Klettern fasziniert. Der Sport verspricht mehr Kraft, mehr Ausdauer, Nervenkitzel. Aber wie können Menschen mit spastischer Lähmung Wände besteigen?
Der Rollator hat Pause. Er steht auf dem Hallenboden, Brille und eine Apfelschorle liegen im Korb unter den Griffen. Seine Besitzerin ist auf ihn angewiesen. Charlotte Haas hat eine Tetraspastik, sie ist stark gehbehindert, ohne den Rollator kann sie sich kaum fortbewegen. Zumindest auf dem Boden. Jetzt hängt sie 15 Meter darüber an einem Seil. Hochgekommen ist sie allein. Denn eine Wand hinaufsteigen kann Charlotte Haas wohl. Sie trainiert es jede Woche in einer inklusiven Klettergruppe.
In der Tübinger Kletter- und Boulderhalle B12 pflastern bunte Griffe die Wände. Athleten mit sehnigen Unterarmen und drahtigen Muskeln schrauben sich überall in die Höhe. Immer freitags treffen sich hier auch die „Kletterschlümpfe“. Manche von ihnen haben körperliche Beeinträchtigungen, andere psychische, manche eine Depression oder Autismus. Der Gruppenname klingt allerdings nur kindlich, die Mitglieder sind zwischen fünf und 70 Jahre alt. „Die Teilnehmer können hier eine Sportart machen, die fancy und modern ist und zu der sie sonst keinen Zugang haben“, sagt Hans Friz-Feil.
Friz-Feil, 64, ist Lehrer an einer Schule für Menschen mit Körperbehinderung und seit Jahren Klettertrainer im Deutschen Alpenverein (DAV). Er hat die Kletterschlümpfe vor sieben Jahren angestoßen, ein spezielles Angebot für Menschen mit Beeinträchtigung gab es in der Tübinger DAV-Sektion zuvor nicht. Die Gründungsmitglieder mit Handicap brachten nach und nach Freunde, Geschwister und Eltern mit. Inzwischen klettern in der Gruppe Menschen mit und ohne Beeinträchtigung gemeinsam.
Sauerstoffmangel bei der Geburt führte zu einer Hirnschädigung
Die motorischen Fähigkeiten von Charlotte Haas sind stark eingeschränkt. Sauerstoffmangel bei der Geburt hat ihr Hirn geschädigt, ihre Arme und Beine sind dadurch spastisch gelähmt, dauerhaft verkrampft, auch Sprechen fällt schwer. Friz-Feil hilft der 34-Jährigen in den Klettergurt, bindet das Seil mit einem Achterknoten daran fest und sichert sie, während sie hinaufsteigt.
Charlotte Haas klettert am Toprope, einem Seil, das bereits an der Wand hängt. Dabei trägt sie Knieschoner. Zur gängigen Kletterausrüstung gehören die nicht. Weil es ihr schwerfällt, die Beine zu strecken, schrappt sie immer wieder mit den Knien gegen die Wand. Sie sucht sich einen Tritt, zieht sich hoch, lehnt sich zurück, setzt sich in den Gurt und ins Seil. Immer wieder macht sie Pausen. Immer wieder nimmt sie einen weißen anstelle eines schwarzen Tritts. Für die Route braucht sie fünf Minuten.
Ziel beim Hallenklettern ist üblicherweise, nur Tritte und Griffe in derselben Farbe zu benutzen. Sie markieren jeweils eine bestimmte Route. Und Ziel vieler Kletterer ist zudem, Routen möglichst flüssig ohne Unterbrechung durchzusteigen. Aber wer behauptet, dass Ziele universalgültig sein müssten? Die Kletterschlümpfe machen sich ihre eigenen. Charlotte Haas war auch schon im Fitnessstudio. Aber das alleine vor sich Hinpumpen mochte sie nicht so. Trainieren in der Gruppe sei besser.
Klettern boomt seit Jahren, seit 2020 ist der Sport olympisch. Mit dem Aufkommen der Kletterhallen gewann er auch jenseits von Frankenjura und Alpen an Fans. Das Tübinger B12 gibt es seit 2014, erst im vergangenen Herbst wurde ein Erweiterungsbau eröffnet, weil die alte Halle immer rammelvoll gewesen ist. Und es sieht ja auch alles so spektakulär aus: diese Kraft, diese Technik, diese Kühnheit, die man hier um einiges ausgeprägter wahrzunehmen meint als an einer Tischtennisplatte oder im Aerobic-Kurs.
In Zeiten, die viele auf Bürostühlen verbringen, gilt Klettern als Jackpot für die Gesundheit. Es soll Muskulatur und Ausdauer verbessern, mental stärker und konzentrationsfähiger machen, Sozialkontakte und Gemeinschaftserlebnisse bringen. Klettern verspricht einen Endorphin-Putsch, das Gefühl von Freiheit, nachdem man sich selbst in die Vertikale befördert hat und am Ende buchstäblich über den Dingen steht. Schon Knirpse im Kleinkindalter ahnen das und kraxeln auf Wohnzimmersessel und Bäume. Und natürlich wollen nicht nur Menschen ohne Handicap so etwas erleben.
Die Partner einer Seilschaft müssen einander maximal vertrauen
Günter Maier ist Beirat für Soziales im DAV Tübingen. Wer in Einrichtungen für Körperbehinderte lebe, arbeite oder zur Schule gehe, könne durch einen inklusiven Kletterkurs mal rauskommen aus dem gewohnten Umfeld, sagt er. Grenzen austesten.
