US-First Lady Melania Trump zeigt Kante. Foto: GETTY IMAGES NORTH AMERICA

Lange Zeit galt sie als unauffällig. Eine zwar glamouröse, aber gleichzeitig farblose First Lady. Jetzt zeigt Melania Trump mehr Profil – auf eine Art, die für Präsidentengatinnen eigentlich undenkbar ist.

Washington - Es gibt offenbar mehr als ein Mitglied der Familie Trump, das sorgfältig gewählte Worte als Giftpfeile einsetzen kann. Mit einer überraschenden öffentlichen Erklärung zeigte First Lady Melania Trump in den vergangenen Tagen, dass auch sie es vermag, einen politischen Treffer zu landen. Ihre ungewöhnliche Forderung nach der Ablösung einer ranghohen Regierungsmitarbeiterin zwang Präsident Donald Trump, die stellvertretende nationale Sicherheitsberaterin Mira Ricardel aus ihrem Amt zu entfernen.

Der Schritt verschärfte die Spannungen innerhalb des Weißen Hauses und bot Einblicke in die Beziehung der Trumps. Vor allem zeigte die Entwicklung, dass die zuweilen rätselhaft wirkende First Lady zunehmend bereit ist, ihre Muskeln spielen zu lassen. Zwar war es der Präsident, der wiederholt ankündigte, sein Kabinett und seinen Mitarbeiterstab umzubilden, doch war es seine Frau, die nach den Zwischenwahlen Taten folgen ließ und dabei in aller Öffentlichkeit ein Machtspiel bot.

Nancy Reagan zog nur heimlich die Fäden

In der Vergangenheit, bei früheren Präsidentschaften, habe es ähnliche Vorgehensweisen gegeben, aber oft sei das erst nachträglich herausgekommen, sagt Katherine Jellison, Leiterin der Geschichtsfakultät an der Universität von Ohio und Expertin für Präsidentengattinnen. „Wir haben es noch nie erlebt, dass eine First Lady ihr Büro zu einer solch öffentlichen Erklärung veranlasst“, sagt Jellison. „Es wird interessant zu sehen, ob das die neue Melania ist.“

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Der beste Vergleich sei noch der mit Nancy Reagan und deren Konflikt mit dem damaligen Stabschef des Weißen Hauses, Donald Regan. Der Zwist wurde zwar schließlich bekannt, doch veröffentlichte Nancy Reagan dazu nie eine öffentliche Stellungnahme.

Ricardel soll mit Mitarbeitern des Ostflügels des Weißen Hauses über die Logistik der Reise der First Lady nach Afrika im Oktober gestritten haben. Eine Gewährsperson im Weißen Haus sagte, Melania Trumps Mitarbeiter hätten wochenlang über „geeignete Kanäle“ versucht, Ricardels Ablösung zu erreichen. Nachdem Reporter von den Spannungen zwischen Ricardel und dem East Wing erfahren und begonnen hatten, Fragen zu stellen, habe sich die Lage zugespitzt.

Am Dienstag veröffentlichte der Ostflügel eine knappe Erklärung über Ricardel, die einschlug wie eine Bombe: „Es ist die Position des Büros der First Lady, dass sie die Ehre nicht länger verdient, in diesem Weißen Haus zu dienen.“ Einen Tag später war Ricardel nicht mehr im Weißen Haus.

Regierungsmitarbeiter waren überrumpelt

Die Erklärung des Büros überrumpelte manche ranghohen Mitarbeiter des Weißen Hauses. Ein Beamter, der nicht genannt werden wollte, sagte, es gebe das verbreitete Gefühl, dass die höchst öffentliche Auseinandersetzung ein schlechtes Bild von den beiden Flügeln des Weißen Hauses abgegeben habe. Dies habe das Gefühl verstärkt, dass die Regierung unberechenbar sei, und die First Lady habe rachsüchtig gewirkt.

Sowohl Präsident Trumps Sprecherin als auch Sicherheitsberater John Bolton lobten Ricardel anschließend über alle Maßen. Das Weiße Haus erklärte, sie werde eine neue Aufgabe innerhalb der Regierung bekommen - wo genau, blieb unklar. Insider räumten ein, dass Ricardel nicht im Westflügel bleiben könne, nachdem nun öffentlich bekannt sei, wie Melania Trump zu ihr stehe.

