Maurice Szegedi ist auf TikTok als Mercadenchiller unterwegs. Mittlerweile hat er dort über 100 000 Follower. Er bewegt sich in einer Szene, auf die auch die Polizei ein Auge hat.
Maurice Szegedi steht vor dem Einkaufszentrum Mercaden in Böblingen. Es dauert keine Minute, bis drei junge Männer in schwarzen Lederjacken und weiten Hosen auf ihn zukommen und ihm einen Handschlag geben. „Gehst du heute noch ins Fitnessstudio?“, fragt der eine. Kurz darauf nähert sich eine Gruppe jugendlicher Mädchen. „Kannst du einen Gruß ausrichten?“ Eines der Mädchen streckt ihm ihr Handy entgegen. Maurice Szegedi rückt seine schwarze Baseballmütze zurecht, die er verkehrt herum auf dem Kopf trägt, und grüßt in die Handykamera. Bei Jugendlichen ist er ein bekanntes Gesicht, auf TikTok nennt er sich Mercadenchiller.
Mittlerweile hat der 21-Jährige über 100 000 Follower auf der Plattform, obwohl er erst vor zehn Monaten angefangen hat, auf TikTok zu posten. Meistens stellt er sein Handy auf die Stromkästen, die entlang der Talstraße platziert sind, und geht live – im Hintergrund prangt dann das Einkaufszentrum mit dem Schriftzug „Mercaden“. Mit nasaler Stimme sagt er: „Alda, Alda, stark, stark, stark“ – ein Spruch, der in beinahe jedem Video vorkommt und unter den Jugendlichen mittlerweile Wiedererkennungswert besitzt. Besonders viel Inhalt vermittelt er in diesen Livestreams nicht – meist wartet er, bis andere Jugendliche auf ihn zukommen.
Dominanz, Territorialverhalten und Schlägereien
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„Msclj wird live beleidigt“, „Msclj wird aggressiv“ oder „Msclj bekommt Angst, dass er gepackt wird, und muss sich verstecken“ – unter Überschriften wie diesen laufen seine Videos. Auf Erwachsene wirken sie oft wie Satire. Die Themen der Clips reichen von Dominanz über Territorialverhalten bis hin zu Schlägereien. Ein Begriff, der in diesem Umfeld immer wieder vorkommt, ist „Talahon“: Das Wort beschreibt klischeehaft junge Männer, die mit Bauchtasche und gefälschten Luxusklamotten herumlaufen, um sich aufzuspielen.
Mit seiner Followerzahl und der Reichweite seiner Videos könne der junge TikToker einen enormen Einfluss auf das Weltbild von Jugendlichen und Kindern ausüben, sagt Florian Buschmann, Gründer der „Offline Helden“, der mit seinem Team an Schulen in ganz Deutschland unterwegs ist, um junge Leute für einen gesunden Umgang mit sozialen Medien zu sensibilisieren. Der Trend hin zu Verherrlichung von Gewalt und männlichem Dominanzverhalten bemerkt Florian Buschmann auch in den Schulen, die er besucht. „Die Kinder hinterfragen diese Werte, die auf diesen Plattformen weitergegeben werden, oft nicht“, weiß er.
„Alda, Alda, stark, stark, stark, Msclj wurde schon zweimal gepackt und war deshalb zweimal im Krankenhaus“, sagt Maurice Szegedi in einem seiner Videos und hält sein zugeschwollenes, blaues Auge in die Kamera. „Am Anfang war das brutal schlimm“, erzählt er im Gespräch. „Da wurde ich mit Flaschen und Steinen beworfen.“ Die Jugendlichen, die ihn verprügelt und auf offener Straße angegangen seien, seien neidisch gewesen, vermutet der 21-Jährige. „Ich habe mich vorher noch nie geschlägert.“
Als er seine TikTok-Karriere gestartet habe, sei er regelrecht gemobbt worden, erzählt er. Dreimal sei er eigenen Angaben zufolge bereits verprügelt worden, zweimal davon vor laufender Kamera. Einer, der ihn krankenhausreif geschlagen habe, sei der sogenannte „Herrenberger Boss“ der Jugendgang „083 Familia“ gewesen, die in den letzten Monaten in den Fokus der Polizei gerückt ist. Der Anführer der Gang wurde im Februar zu einer Jugendstrafe von zwei Jahren verurteilt. Der Grund für die handgreifliche Auseinandersetzung: unbekannt. Szegedi vermutet Neid auf seine digitalen Erfolge.
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Innerhalb von 24 Stunden bekam Szegedi nach dieser Schlägerei über 20 000 neue Follower auf TikTok. Das hat ihn vor allem eines gelehrt: „Die Leute stehen auf Stressmacherei.“ Deshalb legt er den Fokus in seinen Videos auch genau darauf. Aber: „Ich schlag mich nicht für neue Follower“, sagt er. Geld verdient er eigenen Angaben zufolge mit seinen Inhalten – je nach Monat angeblich drei- bis vierstellige Beträge.
