Fast zeitgleich bringen die beiden Oberklasse-Rivalen vergleichbare Modelle auf dem Markt. Nicht nur auf dem ersten Blick unterscheiden sich die Modelle gewaltig.
Die beiden Autohersteller Mercedes und BMW gehen in der Öffentlichkeit in aller Regel pfleglich miteinander um. „Wir kommentieren nicht die Strategie unserer Wettbewerber“, heißt es routiniert auf beiden Seiten, wenn die Top-Manager nach ihrer Einschätzung zu den Produkten der Konkurrenz gefragt werden.
Nur an Zwischentönen lässt sich erkennen, dass die Rivalität diesmal besonders ausgeprägt ist. Es gebe „Trends, die wir nicht mitmachen wollen“, erklärte BMW-Chef Oliver Zipse kürzlich über immer größere Bildschirme im Auto. „Wenn Sie immer größere Bildschirme einbauen, fühlen Sie sich bestrahlt.“
Diese Spitze zielte direkt auf den Rivalen Mercedes, den er gar nicht namentlich erwähnen musste. Beide Hersteller bringen neu konzipierte vollelektrische Mittelklasse-Geländewagen auf den Markt und setzen dabei auf unterschiedliche Produktstrategien. Beim Mercedes GLC EQ ist der Bildschirm 99,3 Zentimeter breit – breiter als in jedem anderen Auto der Marke. Er erstreckt sich über die gesamte Cockpit-Breite und dient für Anzeige, Bedienung und Entertainment. Auch ansonsten dominiert die Üppigkeit, wenn es etwa um das Panorama- Glasdach geht, das sich mit einem Sternenhimmel illuminieren lässt.
BMW erinnert an das Apple-Design
BMW geht mit dem iX3 und der neuen Klasse einen radikal anderen Weg: puristisch, fast minimalistisch, stark an das Apple-Design erinnernd, das Unwesentliches weglässt und zugleich das Wesentliche betont. Einen Sternenhimmel gibt es bei BMW ebenso wenig wie einen Riesenbildschirm.
Die Informationen, die der Fahrer benötigt, etwa die Geschwindigkeitsanzeige oder die Navi-Anzeige, werden stattdessen in einem schwarzen Band am unteren Rand der Windschutzscheibe eingespiegelt. Durch einen 3-D-Effekt entsteht ein Tiefeneffekt – die mattweißen Anzeigen auf schwarzem Grund wirken wie eine Bildunterschrift unter dem Straßengeschehen, das sich vorn abspielt, und sind erfassbar, ohne den Blick abwenden zu müssen. Dafür gibt es hinter dem Lenkrad überhaupt keine Instrumente mehr – das Notwendige erscheint in der Scheibe, für alles Weitere gibt es den zentralen, wesentlich kleineren Bildschirm in der Mitte.
Mercedes setzt auf opulente Präsenz
Auch optisch könnten die Unterschiede kaum größer sein. Mercedes setzt auf opulente Präsenz: Der markante Kühlergrill wird fast flächendeckend auf die Front aufgesetzt und in Chrom eingerahmt – eine Reminiszenz an die eigene Tradition, die aber neu interpretiert wird. Die Gitterstruktur erscheint in Rauchglasoptik, 942 Lichtpunkte beleuchten die Konturen. BMW dagegen verschlankt die riesige Niere wieder, stellt sie senkrecht auf und verzichtet komplett auf Chrom. Nur noch weiße Lichtlinien betonen die Konturen – die bescheidenere, zugleich markante Markenpräsenz ist ein klarer Unterschied zur illuminierten Mercedes-Fläche.
Der Wurf, den BMW wagt, ist noch größer als der von Mercedes. Denn die neue Klasse, die mit dem iX3 eingeführt wird, ist mehr als eine Modellreihe: Sie ist ein Design-, Technologie- und Bedienkonzept für 40 Modelle, die BMW bis Ende 2027 auf den Markt bringen will. Die Technologien werden auch bei Verbrenner- und Hybridfahrzeugen eingesetzt.
Technologie-Unterschiede zwischen Mercedes und BMW
Auch in der Technologie gibt es Unterschiede. Die Reichweite gibt BMW mit 805 Kilometern an, Mercedes mit 713, wozu auch die deutlich größere Batterie beiträgt. Bei BMW werden die Zellen nach dem als fortschrittlich geltenden Prinzip „cell to pack“ zu einer Batterie vereint – und nicht mehr, wie bisher üblich, zuvor zu einzelnen Modulen zusammengefasst. Dadurch wird die Batterie stabiler und kann als tragendes Teil der Karosserie genutzt werden – und sogar als Unterboden, was zu Einsparungen bei Gewicht, Rohstoffen und Verbrauch führt und nicht zuletzt zu mehr Kopffreiheit in der Fahrgastzelle.
Mercedes hat sich nach Angaben eines Sprechers für einen Mittelweg entschieden und in nur vier Modulen 192 Batterien untergebracht, die für eine höhere Stabilität zudem am Batterieboden verklebt sind. Davon verspricht man sich eine höhere Flexibilität bei der Anpassung der Batterie an unterschiedliche Modelle. Umgekehrt hat der Mercedes GLC unter der einstigen Motorhaube den deutlich größeren Stauraum als der iX3 – er ist mit 128 Litern mehr als doppelt so groß wie beim BMW.
BMW: Neues Auto, neues Konzept, neue Fabrik
Zu den Besonderheiten bei BMW zählt auch, dass die Münchner nicht nur eine von Grund auf erneuerte Fahrzeugstrategie auf den Weg bringen, sondern die Produktion auch in einem ebenfalls neuen Werk starten: Im ostungarischen Debrecen errichteten die Münchner ein neues Werk, das Ende Oktober die Produktion aufnimmt. Wenig später soll die Fertigung auch im Stammwerk München starten, das seit Monaten einer Großbaustelle gleicht und bei vollem Betrieb komplett zu einer E-Fabrik umgebaut wird.
„Wir haben die einmalige Gelegenheit, Produktion gänzlich neu zu denken und zu gestalten“, sagt Produktionsvorstand Milan Nedeljkovic. Das Werk wurde digital errichtet, alle Schritte vorab am Computer simuliert. Die energieaufwendige Lackiererei läuft nur mit Solar- und klimaneutralem Strom.
Am Ende entscheiden die Kunden. Die Unterschiedlichkeit der Konzepte hat für sie den Vorteil, eine echte Auswahl zu besitzen; und aus Sicht der Hersteller ist der Wettbewerb im besten Fall kein Nullsummenspiel, weil sie noch stärker als heute unterschiedliche Zielgruppen für sich erschließen, anstatt sich nur Marktanteile abzujagen.
In einem sind sich beide Chefs einig: in der Bedeutung dessen, was sie gerade auf den Weg gebracht haben. „Mit dem neuen GLC nimmt die größte Produktoffensive unserer Firmengeschichte weiter Fahrt auf“, erklärt Mercedes-Chef Ola Källenius.
BMW-Chef Zipse sieht die neue Klasse als „Innovations- und Technologiebooster“. BMW werde dadurch „zu einem neuen Unternehmen“.