Menschen mit Behinderung sind genauso vom Coronavirus bedroht wie Alte und Schwangere. In der politischen Debatte spielen ihre Belange aber kaum eine Rolle. Betroffene und diejenigen, die sich um sie kümmern, prangern das an.
Ludwigsburg - Was hat sich für Menschen mit Behinderung im Corona-Jahr verändert? Wie erleben sie die Pandemie? Wir haben uns bei Vereinen, Heimen und Werkstätten umgehört.
Wie erleben Menschen mit Behinderung die Pandemie?
Ganz unterschiedlich, je nach Grad und Art ihrer Einschränkungen. Petra Nicklas, selbst Mutter einer behinderten Tochter und Vorsitzende des Vereins Gemeinsam e.V, der rund 30 Familien im Kreis Ludwigsburg unterstützt, weiß von Jugendlichen, die daheim randalieren, weil sie mit der Situation nicht klar kommen.
Ihre Tochter sei zu Beginn auch sehr irritiert gewesen, wenn Leute eine Maske getragen hätten, sagt Nicklas „Sie braucht die Mimik, um Sachen richtig deuten zu können.“ Dass ihre Tochter selbst Maske trage, sei praktisch unmöglich. „Damit stranguliert sie sich selbst.“ So geht es auch anderen Menschen mit Behinderung. Das Verständnis dafür hält sich bei manchen aber in Grenzen. Nicklas weiß von Fällen, die in öffentlichen Verkehrsmitteln massiv angegangen wurden, weil sie keine Mund-Nase-Bedeckung trugen.
Menschen, die weniger stark eingeschränkt sind, tun sich ein Stück leichter. „Die meisten verstehen die Situation“, sagt Isabell Brando, Sprecherin der Theo-Lorch-Werkstätten. Aber das lasse sich nicht pauschalisieren, jeder Mensch mit Behinderung sei anders. Oft treiben sie dieselben Sorgen um, wie jeden anderen auch. „Ich bin angespannt, wenn ich überlege, wie es weitergeht. Ich sorge mich um meine Familie und Freunde“, sagt ein Mitarbeiter der Theo-Lorch-Werkstätten.
Warum ist der Arbeitsplatz für Menschen mit Behinderung so wichtig?
Für viele Erwachsene mit geistiger Behinderung ist die Arbeit der Lebensmittelpunkt. Dass in den Theo-Lorch-Werkstätten bis zuletzt in Teilzeit gearbeitet wurde, um die Hygiene- und die Abstandsregeln einzuhalten, ist deshalb ein starker Einschnitt für viele. Teilweise mussten sich sie sich auch auf neue Mitarbeiter einstellen, weil die bestehenden Gruppen aufgelöst und nach dem Wohnort neu zusammengestellt wurden. „Unsere Bewohner haben oft ihre Freunde am Arbeitsplatz“, sagt Nicole Sicking, die Leiterin des Bereichs Hilfen für Menschen mit geistiger Behinderung auf der Karlshöhe. „Sie sind nun phasenweise von wichtigen sozialen Kontakten abgeschnitten.“ In der frei werdenden Zeit könnten sich die Behinderten meist nicht selbst beschäftigen, so Sicking, sondern müssten betreut werden.
Warum ist ein Lockdown für Menschen mit Behinderung doppelt belastend?
Ein Mann, der in den Theodor-Lorch-Werkstätten arbeitet, sagt zwar: „Als alles geschlossen wurde, fand ich das erstmal angenehm.“ Doch das Gefühl sei schnell verflogen. „Nach zwei Wochen hatte ich kaum noch einen Antrieb, mir fehlte die Tagesstruktur in der Werkstatt.“ Hinzu kam, dass Kontakt zu den Angehörigen – Bewohner der Karlshöhe verbringen häufig die Wochenenden bei ihren Familien – kaum möglich war. Deshalb schaffte die Karlshöhe Computer an, über Videochats konnten die Bewohner so mit ihren Familien kommunizieren. Außerdem richteten die Verantwortlichen Besuchszonen mit Plexiglas-Abtrennung ein.
Was müssen die Betreuer leisten?
Viel mehr als sonst. In den Theo-Lorch-Werkstätten messen sie bei jedem Beschäftigten vor Arbeitsbeginn Fieber, das Mittagessen nehmen die behinderten Menschen in bis zu 16 Schichten – je nach Größe des Standorts – ein.
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Nicole Sicking lobt das Engagement ihrer Pflegekräfte. Sie hätten „außerordentlich feinfühlig und souverän“ reagiert – trotz der enormen Belastung. Das gelte nicht nur für den beruflichen Bereich. Auch in der Freizeit verhielten sie sich „bewundernswert konsequent“. Die meisten würden freiwillig auf Kontakte verzichten, um das Risiko einer Ansteckung für die Klienten zu vermindern. Vergleichsweise niedrige Ansteckungszahlen – sowohl in den Werkstätten als auch auf den Wohngruppen – sind der Lohn dafür.
Wie sieht es in den Vereinen aus?
Die Vereine mussten ihr Angebot in diesem Jahr stark zurückfahren. Ausflüge und Konzerte, mit denen sie Spenden einnehmen, fielen aus. Das sei schade, sagt Petra Nicklas von Gemeinsam e.V. „Viele der Erwachsenen saßen zuhause und hatten kaum Kontakt. „Auch weil sie digital oft nicht so bewandert sind.“ Dem Verein sind in der Corona-Pandemie auch einige Betreuer, die selbst zur Risikogruppe gehören, weggebrochen.
Auch für den Verein 46 Plus, der sich um Menschen mit Downsyndrom kümmert, war es „ein sehr ruhiges Jahr“, wie die Vorsitzende Natja Stockhause berichtet. Sie hat gemeinsam mit dem SV Kornwestheim eine Sportgruppe aufgebaut. Im Lockdown trainierten die Teilnehmer daheim, zuletzt war das auch wieder gemeinsam möglich. „Aber es war für die Trainer sehr sehr aufwendig“, sagt Stockhause.
Wie bewerten Betroffene die politischen Entscheidungen?
„Wir werden vergessen“, sagt Petra Nicklas. Mit „wir“ meint sie Menschen mit Behinderung – Erwachsene und Kinder gleichermaßen – und diejenigen, die sie betreuen. In der politischen und gesellschaftlichen Debatte gehe es immer zuerst um die Alten. Für sie würden auch die Gesetze gemacht, sagt Nicklas. Natja Stockhause sieht es ähnlich. „Eigentlich müssten Menschen mit Behinderung vorne dran sein“, sagt sie. Immerhin seien gut die Hälfte der Menschen mit Downsyndrom mit einem Herzfehler geboren und insgesamt sehr infektanfällig.
Was ist mit der Kinder-Betreuung?
Besonders eklatant seien die Versäumnisse in den Schulen gewesen, sagt Petra Nicklas. Als sie im Frühjahr geschlossen wurden, organisierte die Landesregierung recht schnell Notfallgruppen – allerdings nicht für Kinder mit besonderem Hilfebedarf. Die Situation habe sich erst nach und nach gebessert, so Nicklas. Außenstehende könnten sich nicht vorstellen, was es bedeute, ein Kind rund um die Uhr betreuen zu müssen. „Deshalb sind die Eltern unendlich dankbar, wenn sie mal ein paar Stunden Ruhe haben.“