Bei der Mercedes-Hauptversammlung am Mittwoch wird Martin Brudermüller Nachfolger von Bernd Pischetsrieder. Geht mit dem Ex-BASF-Chef der Kuschelkurs von Mercedes gegenüber der Politik weiter – oder wird der Aufsichtsrat kritischer?
Neulich besuchte der krisengeplagte Bundeskanzler Olaf Scholz Mercedes in Sindelfingen und absolvierte ein Heimspiel. Während Wirtschaftsverbände ihm unentwegt Realitätsverweigerung und Passivität gegenüber den großen Herausforderungen vorwerfen, behandelte der Chef des Mercedes-Konzerns den Kanzler mit ausgesuchter Freundlichkeit. „Unser gemeinsames Ziel ist die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes Deutschland“, umgarnte Ola Källenius den Kanzler. Die notwendige Transformation lasse sich mit zukunftsweisenden politischen Rahmenbedingungen „noch schneller vorantreiben. Danke an Kanzler Scholz und alle Kolleginnen und Kollegen für diesen intensiven und konstruktiven Austausch.“
Ein Mann klarer Worte
Martin Brudermüller, bis vor Kurzem Chef des Ludwigshafener Chemieriesen BASF, schlägt da andere Töne an. „Der Standort Deutschland fällt international zurück, es sieht wirtschaftlich nicht gut aus“, blaffte er kürzlich im „Handelsblatt“. Die Wirtschaft dringe „mit ihren Sorgen und Rufen in der Bundesregierung nicht mehr durch. Das ist frustrierend.“
An diesem Mittwoch wird Brudermüller erneut ein wichtiges Amt antreten: Er wird vom einfachen Mitglied zum Chef des Aufsichtsrats von Mercedes gewählt werden, als Nachfolger des einstigen BMW- und VW-Chefs Bernd Pischetsrieder. Dass die Anlegerinnen und Anleger diesem Vorschlag des Aufsichtsrats folgen werden, daran gibt es keinen Zweifel.
Im Auftreten gegenüber der Politik gibt es einen großen Unterschied zwischen dem Chef der Aufseher und dem des Mercedes-Vorstands, dessen Arbeit Brudermüller laut Aktiengesetz zu überwachen hat. Wird der Neue die Arbeit für Källenius und die Seinen unbequemer machen?
Die große Gemeinsamkeit
Zwischen beiden gibt es allerdings auch eine große Gemeinsamkeit: den Umgang mit China. Beide halten dieses Land für essenziell und widersetzen sich allen Rufen nach einem auch nur teilweisen Rückzug. Brudermüller hat schon 2018, gleich nach seinem Amtsantritt als BASF-Chef, damit begonnen, die größte Investition der Konzerngeschichte in die Wege zu leiten. Für zehn Milliarden Euro baut BASF dort einen gigantischen Verbundstandort, der in China etliche Industrien beliefern soll – auch Autohersteller.
Im Verhältnis zu den Arbeitnehmervertretern gibt es ebenfalls Parallelen. Einerseits haben sich beide Chefs Respekt bei Gewerkschaften und Betriebsräten erarbeitet – andererseits aber lässt die starke Ausrichtung auf China hier wie dort Befürchtungen wachsen, dass dies zulasten der heimischen Beschäftigung gehen könne. Brudermüller hat dem Stammwerk Ludwigshafen bereits ein Sparprogramm verordnet; auch bei Mercedes befürchtet der Betriebsrat, dass perspektivisch im großen Stil Stellen verlagert werden könnten. Wird BASF-Sparkommissar Brudermüller womöglich Druck machen, auch in Stuttgart härter auf die Bremse zu treten?
Während Brudermüller sich als kantiger Kopf profiliert hat, sind einige seiner Vorgänger bei Mercedes durch eine besondere Nähe zu den Vorstandschefs aufgefallen. Als besonders vorstandsnah galt der frühere Deutsche-Bank-Chef Hilmar Kopper, der das Kontrollgremium während der gesamten zehnjährigen Amtszeit des damaligen Vorstandschefs Jürgen Schrempp führte. 1998, kurz vor der geplanten Übernahme von Chrysler, soll Schrempp Kopper seine Idee von der Welt AG bei einem Hausbesuch unterbreitet haben. Kopper sei von der Idee so begeistert gewesen, dass er zur Feier des Tages eine Flasche 1975er Château Lafite entkorkt habe.
Loyalität zwischen Chefs und Aufsehern
Innerhalb weniger Monate wechselten von 2006 an sowohl der Vorstands- als auch der Aufsichtsratsvorsitz, und zwischen Koppers Nachfolger Manfred Bischoff und Schrempps Nachfolger Dieter Zetsche entwickelte sich ebenfalls ein gutes Einvernehmen. Im Jahr 2013 wollte Erich Klemm, damals Chef des Gesamtbetriebsrats und Vizechef des Aufsichtsrats, unbedingt eine Vertragsverlängerung Zetsches verhindern, dem man Gesprächsunfähigkeit über sein geplantes Sparprogramm vorwarf. Doch Bischoff legte sich für Zetsche mächtig ins Zeug und drohte sogar, mit seinem Doppelstimmrecht die Arbeitnehmerseite zu überstimmen. Am Ende einigte man sich auf eine Verlängerung um drei statt fünf Jahre.
Heftige Kontroversen zwischen Vorstand und Aufsichtsratsspitze sind bei Mercedes vorerst eher nicht zu erwarten – zumindest keine öffentlichen. Der gebürtige Stuttgarter Brudermüller ist zwar von ganz anderem Naturell als Källenius, doch noch bevor er sein Amt bei Mercedes antritt, hat er sich Zurückhaltung auferlegt. Als er noch nicht BASF-Chef war, habe er „öffentlich überwiegend die Klappe gehalten“. Angesichts seiner Chefrolle habe sich das zwar geändert. Jetzt aber trete er „zurück ins Glied. In bestimmten Situationen werden Sie vielleicht mal meine Stimme hören, aber sicher nicht mehr so intensiv.“