Viele Frauen leiden während der Menstruation unter sehr starken Schmerzen und sind kaum arbeitsfähig. Foto: IMAGO//Yosuke Tanaka

Während der Periode oder der Wechseljahre kann der Job ganz schön stressen. Viele Frauen leiden unter sehr starken Beschwerden – und kämpfen sich mit Schmerzmitteln durch den Tag. Wäre ein Periodenurlaub nicht sinnvoller?

Spanien gilt als Vorreiter in Europa. Vor Weihnachten hat das spanische Parlament den Weg frei gemacht für einen „Menstruationsurlaub“ für Frauen, die erhebliche Beschwerden haben während ihrer Periode. Wenngleich das Wort Urlaub irreführend ist – viele Frauen sind schlichtweg krank –, ist dies ein Schritt in Richtung Tabubruch, welchen die linke spanische Regierung damit geht.

 

Periodenbeschwerden waren und sind in vielen Ländern immer noch Privatsache der Frau. Allein darüber zu sprechen ist für viele ein Tabu. Dabei hatten laut einer australischen Studie 80 Prozent aller befragten Frauen während ihrer Regel schon so starke Schmerzen, dass sie nicht aufstehen oder gar arbeiten konnten. Jede Zehnte leidet laut Techniker-Krankenkasse so unter ihren Periodenbeschwerden, dass sie an bis zu drei Tagen pro Monat den normalen Alltag nicht bewältigen kann.

Und in Großbritannien ergab eine parlamentarische Untersuchung sogar, dass fast eine Million Frauen ihren Job wegen Wechseljahresbeschwerden aufgegeben haben.

Vernachlässigtes Thema

In Deutschland gibt es bis jetzt keine Regelungen wie in Spanien. Manche Unternehmen bieten flexible Lösungen wie zum Beispiel das Berliner Start-up Einhorn. „Bei Einhorn gilt, wer sich nicht gut fühlt, egal ob wegen Menstruationskrämpfen, Migräne oder weil ein sich übergebendes Kind einen die ganze Nacht lang wach gehalten hat – muss nicht arbeiten“, sagt Cordelia Röders-Arnold, deren Titel bezeichnenderweise „Head of Menstruation“ ist. Eine kurze Nachricht in den Teamchat „Hallo, heute ohne mich. Bis morgen“ genüge völlig. „Menschen sind keine Roboter, mal ist Energie da, mal nicht.“

Ansonsten ist das Thema Frauengesundheit in Unternehmen – und auch politisch – in den meisten Ländern ein sehr vernachlässigtes. Die Ergebnisse einer Studie der Universität Göteborg zeigen, eine große Anzahl von Frauen erfahre während der Menstruation negative emotionale Auswirkungen aufgrund von Angst oder Scham, weil sie die Menstruation vielleicht nicht vor anderen verbergen können. „Bei den meisten bleibt die praktische Pflege ihrer Menstruationshygiene ein gut gehütetes Geheimnis“, sagt die Studienautorin Josefin Persdotter.

Und die Menstruation geht bei vielen Frauen mit zig erheblichen körperlichen und psychischen Beschwerden einher. Der Mediziner John Guillebaud vom Institut für Frauengesundheit des University College London hat zudem herausgefunden, dass die Menstruationskrämpfe in einigen Fällen mit den Schmerzen bei einem Herzinfarkt zu vergleichen seien.

Die aktuelle Erhebung der Women’s-Health-Studie der Harvard T. H. Chan School of Public Health, für die rund 10 000 Amerikanerinnen während ihrer Periode befragt wurden, zeigte, dass bei mehr als 60 Prozent der Teilnehmerinnen monatlich starke Unterleibskrämpfe, Blähungen und Müdigkeit auftreten.

Mehr als die Hälfte der Teilnehmerinnen berichtete über starke Kopfschmerzen, 37 Prozent klagten über Durchfall und Schlafstörungen über mehrere Tage hinweg. „Das zeigt, dass dieses natürliche monatliche Ereignis etwas ist, über das wir mehr Diskussionen führen sollten“, sagt die Studienleiterin Shruthi Mahalingaiah, Assistenzprofessorin für Umwelt-, Reproduktions- und Frauengesundheit an der Harvard Chan School.