Zum Ende der Woche schien klar, dass die Lage die bereits zuvor angespannten Beziehungen zwischen den beiden Flügeln weiter angeheizt hat. Sowohl Stabschef John Kelly als auch Bolton bis hin zu einfachen Mitarbeitern zeigten sich unzufrieden über den Umgang mit Ricardel, einer treuen Anhängerin Trumps.

Die Trumps misstrauen den Menschen im Weißen Haus

Melania Trump gilt als einflussreiche Beraterin ihres Mannes. In einem Interview von ABC News sagte sie im Oktober, es gebe Menschen im Weißen Haus, denen sie und der Präsident nicht vertrauen könnten. Namen nannte sie nicht, aber sie habe den Präsidenten wissen lassen, um wen es sich handele, sagte sie. Manche seien nicht mehr dort, fügte sie hinzu. Die Frage, ob manche nicht vertrauenswürdige Personen noch immer im Weißen Haus arbeiteten, bejahte sie.

Melania Trump dehnte die Grenzen der völlig freiwilligen Rolle einer First Lady beständig aus. In den ersten Monaten der Amtszeit ihres Mannes blieb sie in New York, um dem gemeinsamen Sohn Barron den Abschluss des Schuljahres zu ermöglichen. Seit ihrem Umzug nach Washington hielt sie sich in der Öffentlichkeit weitgehend zurück.

Kampagne gegen Mobbing

Sie legte auch Wert darauf, sich vom Rest des Weißen Hauses und ihrem Mann abzusetzen. Sie startete eine Bildungskampagne gegen Mobbing, obwohl ihr Mann für verbales Austeilen bekannt ist. Es sei ihr weder neu noch komme es überraschend, dass sich Kritiker und Medien wegen ihrer Äußerungen zu dem Thema lustig machten, aber das sei in Ordnung, sagte sie am Donnerstag auf einer Konferenz für Online-Sicherheit. Sie unternahm auch eine ambitionierte Reise nach Afrika, kurz nachdem Trump afrikanische Staaten als „Dreckslochländer“ beschimpft hatte.

Dass sie ihren eigenen Kopf hat, zeigte sie nicht zuletzt im vergangenen Sommer: Da gab ihr Büro eine Erklärung heraus, in der Basketball-Star LeBron James’ Wohltätigkeit gewürdigt wurde. Der Präsident hatte kurz zuvor in einem Tweet die Intelligenz des Spielers in Zweifel gezogen. Und als die „New York Times“ berichtete, Trump habe sich darüber empört, dass auf dem Fernseher seiner Frau in der Präsidentenmaschine Air Force One der von ihm ungeliebte Sender CNN lief, erklärte ihr Büro, Frau Trump schaue „jeden Kanal, den sie will“.

Bevor ihr Mann in einer Kehrtwende Trennungen von Eltern und Kindern Eingewanderter beendete, erklärte Melania Trumps Büro, die First Lady „hasse“ es, wenn Familien getrennt würden. In der Erklärung gab sie der Hoffnung Ausdruck, dass beide politischen Lager die Einwanderungsgesetze gemeinsam reformieren könnten.

„I don’t really care. Do U?“

Bei einem Besuch bei Kindern von Migranten in Texas erregte sie mit einer Jacke Aufmerksamkeit, auf der geschrieben stand: „I don’t really care. Do U?“ (Es ist mir eigentlich egal. Dir auch?). Später sagte sie ABC News, sie habe die Jacke für „die Leute und die linksgerichteten Medien“ getragen, „die mich kritisieren. Und ich will ihnen zeigen, dass es mir egal ist.“

Vergangene Woche machte sie deutlich, dass sie keine Hilfe von außen braucht, um ihre Rolle im Weißen Haus zu gestalten. Ihre Vorgängerin Michelle Obama hatte erklärt, dass Melania Trump sie nie angerufen habe, um sie um Rat zu fragen. „Frau Trump ist eine starke und unabhängige Frau, die ihre Rolle als First Lady auf ihre eigene Art steuert“, schrieb ihre Sprecherin Stephanie Grisham in einer E-Mail. „Wenn sie zu einem Thema Ratschläge braucht, holt sie sie sich bei ihrem professionellen Team innerhalb des Weißen Hauses.“

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