Von der Mehrheit der Muslime ist kein lauter Ruf nach dem Muezzin-Ruf zu hören. Und wo kein Wunsch ist, kann es auch keine Wirklichkeit geben.
Esslingen - Bevor man hitzige Debatten führt, ob und wie der Muezzin-Ruf hierher passt, sollte man fragen, wer ihn überhaupt will. Die Vorsitzenden einiger Islam-Verbände haben sich zwar positioniert, aber sie sagen nur, was ihre Chefs in Ankara oder Riad oder wo auch immer vorgeben. Ansonsten ist der Islam in Deutschland ein unbekanntes Wesen. Nicht nur was die genaue Zahl der Muslime anbelangt, sondern auch, wie viele von ihnen sich wo positionieren in einem Spektrum, das von liberalen Gruppen, die für die Homo-Ehe eintreten, bis zum finstersten Salafismus reicht. Bislang schallt aus diesem unübersichtlichen Patchwork kein lauter Ruf nach dem Muezzin-Ruf. Und wo kein Wunsch ist, kann es in diesem Fall auch keine Wirklichkeit geben.
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Das als willkommene Konfliktentsorgung abzuhaken, ist kurzsichtig. Ja, man kann frotzeln über supertolerante Nicht-Muslime, die mittels Muezzin-Ruf partout ein Exempel der Religionsfreiheit für sich selbst statuieren wollen. Umgekehrt folgte dem Muezzin-Ruf gelegentlich ein triumphierendes Echo, als werde mitten in Deutschland das Kalifat eingeführt. Die schweigsame Zurückhaltung auf muslimischer Seite ist dazu kein Widerspruch, sondern eine Variante: Abtauchen nach der Devise „Die im Dunkeln sieht man nicht“, gleichermaßen bequem für islamische Modernitätsfeinde wie für Islamphobiker in der Mehrheitsgesellschaft. Nur fliegt der gefährliche Bumerang regelmäßig zurück aus der Parallelgesellschaft.
Natürlich ist nichts gegen eine Moscheegemeinde zu sagen, die aus redlicher Sorge um die Akzeptanz in der Nachbarschaft auf den lautsprecherverstärkten Gebetsruf verzichtet – der ja bei aller Religionsfreiheit nur dann angebracht ist, wenn er keinen Unfrieden stiftet. Sonst wird er in der Tat zur Machtdemonstration.
Doch davon abgesehen können wahrnehmbare Zeichen für die Präsenz des Islam – Moscheen, die nicht im Gewerbegebiet versteckt werden, Minarette und eben auch der Muezzin-Ruf – ein muslimisches Selbstbewusstsein fordern und fördern, das es weder nötig hat, sich wegzuducken, noch den aggressiven Übersprung von Minderwertigkeitsgefühlen als Sieg auszugeben. Ein Selbstbewusstsein, das stark genug ist, sich als Teil einer demokratischen Gesellschaft zu begreifen – und sich folglich den großen gesellschaftlichen Fragen zu stellen, die sich ebenso an alle anderen Religionen richten; und das sind an erster Stelle auch die Fragen nach Selbstbestimmung und Gleichberechtigung.