Als sich Marc Rensing und Martina Jaskola vor 30 Jahren im Sandkasten kennenlernten, hätten sie nicht ahnen können, wie lange sie befreundet bleiben. Dabei leben sie nicht mal mehr im selben Land.
Hohengehren - Wer Marc Rensing und Martina Jaskola gegenübersitzt, würde nicht vermuten, dass es mehr als ein Jahr her ist, dass sich die beiden Freunde zuletzt gesehen haben. Es ist, als wäre das Gespräch nur kurz abgerissen. „So ist es bei uns immer“, da sind sich die beiden einig. Der 34-jährige Rensing und die 33-jährige Jaskola haben sich am 1. September 1990 im Sandkasten ihres Kindergartens in Hohengehren kennengelernt. Noch heute könnte ihre Freundschaft nicht besser sein – dabei haben sie kaum ein Jahr im selben Land verbracht.
Rensing, der im Alter von einem Jahr von Sri Lanka nach Hohengehren kam, erinnert sich noch genau an das erste Treffen im Kindergarten, der sich heute „Rasselbande“ nennt. Ihr Akzent hatte ihn stutzig werden lassen. „Sie sagte: Du hast mein Tunell kaputtgemacht. Anstatt: Tunnel“, erinnert er sich. Trotz der Irritation, die Jaskolas urschwäbische Ausdrucksweise auslöste, wurden die beiden schnell Freunde. „Dabei war er älter und eine Gruppe über mir“, sagt sie.
Richtig unzertrennlich wurden die beiden aber erst später, durch eine Gemeinsamkeit. Als Katholiken im evangelisch geprägten Hohengehren mussten sie als Teenager immer runter nach Baltmannsweiler, um an den Treffen der Katholischen Jungen Gemeinde (KJG) teilzunehmen. „Es gab da ein Jugendteam, das sich engagiert hat“, erinnert sich die 33-Jährige. Einmal in der Woche habe man gemeinsam Jugendgottesdienste oder besondere Aktionen geplant. „Dass wir die einzigen Hohengehrener waren, hat uns zusammengeschweißt“, sagt Jaskola. „Bei Schnee und Regen sind wir immer zusammen heim gelaufen.“ Oft hätten sie extra eine Decke mitgenommen, um sich wärmen zu können.
Jetzt, 30 Jahre nach ihrem ersten Treffen, gibt es im Leben der beiden Freunde nicht viele Gemeinsamkeiten. „Ich wohne im Dorf, hab ’nen Bürojob und ein recht unspektakuläres Leben, Marc jettet als Flugbegleiter um die Welt und hat schon auf verschiedenen Kontinenten gewohnt, gearbeitet oder studiert“, sagt Jaskola. Sie ist in Hohengehren geblieben, hat im vergangenen Jahr geheiratet und arbeitet als Sachbearbeiterin bei einem Baumittelhersteller.
Rensings Leben ist etwas bewegter verlaufen. Er hat in Kuba und London nachhaltiges Tourismusmanagement sowie Ethnien und Menschenrechte studiert und arbeitet nun als Flugbegleiter für eine britische Fluggesellschaft. Zudem trug er sich in seiner Jugend mit dem Gedanken, Bürgermeister zu werden. Auch in Sri Lanka, Spanien, den Niederlanden und in Mexiko hat Rensing schon gewohnt.
„Als ich aus Sri Lanka wiederkam, hätte ich mal fast geheiratet“, sagt Rensing, während Jaskola sich bei der Erinnerung daran vor Lachen fast an ihrem Sekt verschluckt. „Da hab ich mich mit seiner Mama getroffen und wir haben dann in Hohengehren mit dem Restaurantleiter dagesessen und die Feier geplant“, sagt sie. Das sei total spontan gewesen, vom Hochzeitspaar habe deshalb keiner dabei sein können. Zur Eheschließung kam es nicht, aber die Planung der Nicht-Hochzeit ist beiden im Gedächtnis geblieben.
Ein weiteres einschneidendes Erlebnis für die beiden liegt noch gar nicht lange zurück. Im Frühjahr war Rensing aufgrund seiner Arbeit nach Barcelona geflogen. Es sollte eigentlich nur ein kurzer Trip werden, Jaskola wollte ihn in der katalanischen Metropole besuchen. Zurück kam der 34-Jährige jedoch erst Monate später. „Im März war es richtig schlimm“, sagt Rensing über den Lockdown, der in Barcelona aufgrund der Corona-Pandemie verhängt wurde. „Wir hatten da nur eine ganz kleine Wohnung und waren halt eingesperrt. Wir wussten ja nicht, wie lange das geht.“ Sein Lebensraum und der seines Freundes habe sich in dieser Zeit auf wenigen Hundert Quadratmetern abgespielt. In den ersten acht Wochen des Lockdowns sei er nur 1,4 Kilometer gelaufen. „Wir konnten nur die nötigsten Dinge einkaufen. Alles, was nicht essenziell war, gab es nicht mehr im Laden.“
Umso mehr hatte sich Rensing auf die Tiefkühlpizza gefreut, die sich die Freunde beim Wiedersehen teilen – eine Tradition. Weil sie sich nur noch selten sehen, halten beide die gemeinsame Zeit umso mehr in Ehren. „Wir verschieben jeden Termin, um uns sehen zu können“, sagt Jaskola.