Wenn sich die Haltung breit macht, dass Wissen stets Nutzen bieten muss und hinter allem und jedem eine Ideologie steckt, dann wird es schwierig mit der demokratischen Meinungsbildung, meint unser Kolumnist Jörg Scheller.
In Krisenzeiten haben Verschwörungstheorien Hochkonjunktur. So ist es kaum verwunderlich, dass die vielzitierte „Polykrise“ des 21. Jahrhunderts sowohl zahllose Verschwörungstheorien als auch Theorien über Verschwörungstheorien hervorgebracht hat. Bei all der Fixierung auf Krisen wird jedoch vergessen, dass nicht nur Terroranschläge wie der vom 11. September 2001, Finanzkrisen wie die von 2008 oder Kriege wie der, den Russland seit 2022 gegen die Ukraine führt, Verschwörungstheorien fördern. Verschwörungstheorien entstehen auch schleichend, im Alltag.
Demokratien brauchen seriöse und neutrale Informationen
In der Literatur wird oft übersehen, dass die fortschreitende Vermischung von Wissenschaft mit Wirtschaft, Politik und Aktivismus einen fruchtbaren Boden für Verschwörungstheorien bietet. Demokratien sind für seriöse Meinungsbildung auf möglichst neutrale und objektive Informationen angewiesen. Diesen gehen möglichst ergebnisoffene, unideologische Forschung und Lehre voraus.
Wenn sich, wie es derzeit der Fall ist, die Haltung breit macht, dass Wissen stets greifbaren Nutzen bieten muss, dass Neutralität eine Fiktion und alles eine Frage des Standpunktes ist, oder dass Forschung spezifischen – natürlich immer nur edlen! – Zielen und Interessen zu folgen hat, dann bröckeln die Grundlagen demokratischer Meinungsbildung. Hinter jeder Studie, jeder Statistik, jedem Argument wittert man Sonderinteressen und eine ideologische Agenda.
Gutes Klima für Verschwörungstheoretiker
Wenn man beim Arzt nicht darauf vertrauen kann, dass der Therapievorschlag auf nüchternen wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert, macht sich Misstrauen breit: Steckt die Pharmalobby dahinter? Und wenn man an der Universität nicht darauf vertrauen kann, dass die Lehrenden und Forschenden ein Problem rigoros durchdringen statt ihre Weltanschauung bestätigen wollen, fragt man sich: Handelt es sich vielleicht um Zuarbeiter einer NGO? Schon beginnen Verschwörungstheorien zu wuchern.
Je mehr der Bildungssektor und die Forschung, insbesondere die Grundlagenforschung, von Wirtschaftslobbys, Aktivistengruppen, Religionsgemeinschaften als Zulieferer instrumentalisiert werden, desto günstiger wird das Klima für Verschwörungstheorien. Den größten Dienst tut man einer Gesellschaft also, wenn man ihr für demokratische Meinungsbildung sowohl in der Wissenschaft als auch in der Wissensvermittlung möglichst sachliche, objektive Grundlagen schafft. Zwar gibt es keine absolute Neutralität und Objektivität in Wissensdingen. Aber ebensowenig gibt es absoluten Frieden. Wollte man deshalb das Streben nach Frieden aufgeben?