeitig zukunftsfähiger Gestaltung der Standorte vereinbarte. Ausdrückliches Lob gab es von Unternehmensseite außerdem für die Genehmigungsbehörden Landratsamt, Regierungspräsidium und Stadt Sindelfingen: Mit ihnen habe man zügig und pragmatisch an einem Strang gezogen.