Die Immunisierung gegen Meningokokken vom Typ C, der etwa ein Drittel aller Erkrankungen ausmacht, ist in fast ganz Europa Standard. In Großbritannien ist auch der seit 2013 zugelassene Impfstoff gegen Meningokokken vom Typ B eine kostenlose Standard-Impfung. Foto: Fotolia/© Photobank

In Großbritannien gibt es derzeit Streit um die Impfung gegen Meningokokken B. In einer Petition fordern Eltern eine Impfung für alle Kinder. In Deutschland ist diese noch nicht Standard. Dabei kommt es auch hierzulande zu Erkrankungen mit dem tödlichen Erreger.

London/Reutlingen - Meningokokken sind nicht unbedingt Krankmacher. Viele Menschen stecken sich mit dem kugelförmigen Bakterium an – und nichts passiert. Bei jedem fünften Jugendlichen lebt der Erreger dann auf den Schleimhäuten von Nase und Rachen weiter, zudem bei jedem zehnten Erwachsenen. Und nach ein paar Monaten verschwindet er wieder. Doch bei manchen nistet er sich weiter im Körper ein, vermehrt sich im Gehirn, so dass eine gefährliche Hirnhautentzündung entsteht. Oder aber die Keime überschwemmen den Körper mit ihrem Bakteriengift und lösen eine Blutvergiftung aus. Vor allem die Untergruppen B und C der Meningokokken machen in Europa die Menschen krank.

Zwar sind solche Infektionen hierzulande selten: 2015 wurden nach vorläufigen Angaben 287 Meningokokken-Erkrankungen an das Robert-Koch-Institut (RKI) übermittelt, 9 mehr als 2014. Doch die Folgen sind erheblich: Statistisch gesehen stirbt jeder zehnte Patient, bei weiteren zehn Prozent bleiben Schäden zurück – Lähmungen oder Krämpfe, manche werden taub oder erlangen einen Gehirnschaden. Von den 28 Todesfällen 2015 waren 15 Kinder im Alter von 15 Jahren oder jünger.

Wie das aussieht, zeigt sich in den Medien Großbritanniens: Dort veröffentlichen Eltern derzeit Bilder ihrer sterbenden Kinder. Sie wollen darauf aufmerksam machen, dass man diesem Schicksal entgehen könnte. Denn für die beiden am meistverbreiteten Stämme – Meningokokken Typ C und Typ B – gibt es eine Impfung.

Die Briten sammeln Unterschriften für eine Regierungs-Debatte über Impfungen

Die Immunisierung gegen Meningokokken vom Typ C, der etwa ein Drittel aller Erkrankungen ausmacht, ist in fast ganz Europa Standard. In Großbritannien ist auch der seit 2013 zugelassene Impfstoff gegen Meningokokken vom Typ B eine kostenlose Standard-Impfung – allerdings nur für Babys bis zum zweiten Lebensjahr. Was die Eltern auf der Insel erzürnt: Bei älteren Kindern wird die Impfung nicht nachgeholt, wenn die Eltern nicht selbst dafür zahlen. In einer Petition fordern sie daher eine Meningokokken-Impfung für alle Kinder „bis mindestens elf Jahren“. Bislang haben mehr als 800 000 Menschen unterzeichnet. Bereits ab 100 000 Unterschriften kommt eine Petition für eine Debatte im Parlament infrage.

In Deutschland dagegen empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) bislang lediglich eine Impfung für „Personen mit erhöhtem Risiko für Meningokokken-Erkrankungen“, etwa Menschen mit angeborener Immunschwäche, mit engem Kontakt zu Meningitis-Patienten und Menschen, die dem Erreger im Labor ausgesetzt sein könnten. Nur gegen Meningokokken C wird bisher gratis geimpft. Dabei waren dies gemessen an 2014 weitaus weniger Fallzahlen als beim Typ B. Man habe entschieden, erst dann eine Routineimpfung bei Säuglingen, Kleinkindern oder anderen Altersgruppen zu empfehlen, wenn es Daten gibt, die die klinische Effektivität der Meningokokken-B-Impfung eindeutig belegen, heißt es bei der Stiko. Mit diesen Daten rechne man in ein bis zwei Jahren.

Deutsche Mediziner tun sich mit Empfehlungen schwer

Ist die Warterei ein Fehler? Zwar argumentiert die Stiko, dass sich Meningokokken gut mit Antibiotika behandeln lassen – wenn man die ersten Symptome richtig zu deuten weiß. „Diese sind aber oft nicht eindeutig“, sagt Till Reckert, Kinderarzt in Reutlingen und Sprecher der Landesgruppe des Berufsverbands für Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Meist beginnt die Infektion mit Kopfschmerzen, Fieber, Schüttelfrost und Schwindel. Es kommt zu roten Hautflecken: „Drückt man mit einem Glas auf den Fleck, verschwindet er nicht“, sagt Reckert. Dann sollte man schleunigst zum Arzt. Denn in wenigen Stunden kann sich ein schweres Krankheitsbild entwickeln.

Und doch tun sich auch Mediziner mit eindeutigen Empfehlungen schwer. „Man muss einfach sehen, dass im Gegensatz zu Großbritannien die Fallzahlen von Meningokokken B hierzulande sehr viel kleiner sind“, sagt Reckert. Weshalb er zwar über die Impfung aufklärt, sie aber nicht routinemäßig empfiehlt. Reckert weiß aber auch, dass Kollegen des BVKJ anderer Meinung sind und den Impfstoff in den Praxen allen Eltern mit Säuglingen anbieten.

Eine Impfdosis kostet etwa 100 Euro

Es bleibt also eine Frage des individuellen Schutzes – und eine Frage des Geldes: Eine Impfdosis kostet etwa 100 Euro. Bei Säuglingen sind drei Dosen erforderlich, zusätzlich eine Auffrischimpfung im zweiten Lebensjahr. Bei älteren Kindern genügen zwei Impfdosen. Ohne Empfehlung der Stiko sind die Krankenkassen nicht verpflichtet, die Impfungen zu zahlen. Nach Angaben des Portals Kinderärzte-im-Netz.de des BVKJ übernehmen aber rund 70 Kassen die Immunisierung auf freiwilliger Basis.

Zumindest Reisemediziner sind da in ihrer Haltung zu Meningokokken-Impfungen klarer: „Die Erkrankung kann in jedem Lebensalter auftreten“, sagt Tomas Jelinek, Wissenschaftlicher Leiter des CRM Centrum für Reisemedizin. Das Institut hat erst im Herbst Urlaubern dazu geraten, sich gegen alle Untergruppen der Meningokokken impfen zu lassen: Typ A, B, C, W135, Y. Wichtig sei dieser umfassender Impfschutz bei Reisen in Länder des tropischen Afrikas, den nahen Ostens, der Arabischen Halbinsel sowie Teile Asiens und Südamerikas in denen Meningokokken-Infektionen epidemisch auftreten. Die höheren Fallzahlen in Großbritannien zeigen aber, dass ein Impfschutz auch bei Aufenthalten in Europa und den USA wichtig sei.

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