Hallenklettern ist laut DAV kein Risikosport. Aber ein Sport mit Risiken. Stürze sind möglich. Korrektes Sichern ist lebenswichtig, die Partner einer Seilschaft müssen einander maximal vertrauen. Bei den Kletterschlümpfen achten die Betreuer darauf, dass alles stimmt. Sie prüfen den Sitz der Gurte und dass die Kletterer die Seile richtig eingebunden haben. Einige klettern und werden von den Betreuern gesichert. Andere sichern selber ihre Kameraden. Dann steht ein Betreuer nebendran und gibt acht.
Dafür braucht es Engagierte. Auf rund 25 Gruppenmitglieder kommen bei den Kletterschlümpfen fast zehn Betreuer. Anders als bei anderen Gruppen, die die Aufwandsentschädigung für einen einzelnen Trainer über die Mitgliedsbeiträge tragen, muss die DAV-Sektion hier zuschießen. Zusätzliche Gäste sind willkommen. Ein Junge mit geistiger Einschränkung hat eine sogenannte Hinläufer-Tendenz: Sobald er sich von der Wand abgelassen und den Klettergurt ausgezogen hat, stiefelt er irgendwohin. „Man muss ihn immer im Auge haben, sonst ist er weg“, sagt Hans Friz-Feil. Gut, wenn Eltern oder weitere Begleitpersonen dabei sind.
Dieter Schneider ist dankbar für das Angebot: „Es ist so wichtig, dass Kinder, die im konventionellen Sport keinen Fuß fassen, hier etwas machen können, das sie weiterbringt.“ Sein Sohn David hat Probleme mit der Feinmotorik. Beim Fußball bekommt der Elfjährige Schwierigkeiten, weil im Spiel alles schnellschnell gehen muss. Beim Klettern kann er sich Zeit lassen, so viel er mag. Und hier muss er mal auf dem rechten Bein stehen, mit dem linken Arm greifen, das ist wertvoll für seine Entwicklung.
Frida Heika, zwölf Jahre alt, stand bei ihrem ersten Besuch in der Kletterhalle wie versteinert vor der Wand. Keinen Zentimeter wagte sie sich nach oben. Inzwischen hat sie den Bewegungsdrang einer Gämse. Frida hat einen Gendefekt, ihre kognitive Entwicklung ist eingeschränkt, sie ist auf dem geistigen Stand einer Sechsjährigen. Das Klettern habe ihr Selbstbewusstsein verändert, sagt ihre Mutter Silke. Mittlerweile traue sich Frida etwas zu. Leichtathletik betreibe sie auch, aber das Tolle an der Klettergruppe sei, dass hier kein Konkurrenzdenken herrsche.
Caroline Beck sieht das ähnlich: „Die Leistung ist hier nicht so wichtig.“ Wer eine Route nur bis zur Hälfte klettern will, klettert sie nur bis zur Hälfte. Wer nur große Henkelgriffe nutzen will, nutzt große Henkelgriffe – und halt nicht die schmalen Leisten, auf die nur Fingerkuppen passen. Carolina Beck, 17, hat Spina bifida, auch „offener Rücken“ genannt. Das ist die Fehlentwicklung von Wirbelsäule und Rückenmark eines Kindes während der Schwangerschaft, sie gilt als die häufigste Ursache für angeborene Körperbehinderungen. Caroline Beck sagt, sie sei „nur relativ leicht betroffen“: Sie könne laufen, mit Hilfsmitteln wie Rollator und Orthesen zwar, und sie könne zur Toilette gehen und benötige keinen Katheter.
Fiona Hepp hat Skoliose, ihre Wirbelsäule ist verkrümmt
Als Kletterneuling konnte sie noch nicht so viel Kraft aus den Beinen aufbringen, das machte es anstrengend. Jetzt klappt es schon viel besser. Ihre Freundin Fiona Hepp kommt auch immer mit. Die 18-Jährige hat Skoliose, ihre Wirbelsäule ist verkrümmt. „Ich will meinen Rücken trainieren und nicht Schmerzen bekommen, wenn ich alt bin.“
Hans Friz-Feil hat neben seinem Trainerschein noch eine Spezialausbildung für das Klettern für Menschen mit Behinderungen absolviert, der DAV bietet sie seit 2016 an. Inklusives Klettern wird populärer. Der Verein Basislager mit neuer Kletterhalle in Bad Aibling im Inntal beispielsweise hat seinen Schwerpunkt ganz darauf gelegt. In Kursen können Teilnehmer lernen, wie Routen geschraubt werden müssen, damit sie für behinderte Menschen gut zugänglich sind.
Im Tübinger B12 waren beim jüngsten Hallenanbau auch die Wünsche der Kletterschlümpfe gefragt. „Wir brauchten eine positiv geneigte Wand“, sagt Hans Friz-Feil. Also eine, die ein wenig flacher und nicht ganz senkrecht oder gar überhängend ist. Die haben sie bekommen.
Bundesweit sind dem DAV rund 50 inklusive Gruppen bekannt. In Tübingen startet im Mai in Zusammenarbeit mit dem Verein Lebenshilfe eine weitere. Die Kletterschlümpfe stießen zwischenzeitlich an Kapazitätsgrenzen, der Zulauf war so reichlich, es gab einen Aufnahmestopp.
Charlotte Haas sammelt sich für die nächste Route. „Am Anfang habe ich total Höhenangst gehabt“, sagt sie. Das ist inzwischen kein Problem mehr. Sie schaue beim Klettern einfach nicht mehr nach unten, nur noch nach oben. Und das Training wirkt nach. „Wenn ich klettern war, laufe ich immer aus der Halle raus wie neu.“