Die Sindelfinger Standortleiterin Sarah Gielen mit Produktionsvorstand Michael Schiebe Foto: Mercedes-Benz/Deniz Calagan

Keine Baureihe steht so sehr für die Marke Mercedes-Benz wie die S-Klasse. Doch ihr Stern war zuletzt gesunken: In Sindelfingen liegen große Hoffnungen auf dem neuen Modell.

Die Weltpremiere im Mercedes-Benz-Museum fiel standesgemäß aus. Dort, in Bad Cannstatt, wo der Konzern stolz seine Vergangenheit präsentiert, feierte er am 29. Januar den Beginn einer (hoffentlich) glorreichen Zukunft für sein Flaggschiff: die Weltpremiere der runderneuerten S-Klasse. Dieses Statement auf Rädern, von dem man in Stuttgart stets stolz sagte, es sei die meistverkaufte Luxuslimousine der Welt. Doch dieses Superlativ nahmen Konzernobere zuletzt seltener in den Mund – es stimmte schlicht nicht mehr.

 

Am eigentlichen Geburtsort jeder S-Klasse, im Mercedes-Werk Sindelfingen, sind die Hoffnungen auf das neue Modell entsprechend groß, wenn nicht gar enorm: Der Stern der Baureihe war zuletzt gesunken. Das soeben abgelöste Modell feierte nach der Einführung zunächst noch große Erfolge: Der weltweite Absatz wuchs 2021 auf über 87 000 Einheiten, 2022 verkaufte man sogar über 90 000 S-Klassen. Von 2023 an schlüsselte Mercedes den Absatz nicht mehr nach Baureihen auf, Beobachter sahen indes rückläufige Verkäufe des Top-Modells.

Nur 35 000 S-Klassen in 2025 verkauft

Genaue Zahlen liefert der Branchendienst IHS Automotive. Demnach liefen in Sindelfingen im Jahr 2025 nur noch rund 35 000 S-Klassen vom Band. Viel zu wenig, wenn es nach den Erwartungen der Konzernspitze geht. Die Werker montieren die S-Klasse in der hochmodernen Factory 56 gemeinsam mit dem Schwestermodell Maybach und dem elektrischen EQS. In dieses Produktions-Prunkstück hat Mercedes einst 730 Millionen Euro investiert. Doch von der erwünschten Auslastung war die Factory zuletzt meilenweit entfernt.

Seit November 2023 fährt der Konzern dort nur noch im Ein-Schicht-Betrieb. Der elektrische EQS, einst Hoffnungsträger der elektrischen Mercedes-Zukunft, verkaufte sich im vergangenen Jahr ebenfalls nur schleppend: 5000 Exemplare zählen Branchendienste. Erwartet worden war das Zehnfache. Deshalb musste sich Mercedes im Luxussegment in 2025 erstmals dem Erzrivalen BMW aus München geschlagen geben.

Vor zehn Jahren noch, als die S-Klasse in vollem Saft stand, knackten die Schwaben mit der Vorzeigelimousine die magische Marke von 100 000 Verkäufen pro Jahr. Die Konkurrenz aus München kam mit dem Siebener nicht mal auf die Hälfte, zählte damals knapp 49 000. Doch in 2025 hat sich das Blatt Richtung blau-weiß gedreht: Die Siebener-Reihe lief zusammen mit dem Luxus-Elektromodell i7 insgesamt 45 000 Mal vom Band. Das sind rund zehn Prozent mehr als S-Klasse und EQS zusammen erreichten.

Maybach konkurriert mit Rolls-Royce

Nur, wenn man den doppelt so teuren Maybach noch diesem Segment zurechnet, stimmen die Kräfteverhältnisse wieder aus schwäbischer Sicht: Dann sind es 54 000 Verkäufe. Doch das ist Augenwischerei, denn der Maybach konkurriert streng genommen nicht mit dem Siebener, sondern vielmehr mit der BMW-Nobeltochter Rolls-Royce. Wie dem auch sei, in Sindelfingen legt man große Hoffnungen auf den Erfolg der „Sonderklasse“, wie sie korrekt heißt.

Start in Sindelfingen zu einem großen Abenteuer: Drei S-Klassen befahren 140 Orte. Foto: Deniz Calagan

Von Sindelfingen bis nach Sydney

Zur Weltpremiere präsentiert der Konzern in Sindelfingen eine Kampagne, die an den 140. Geburtstag des Patents von Carl Benz angelehnt ist. Diesen Geniestreich des Mannheimer Tüftlers eines „Fahrzeugs mit Gasmotorenbetrieb“, der im ausgehenden 19. Jahrhundert das Pferd als vornehmliches Transportmittel ablöste. Die Werbeoffensive trägt den Namen „140 Years. 140 Places.“ – „140 Jahre. 140 Orte.“ Drei S-Klassen besuchen in diesem besonderen Konvoi 140 Orte auf der ganzen Welt: Von Sindelfingen aus geht es auf die Route 66 in den USA, nach Buenos Aires, weiter nach Shanghai und bis nach Sydney.

Die drei Sänften aus Sindelfingen befahren Länder, Städte und Plätze auf allen Kontinenten, in denen Mercedes Spuren hinterlassen hat, so die Idee. Es sei „die ambitionierteste Markenreise, die jemals unternommen wurde“, schreibt Mercedes. Scheint, als müsse die Stuttgarter in aller Herren Länder daran erinnern, für was die Marke steht: die begehrenswertesten Luxusautos der Welt zu bauen. In Sindelfingen dürfte man genau beobachten, ob dieses Unterfangen glücken wird.