Fünf Tage bezahlten Sonderurlaub im Jahr garantiert die Bildungszeit den Beschäftigten in Baden-Württemberg. Doch bei Mercedes, Ritter Sport, dm, der EnBW & Co. wird sie kaum genutzt. Was läuft schief?
Die größte Internetplattform zum Thema Bildungsurlaub gibt sich bewusst provokativ: „Nora (33) ist an der Ostsee – während ihr Gehalt weitergezahlt wird. Dank Bildungsurlaub. 5 Tage mehr Urlaub pro Jahr. Per Gesetz“, heißt es auf der Homepage bildungsurlauber.de vor einer Seebad-Kulisse. Und etwas weiter: „Die Regelung ist vielen noch nicht bekannt und darum noch wenig genutzt.“
18 000 Kurstermine listet sie nach eigenen Angaben auf. Es geht und MS Office und Chat GPT, aber auch um Yoga, Sprachkurse und Stressprävention. All das ist im Bildungsurlaub, der auch Bildungsfreistellung heißt, in den meisten Bundesländern seit einigen Jahrzehnten erlaubt.
Als eines der letzten Bundesländer hat Baden-Württemberg die so genannte Bildungszeit 2015 eingeführt, die Möglichkeiten der Nutzung allerdings auf die berufliche oder politische Weiterbildung sowie der Qualifizierung zur Wahrnehmung ehrenamtlicher Tätigkeiten beschränkt. Einen reinen Yogakurs können die Beschäftigten deshalb ebenso wenig buchen wie den Sprachkurs ohne Bezug zum Arbeitsplatz. Dennoch gibt es auch hier unzählige Angebote – gerade die politische Weiterbildung ist nach einem Urteil des Landesarbeitsgerichts weit gefasst. Nur: Kaum jemand nutzt den bezahlten Sonderurlaub, um sich weiterzubilden.
Laut einer Befragung, die das ifo-Institut für Randstad im Frühjahr 2023 unter bundesweit 640 Personalabteilungen durchführte, nahmen in Baden-Württemberg im Schnitt 3,6 Prozent der Beschäftigten die Bildungszeit in Anspruch. Eine aktuelle Umfrage unsere Zeitung unter Großunternehmen im Südwesten ergab eine noch geringere Resonanz. So betrug der Anteil bei Mercedes-Benz, SAP, der EnBW, Würth sowie Kärcher im vergangenen Jahr jeweils nur rund zwei Prozent. Etwas höher lag er bei Ritter Sport. Bei den Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) macht er nur ein Prozent aus, bei dm noch weniger.
„Unternehmen sehen das oft nur als Fehlzeit“, kritisiert Körber
„Das Gesetz ist noch immer nur wenigen bekannt – auch weil die Unternehmen meist nicht darüber aufklären und Bildungsurlaub oft nur als Fehlzeit sehen“, kritisiert Lara Körber, Geschäftsführerin von bildungsurlauber.de. Man müsse Weiterbildung ganzheitlicher denken, auch um die Beschäftigten länger und auch gesund in den Betrieben zu halten. „Außerdem sind die Bedürfnisse der Beschäftigten so verschieden, dass Unternehmen diese nur bedingt mit eigenen Weiterbildungsangeboten berücksichtigen können.“
Dass die Bildungszeit im Südwesten alles andere als selbstverständlich ist, registriert man auch bei der Gewerkschaft Verdi, die selbst Weiterbildungen anbietet. „Bei mehrtägigen Schulungen beobachten wir, dass offensichtlich viele Beschäftigte Freistellungsprobleme sehen“, sagt Landesbezirksleiter Martin Gross. Daher konzentriere Verdi sich vor allem auf die populären Ein-Tagesschulungen, die gesellschaftspolitische, arbeitsrechtliche, aber auch KI-Themen abdeckten.