Der Zeitgeist ist heute schlicht ein anderer: Gesundheit wird ernster genommen

Deshalb ist in einigen Ländern die weibliche Menstruation längst nicht mehr nur die Privatsache von Frauen, sondern ein Politikum. Länder mit gesetzlich verankertem Menstruationsurlaub sind zum Beispiel Südkorea, Taiwan, Japan, Indonesien, Zambia und seit Kurzem auch China. Aber nicht überall wird es tatsächlich umgesetzt. „Wie gut das Konzept der Abwesenheit bei Menstruationsschmerzen in Spanien angenommen wird, gilt auch abzuwarten“, sagt Cordelia Röders-Arnold. Japan habe eine solche Regelung schon seit 1947, jedoch werde es kaum in Anspruch genommen. „Zu groß ist die Angst, stigmatisiert zu werden“, ergänzt sie.

In vielen anderen Ländern fordern Politikerinnen und Politiker nun ähnliche Regelungen. Befürworter sehen den Vorteil einer erhöhten Produktivität am Arbeitsplatz und der Milderung von gesundheitlichen Beschwerden. Aber auch der Zeitgeist ist heutzutage schlicht ein anderer. „Ich finde es richtig, das Unternehmen anerkennen, dass Menschen in unterschiedlichen Momenten ihres Lebens unterschiedlich leistungsfähig sind – und die entsprechende Flexibilität ermöglichen“, sagt Röders-Arnold. „Davon profitieren auch Menschen, die nicht menstruieren.“

Allerdings gibt es immer wieder Kritik an einer Art „Periodenurlaub“ – auch aus feministischer Sicht. Franka Frei, Autorin des Buchs „Periode ist politisch“, schreibt: „Wären Firmen zum Beispiel per Gesetz verpflichtet, ihren Mitarbeitenden Periodenurlaub zu gewähren, hätten Frauen womöglich noch schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt als ohnehin schon.“

Frei glaubt, dass Frauen in Verdacht stünden, weniger Profit zu erbringen, da sie ja öfter ausfallen könnten als Nicht-Menstruierende. „In einer anderen Welt wäre so eine Auszeit sicher eine schöne Regelung. In unseren aktuellen Strukturen, die ja immer noch sexistisch sind, ergibt sie für mich keinen Sinn.“ Röders-Arnold plädiert deshalb für eine flexible Regelung, die es allen Menschen unkompliziert ermöglicht, aus gesundheitlichen oder mentalen Gründen kurzzeitig der Arbeit fernzubleiben.

Kein Lifestyle-Thema

Die Münchner Frauenärztin Stephanie Eder vom Berufsverband der Frauenärzte (BVF) mag schon das Wort „Periodenurlaub“ nicht. „Es ist kein Urlaub“, sagt sie. „Ich würde mir auch eher wünschen, dass man Frauen medizinisch so hilft, dass sie arbeiten können.“

Mythen über die Menstruation

Giftiges Blut
 Blumen, die verwelken. Hefeteig, der nicht aufgeht – lange hielt sich der Mythos, dass Menstruationsblut giftig ist. Die Theorie basiert auf doch recht unwissenschaftlichen Annahmen des Wiener Arztes Belá Schick. Er glaubte, dass Rosen verwelkten, wenn seine Haushälterin sie goss, während sie ihre Tage hatte. Dieser Mythos wurde erst 1958 von dem Arzt Karl Johann Burger widerlegt.

Hysterie
Vielerorts mussten sich Frauen während ihrer Periode separieren – sie galten als „hysterisch“ in der Zeit. Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau erklärte die Menstruation zur Folge von mangelnder Bewegung, zu vielem Essen und eingeschränkter Sexualität. Viele Medizinern beschrieben die Periode im 19. Jahrhundert als krankhaft, die Schwangerschaft galt hingegen als der natürliche Zustand der Frau.

Hysterie
Vielerorts mussten und müssen sich Frauen während ihrer Periode separieren – sie gelten als „hysterisch“ in der Zeit. Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau erklärte die Menstruation zur Folge von mangelnder Bewegung, zu vielem Essen und eingeschränkter Sexualität. Von vielen Medizinern wurde die Periode im 19. Jahrhundert auch als krankhaft beschrieben, die Schwangerschaft galt hingegen als der natürliche Zustand der Frau.