Die Corona-Pandemie verhindert eine pompöse Premiere des Flaggschiffs von Mercedes-Benz. Die Versprechungen sind jedoch so groß wie immer.
Sindelfingen - Die letzte Generation der S-Klasse wurde vor sieben Jahren mit einer großen Show und 750 Gästen an einem ungewöhnlichen Ort enthüllt: im Airbus-Werk in Hamburg. Der Autobauer wollte damit signalisieren, welche hochfliegenden Pläne er mit diesem Modell hat. Bei der Premiere öffnete sich eine Videowand im Auslieferungszentrum plötzlich wie ein Hangartor und gab den Blick frei auf das Rollfeld, wo der Riesenflieger A 380 parkte, umringt von allen aktuellen Mercedes-Benz Modellen. Die S-Klasse setzte sich an die Spitze der weißen Fahrzeugflotte und fuhr auf die Bühne. Aus dem Fonds stieg Alicia Keys. Strahlend setzte sich der US-Star an den Flügel und sang, begleitet von den Hamburger Philharmonikern „How it feels to fly“ sowie ihren Mega-Hit „Girl on fire“.
Die Premiere der S-Klasse läuft wegen Corona in kleinem Kreis mit Abstand ab
Die Premiere der neuen S-Klasse findet dagegen ohne pompöse Party im Sindelfinger Werk des Autobauers statt – in einer neuen Fabrikhalle, in der die Luxuslimousine vom Band läuft. Daimler hat der Produktionsstätte den Namen „Factory 56“ gegeben, die Zahl steht für die Hallennummer. Die Fabrik soll neue Maßstäbe bei der Digitalisierung der Fertigung setzen, die Flexibilität der Produktion unterschiedlichster Modelle mit ganz verschiedener Ausstattung soll so groß sein wie nie. Zudem soll die Produktion komplett CO2-neutral sein. Den Mitarbeitern gefalle die neue Fabrik, berichtet Betriebsratschef Ergun Lümali. „Was wir bisher von unseren Kolleginnen und Kollegen hören, ist positiv. Das liegt sicher auch daran, dass wir sie sehr früh in den Prozess eingebunden haben und ihnen so von Beginn an die Angst nehmen konnten, dass die deutlich höhere Digitalisierung in der neuen Montagehalle Auswirkungen auf ihre Beschäftigung hat“, berichtet Lümali. „Selbst die Schraubenschlüssel sind hier vernetzt“, meint Ministerpräsident Winfried Kretschmann beim Start der Produktion anerkennend.
Die Premiere der S-Klasse läuft wegen Corona in kleinem Kreis mit Abstand ab. Während sonst Hunderte von Journalisten das neue Auto aus der Nähe begutachten, sind dieses Jahr nur wenige Medienvertreter live dabei. Kein Star tritt auf, kein Orchester spielt. Stattdessen findet die Premiere digital statt. In der Fabrikhalle wird ein Video gezeigt, in dem Vorstandschef Ola Källenius und seine Vorstandskollegen die Vorzüge der neuen S-Klasse preisen.
Im Video: Mercedes Benz stellt neue S-Klasse vor und eröffnet Factory 56
Erstmals ist ein Mercedes auch für das hochautomatisierte Fahren nach Level 3 vorbereitet
Die Versprechungen sind heute so groß wie damals in Hamburg, wo der damalige Entwicklungschef Thomas Weber „Luxus pur“ und „das sicherste Auto der Welt“ ankündigte. „Die neueste Generation sei die smarteste, sicherste und komfortabelste Oberklasselimousine auf dem Planeten, sagt dieses mal Daimler-Chef Ola Källenius. Die Entwickler haben ein ganzes Bündel von Innovationen in die neue Limousine gepackt. Dazu gehört eine Hinterachslenkung, die den Wendekreis deutlich verkleinert. Wenn die Sensoren erkennen, dass ein Seitencrash droht, hebt sich die Karosserie automatisch um bis zu acht Zentimeter an, um die Insassen besser zu schützen. Bis zu 19 kleine Motoren sind in den Sitzen eingebaut – für die Verstellung, für Lüftung und Massage. Es gibt zehn Massageprogramme. Erstmals ist ein Mercedes auch für das hochautomatisierte Fahren nach Level 3 vorbereitet. Der Fahrer kann damit auf der Autobahn den elektronischen Chauffeur einschalten, die Hände vom Lenkrad nehmen und entspannen. Allerdings muss noch die rechtliche Grundlage für die Zulassung des hochautomatisierten Fahrens geschaffen werden. Daimler rechnet damit im nächsten Sommer.
Daimler-Chef Källenius hebt stolz hervor, dass die S-Klasse die meistverkaufte Luxuslimousine der Welt sei. Mehr als ein Drittel der aktuellen Generation ging nach China. Im vergangenen Jahr wurden weltweit 71 700 Limousinen der S-Klasse abgesetzt. Der schärfste Wettbewerber BMW konnte beim 7er rund 50 500 Wagen, Audi vom A8 rund 22 300 Autos verkaufen.
Daimler-Chef Källenius sieht Wachstumschancen
Seit Mercedes-Benz die Modellpalette mit kompakten Wagen und einer ganzen Palette von Geländewagen deutlich ausgeweitet hat, macht die S-Klasse nur noch wenige Prozent des gesamten Absatzes aus. In der Fachwelt ist man sich jedoch einig, dass sie nach wie vor eine sehr große Bedeutung hat. Stefan Reindl, Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft (Ifa) in Geislingen an der Steige, hebt hervor, dass sie ein wichtiger Technologieträger sei. Innovationen würden zunächst in der S-Klasse angeboten, bevor sie dann später in Fahrzeuge der E-, C- oder A-Klasse eingebaut würden. Damit präge sie im Blick auf Innovation und Leistungsfähigkeit das gesamte Markenimage.
Darüber hinaus seien die Flaggschiffe der Marke auch hoch profitabel, sagt Reindl. Dies hebt auch der Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler hervor. Die aktuelle Generation der S-Klasse habe etwa zehn Prozent des gesamten Konzerngewinns von Daimler eingefahren, schätzt Pieper. Weil derzeit jedoch Geländewagen stark gefragt sind, sieht Pieper in den kommenden Jahren keine Wachstumschancen für die klassischen Oberklasselimousinen. Daimler-Chef Källenius widerspricht dieser Einschätzung und sieht durchaus Wachstumschancen.
Stefan Reindl sieht zudem die Gefahr, dass die soziale Akzeptanz für solche wuchtigen Luxuswagen schwinden könnte. „Vor allem in hoch entwickelten Industrienationen sind inzwischen gesellschaftliche Tendenzen feststellbar, die eine Abkehr von ,schneller, weiter, höher’ erkennen lassen“, gibt der Wissenschaftler zu bedenken. Vielleicht schon in der laufenden Dekade könnte diese Entwicklung nach seiner Einschätzung kritisch für die automobilen Dickschiffe werden. „Die Menschen werden beispielsweise nicht mehr wegsehen, wenn die politischen Entscheidungsträger vor jedem Treffen zunächst ihren Fuhrpark mit Oberklasse-Limousinen zur Schau stellen. Sie müssen mehr an Zurückhaltung als an Prestige denken – gerade in Krisenzeiten,“ meint Reindl.