Mentorin Ana Rodríguez und Mentee Luciula Morelli Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Beim Berufseinstieg müssen Einwanderinnen oft besondere Hürden überwinden. Dabei können ihnen Mentorinnen helfen. Demnächst startet im Südwesten die dritte Runde.

Stuttgart - Luciula Morelli war ratlos. Mehr als 20 Bewerbungen hatte die Chemieingenieurin losgeschickt, und auf alle hatte sie eine Absage erhalten. „Irgendwann dachte ich, mit mir sei etwas falsch. Mein Selbstbewusstsein ging immer mehr nach unten“, erzählt die Brasilianerin. Das änderte sich, als sie Ana Rodríguez kennenlernte. Die Maschinenbauingenieurin engagiert sich ehrenamtlich als Mentorin für Migrantinnen und wurde zu einer wichtigen Gesprächspartnerin für Morelli.

„Wenn man aus einem anderen Land kommt, gibt es viele Stolpersteine auf dem Weg in den Beruf, weil die Gepflogenheiten und Erwartungen in jedem Land anders sind“, sagt Rodríguez. Das weiß sie aus Erfahrung. In den 1990er Jahren kam die Spanierin zum Studium nach Deutschland. Sie schrieb ihre Doktorarbeit und arbeitet heute in der Forschungsabteilung eines großen Unternehmens in der Region Stuttgart.

Keine Angst vor Vorstellungsgesprächen

Das Problem ist bekannt. 2017 haben die zwölf Kontaktstellen „Frau und Beruf“ im Südwesten deshalb ein Mentorinnenprogramm für Migrantinnen ins Leben gerufen. Frauen, die bereits im Berufsleben stehen, unterstützen Frauen, die noch den Zugang zur Arbeitswelt suchen. „Solche Vorbilder sind wichtig“, sagt Inge Zimmermann, Leiterin der Kontaktstelle in Stuttgart.

Über acht Monate hinweg trafen sich Rodríguez und Morelli zweimal monatlich, sprachen über Morellis Ziele, gingen ihre Bewerbungsunterlagen durch und übten Vorstellungsgespräche. Morelli nutzte die Zeit dazwischen für die Stellensuche, entwarf Bewerbungsbriefe und feilte an ihren Deutschkenntnissen. „Für mich waren die Anschreiben etwas völlig Neues“, sagt sie. In Brasilien schicke man nur einen kurzen ­Lebenslauf. Über Motivation, Qualifikation und Erwartungen werde dann beim Vorstellungsgespräch geredet. Rodríguez habe ihr immer wieder Mut gemacht. Nach einigen Wochen kamen Einladungen zum Vorstellungsgespräch, inzwischen arbeitet sie in einem deutschen Unternehmen.

Zeigen, was in ihr steckt

Ihr mache die Arbeit als Mentorin viel Freude, sagt Rodríguez. Sie bringt die Frauen dazu, ihre Wünsche und Erwartungen zu formulieren und das, was in ihnen steckt, auch zu zeigen. „Sie sind die Pilotinnen, ich bin die Co-Pilotin, die sie unterstützt“, beschreibt sie ihre Rolle. Vielen Frauen fehle es nicht an Kompetenzen, sondern am Wissen, wo und wie sie diese am besten einsetzen könnten. Das erschwere häufig den Berufseinstieg – auch bei Fachkräften, die händeringend gesucht würden. Das Mentorinnenprogramm fülle eine große Lücke.

Das sieht auch Morelli so. Ihr Mann war von Brasilien nach Stuttgart versetzt worden, sie arbeitete zunächst bei einer Niederlassung ihres früheren Arbeitgebers in Köln. Nach einem Jahr Pendeln kündigte sie – in der Hoffnung, schnell eine Stelle zu finden. „Ohne die Unterstützung von Ana hätte ich die Suche vielleicht aufgegeben“, sagt sie. Jetzt kann sie sich gut vorstellen, eines Tages ebenfalls Mentorin zu werden.

Neue Mentorinnen erwünscht

Von dem Programm profitiere die Wirtschaft, ist Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) überzeugt. Sie unterstützt es mit 100 000 Euro. Die Begleitung dauert sechs bis acht Monate und umfasst neben dem Austausch alle zwei Wochen auch Fortbildungen und Veranstaltungen. Informationen zur Teilnahme gibt es im Internet unter www.frauundberuf-bw.de/mentorinnen-programm.

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