„Nutzen der Bildungszeit überwiegt bei weitem die Kosten“, sagt Verdi
Gross betont die Bedeutung der Bildungszeit für den gesellschaftlichen Zusammenhalt: „Wir stellen fest, dass der Transformationsprozess in der Wirtschaft zunehmend die Menschen verunsichert, schon deshalb halten wir die Bildungszeit für die Stabilität im gesellschaftlichen Veränderungsprozess für sehr wichtig“, so Gross. „Aus meiner Sicht überwiegt der Nutzen der Bildungszeit für die Teilnehmerinnen und ihre Arbeitgeber bei weitem die Kosten.“
Viele Unternehmen im Land sehen das offenbar weniger eindeutig. Wohl auch deshalb informieren sie laut unserer Umfrage verschieden über die Bildungszeit. Mercedes-Benz, dm, Kärcher und die EnBW klären ihre Beschäftigten in ihrem Intranet auf. Ritter Sport und Hugo Boss informieren nur Führungskräfte oder individuell. SAP und SSB machten dazu keine Angaben.
Meist bezeichnen die befragten Unternehmen die Bildungszeit als vorgeschriebenen Baustein in der Weiterbildung – man setze aber vor allem auf die eigenen berufsspezifischen Weiterbildungen. Nur wenige äußerten sich explizit positiv über die Bildungszeit wie etwa Ritter Sport: Die Bildungszeit-Weiterbildungen entsprächen zwar oftmals eher persönlichen Interessen, heißt es: „Sie erweitern aber den Horizont der Mitarbeitenden, tragen zu ihrem Wohlbefinden bei und haben somit auch indirekt eine positive Auswirkung auf die Arbeitsfähigkeit.“
Die Unternehmer Baden-Württemberg (UBW), der Dachverband der Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbände im Land, wählt weniger wohlwollende Worte – und stellt sogar die Bildungszeit an sich infrage. Der Staat könne politisch und beim Ehrenamt weiterbilden – Unternehmen sollten aber damit weder finanziell noch durch den Bürokratieaufwand belastet werden, heißt es. „Die Bildungszeit ist nach wie vor ein unnötig belastendes Gesetz.“
Stefan Fulst-Blei (56), Bildungsexperte und SPD-Vize im Stuttgarter Landtag, kann dies nicht nachvollziehen – gerade im Interesse der Unternehmen, wie er meint. Man müsse viele Menschen überhaupt wieder an Weiterbildung heranführen – „im beruflichen Kontext oder darüber hinaus“. Dabei verweist er auch auf Unternehmen, die sich aktuell in eine existenzbedrohende Krise gewirtschaftet haben – auch weil sie sich nicht auf Veränderungen hatten einstellen können. „Ein Teil der langjährigen Beschäftigten empfindet Weiterbildung fast als Bedrohung – da sind niederschwellige Angebote wie die Bildungszeit eine Chance, wieder aktiv zu werden.“
Das sagt das Wirtschaftsministerium über die Bildungszeit
Bildungseinrichtungen
In Baden-Württemberg müssen sich Bildungseinrichtungen, die Bildungszeit anbieten wollen, zertifizieren lassen. Ihre Zahl stieg laut Wirtschaftsministerium von 368 im Jahr 2015 auf 1018 Ende des Jahres 2023. Im ehrenamtlichen Bereich gab es zuletzt 81 zertifizierte Anbieter.
Auswertung
Das Ministerium ließ zuletzt 2018 die Bildungszeit vom Forschungsinstitut Betriebliche Bildung (f-bb) für das Jahr 2017 evaluieren. Demnach nahmen 53 000 Frauen und Männer Bildungszeit in Anspruch, was geschätzt 1,1 Prozent der Berechtigten im Südwesten und dem Schnitt anderer Bundesländer zu dieser Zeit entsprach. Im Schnitt nahmen die Antragssteller mit 4,45 Bildungstagen fast die mögliche Gesamtdauer.
Nutzung
Zu diesem Zeitpunkt wurden fast drei von vier Angeboten für die berufliche Weiterbildung genutzt, ein Fünftel für die politische Bildung. Eine Qualifizierung für das Ehrenamt spielte kaum eine Rolle. Jüngere Beschäftigte stellten häufiger Anträge als der Schnitt. Das Wirtschaftsministerium in Baden-Württemberg lehnt es ab, dass Unternehmen die Beschäftigten über die Möglichkeiten der Bildungszeit informieren müssen – der bürokratische Aufwand dafür sei nicht angemessen.