Auf dieser Tafel soll schon bald auch der Name Nico Rosberg stehen: Der Gewinner von Melbourne auf dem Podium vor den Namen der Formel-1-Weltmeister Foto: EPA

Es ist diffizil, als Favorit in eine Saison mit vielen Unbekannten zu gehen – die Gefahr des Scheiterns ist stets präsent. Mercedes enttäuscht weder Fans noch Experten. Aber Ausruhen gilt nicht.

Melbourne - Ob die Kartoffeln der Grund waren? Nico Rosberg hatte kurz vor dem Start zum Großen Preis von Australien noch ein paar Kartoffeln verspeist – was ihm womöglich die nötige Stärke verlieh. Denn der Wiesbadener dominierte im Mercedes das Saisonauftakt-Rennen in Melbourne derart überlegen wie sein Lieblings-Fußballverein FC Bayern die deutsche Bundesliga. Ein zu keiner Sekunde gefährdeter Start-Ziel-Sieg plus die schnellste Rennrunde. „Das Auto lief gigantisch, der Silberpfeil ging ab wie sonst was“, jubelte der 28 Jahre alte Mercedes-Mann, „und es ist der beste Lohn, das Rennen so zu dominieren.“ Im Pulk der Mercedes-Mitarbeiter stand Rosbergs Freundin Vivian, die ihre Rolle als Glücksbringerin ebenfalls hervorragend erfüllt hatte – jedes Mal, wenn die Verlobte bei einem Grand Prix live mitfieberte, feierte der Silberpfeil-Fahrer einen Sieg. „Wahnsinn, ich kann es noch gar nicht glauben“, freute sich Vivian.

Der eine oder andere aus dem Team dürfte eine schmerzende Schulter bekommen haben, so enthusiastisch und ausgelassen wurde der 100. Formel-1-Sieg eines Mercedes-Motors begangen. Doch auch im Augenblick des Triumphes fand der oberste Chef der Mannschaft leise, nachdenkliche Töne. Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche vergaß nicht den ehemaligen Mercedes-Rennfahrer Michael Schumacher, der seit seinem schweren Ski-Unfall im Krankenhaus im Koma liegt. Rosbergs Triumph widmete der Konzernchef dem Rekord-Weltmeister. „Er ist für immer ein Teil der Mercedes-Familie, und unsere Gedanken sind in diesem Moment bei ihm“, erklärte Dieter Zetsche. Der Jubel bei Mercedes war sicher die übliche Freude über einen Grand-Prix-Erfolg, doch dass die Emotionen so hochschwappten, lag auch daran, dass bei der gesamten Rennstall-Besatzung Steine der Erleichterung abgefallen waren. Denn fast jeder Experte hatte Mercedes als Auftaktsieger verkündet, überlegen und unkompliziert waren die Testfahrten und der Trainingsauftakt in Melbourne verlaufen. Eigentlich konnte Mercedes nur noch verlieren – doch Fahrer, Team und Auto erfüllten die hohen Erwartungen. „Ich hatte ein unglaubliches Auto, mit dem es so viel Spaß gemacht hat zu fahren“, betonte Rosberg. Und deshalb gilt der Sohn von Ex-Weltmeister Keke Rosberg (1982) als erster Favorit auf den Titel 2014.

Melbourne hat deutlich gemacht: Der Silberpfeil ist (vorerst) das Maß der Dinge in der zweiten Turbo-Ära der Königsklasse. Doch eine Spazierfahrt wird es garantiert nicht, schließlich trübte der technisch bedingte Ausfall von Pole-Mann Lewis Hamilton bei ausgiebiger Rennanalyse ein klein wenig die überschäumende Freude im Mercedes-Lager. Der Brite stellte sein Auto bereits nach zwei Runden in der Garage ab, einer der sechs Zylinder wollte partout nicht arbeiten. „Er hatte Fehlzündungen, daran hat niemand Schuld – das war einfach Pech“, gab sich der Champion von 2008 fatalistisch. Deshalb war sich auch Rosberg während des Rennens nie sicher, ob er auch durchkommen würde. „Ich habe jede Runde ein bisschen gezittert und reingehört in den Motor“, bekannte er, „ein gewisses Restrisiko ist nie auszuschließen.“

Melbourne war nicht nur für Mercedes als Rennstall ein Erfolg, sondern auch als Motorenlieferanten – in den Punkten landeten sechs Autos mit Antrieben aus Brixworth, wo die Rennmotoren von Mercedes gefertigt werden. Das mag ein Grund zum Feiern sein, aber keiner zum Ausruhen. „Ich denke nicht, dass man sich zurücklehnen kann“, betonte Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff, „die Entwicklungskurve wird steil steigen. Dann kann ein Vorteil blitzschnell dahin sein, vielleicht binnen weniger Rennen.“ Dennoch reist das Team mit extrem viel Zuversicht zum nächsten Rennen nach Malaysia am 30. März. Der Teamkoch sollte sicherheitshalber ein paar Kartoffeln mehr einpacken und Vivian sich auch ein Flugticket besorgen.

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