Dass jemand auf einer Plattform so schnell wachse, sei schon außergewöhnlich, sagt Florian Buschmann. „In sozialen Medien wie TikTok werden vor allem Inhalte gepusht, die viele Interaktionen haben“, sagt der Experte. Und Provokation sorge eben für viele Interaktionen. So würden einzelne Personen schnell viel Einfluss gewinnen können.
Dass er mit seiner Präsenz in den sozialen Medien immer wieder an die Grenzen der Strafbarkeit stößt, beunruhigt Maurice Szegedi nicht. Polizisten seien regelmäßig Zuschauer in seinen Livestreams, auch sein Handy hätten Beamte bereits zweimal beschlagnahmt. Drei Monate lang habe er deshalb auf TikTok nicht posten können, bis er selbst einen Anwalt eingeschaltet habe. „Da sind mir direkt um die 7000 Leute entfolgt“, erzählt der 21-Jährige, der auf seinem TikTok-Account auch öffentlich die AfD unterstützt.
„Ich filme ja nur, was da draußen eigentlich abgeht“
Ob er die Jugendszene in seinen Clips nur vorführt oder selbst ein Teil davon ist, das wird im Gespräch mit dem jungen Mann nicht ganz klar. Einerseits sagt Maurice Szegedi, dass die Jugendlichen von heute respektlos und unhöflich seien, andererseits habe er mittlerweile auch Freundschaften geschlossen. „Da gibt es auch mega viele korrekte Leute, die auf der Straße herumlaufen.“
Dass er mit seiner Präsenz in den sozialen Netzwerken auch Einfluss auf die nächste Generation nimmt, das will er nicht so recht wahrhaben. „Ich filme ja nur, was da draußen eigentlich abgeht“, sagt er. Dass er Realität nicht nur abbildet, sondern sie auch schafft – darüber hat er sich noch keine Gedanken gemacht.
Doch diesen Einfluss zu ignorieren, findet Florian Buschmann fahrlässig. „Wir müssen uns darüber Gedanken machen, was das mit unserer Gesellschaft macht“, sagt er. Denn diese Art von Inhalten würden seiner Meinung nach Gesellschaften destabilisieren. Den Trend, dass sich männliche Jugendliche in den sozialen Medien als besonders gefährlich und maskulin präsentieren, kann auch Torsten Mayer, Leiter des städtischen Jugendhauses casa nostra, bestätigen. Dabei gehe es oft darum, Grenzen zu überschreiten und Macht gegenüber anderen Menschen auszuüben, erklärt er. Zwar sei der Mercadenchiller selbst noch nie zu Gast im Jugendhaus in Böblingen gewesen, doch würden ihn ausnahmslos alle jungen Leute in der Stadt kennen.
Andere Jugendliche leiden darunter, mit ihnen in einen Topf geworfen zu werden
Die Herrenberger Gruppe „083 Familia“ allerdings, mit der auch der Mercadenchiller bereits Auseinandersetzungen hatte, sei eine Zeit lang im Jugendhaus vorbeigekommen, erzählt der Leiter der Einrichtung. Regelmäßig seien in deren Anwesenheit Leute bedroht oder Regeln missachtet worden. „Wir hatten oft das Gefühl, dass es meist nur darum ging, Stress zu machen“, sagt Torsten Mayer. Doch damit nicht genug: Auch die illegalen Machenschaften der Jugendlichen wie das „Abrippen“ von Gegenständen sowie Gewalt würden bei diesen jungen Leuten dazu gehören. „Der Respekt gegenüber Frauen war kaum vorhanden, trotzdem wirkten sie paradoxerweise auf einige der Mädchen anziehend“, erzählt der Jugendhaus-Leiter.
Doch er sagt auch, dass diese Jugendlichen immer noch eine Ausnahme darstellten. Die meisten jungen Leute würden sich von ihnen eher fernhalten. Viele würden sogar darunter leiden, mit ihnen in einen Topf geworfen zu werden, obwohl sie sich komplett anders verhielten und sich sehr gut in die Gesellschaft einfügen würden.
„Die Zahlen müssen steigen, auf folgen drücken, der nächste Step ist, die 114 000 zu schaffen“, sagt Maurice Szegedi in einem seiner neusten Livestreams. Aufhören will der Mercadenchiller, der gerade eine Ausbildung bei der Firma Schnellecke in Sindelfingen absolviert, mit seiner Social-Media-Präsenz noch lange nicht. Denn verglichen mit anderen TikTokern, sagt er, stehe er noch ganz am Anfang.
Der Trend Talahon
Talahon
Der Begriff kommt aus dem Arabischen „Ta’al La’hon“ und bedeutet „Komm her“. Zum Selbstbild gehören Produkte von Louis Vuitton, zur Schau gestelltes Muskeltraining und Bauchtaschen. Teils wird der Begriff als abwertende Fremdbeschreibung genutzt, einige Jugendliche bezeichnen sich allerdings auch selbst als „Talahon“.
Jugendwort des Jahres
Im Jahr 2024 kam das Wort „Talahon“ auf den zweiten Platz bei der Wahl zum Jugendwort des Jahres. Den ersten Platz erreichte das Wort „Aura“.