Was kann dem VfB Stuttgart noch helfen? Mirko Irion erklärt den Umgang mit Versagensängsten. Foto: Privat

Der sportpsychologische Berater Mirko Irion erklärt die Aussetzer beim VfB Stuttgart – und sagt, was jetzt noch hilft.

Stuttgart - Vor dem Spiel gegen den SV Sandhausen (Mittwoch,18.30 Uhr/Liveticker) steckt der VfB Stuttgart in der Krise. Sportdirektor Sven Mislintat nennt den großen Druck als Grund für die schwachen Leistungen. Der sportpsychologische Berater Mirko Irion weiß, wie damit umzugehen ist.

Herr Irion, VfB-Sportchef Sven Mislintat hat den großen Druck als Ursache für die zuletzt schwachen Leistungen ausgemacht. Ist das nachvollziehbar oder ein Alibi?

Es ist kein Alibi, darf aber auch keine Entschuldigung sein. Natürlich ist der Druck groß, wenn man ein paar Spieltage vor Schluss um ein großes Ziel kämpft. Entscheidet ist, wie man damit umgeht – und was der Verein seinen Spielern als psychologische Unterstützung anbietet.

In Krisenzeiten werden gern Einzelgespräche geführt.

Schön und gut. Viel wichtiger ist aber die Teampsychologie. Beim VfB hat man spätestens nach der Entlassung von Tim Walter im Winter klargemacht, dass in diesem Jahr nur der Aufstieg zählt. Dieser selbst auferlegte Druck lastet nun auf den Spielern.

Die sich teils unerklärliche Aussetzer leisten – nur wegen des Drucks?

Natürlich bringt jeder Zweitligaspieler einen Pass über zehn Meter normalerweise im Schlaf an seinen Mitspieler. Also lässt sich ein Abspiel wie von Marcin Kaminski in Karlsruhe nur im Kopf erklären. Druck ist ja per se nicht schlecht. Er muss nur richtig dosiert sein. Herrscht zu wenig Leistungsdruck, führt es zu Laissez-faire, zuviel lähmt und blockiert. Es kommt zu Kurzschlüssen – und unnötigen Fehlpässen.

Aus unserem Plus-Angebot: Was ist nur mit dieser Mannschaft passiert?

Aber Profis lernen doch von klein auf, damit umzugehen.

Die einen mehr, die anderen weniger. Häufig sind sie immer noch sich selbst überlassen. Der eine geht vielleicht zum Psychologen, der andere bemüht einen systemischen Coach. Als fester Bestandteil des Teamtrainings wird der Psychologie im Profisport aber noch immer zu wenig Bedeutung beigemessen.

Wo kann der Trainer einer offenbar verunsicherten Mannschaft wie dem VfB jetzt noch ansetzen?

Er muss die Stimmung wieder hochbringen. Das geht zum Beispiel durch Übungen, die vielleicht weniger anspruchsvoll sind, die aber flutschen und Spaß machen. Er könnte auch noch einmal an alte Erfolge erinnern und Videos von gewonnenen Spielen zeigen. Nicht zuletzt muss er seiner Mannschaft klarmachen, dass sich die Welt auch dann weiterdreht, wenn das große Ziel verpasst wird.

Was raten Sie einem Spieler, der vielleicht schon mit schlotternden Knien den Platz betritt?

Da gibt es keine Pauschallösungen. Aber es gibt Techniken, die man erlernen kann. Atemtechniken zum Beispiel.

Ist es drei Spieltage vor Saisonschluss überhaupt noch möglich, den Schalter umzulegen?

Rein psychologisch lässt sich kein Schalter umlegen. Man kann höchstens den Drehregler betätigen.

Eine verunsicherte Mannschaft bekommt man also nicht von heute auf morgen wieder in die Spur.

Schwierig. Vielleicht würde es dem VfB ja helfen, die bisherige Saison nicht als erfolglos zu betrachten, sondern andersherum. Man ist ja immerhin Dritter.

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