Der Makler Olivier Tronier (Mathieu Amalric) wird in der Miniserie ziemlich ramponiert. Foto: Charles Paulicevich

Olivier, der gebeutelte Antiheld der französische Miniserie „Mein sprechender Goldfisch“ bei Arte, ist Makler in Paris, aber ein sympathisch gutherziger Typ. Auch sonst ist hier einiges ganz außergewöhnlich.

Stuttgart - Jeder liebt es, sie zu hassen: Makler in Großstädten. Unfähig seien sie, verschlagen und verlogen, vor allem aber fast im Alleingang schuld daran, dass die Mietpreise in unerschwingliche Höhen kletterten und die Vermieter sich anhand unverschämter Fragebögen maßgeschneiderte Mieter aus der Bewerberflut herausfiltern könnten. So hört man das von denen, die gerade mal wieder nach dem Mangelgut Wohnraum suchen müssen. Solche Frustrierten mögen sich einen Makler in einer TV-Serie nur als abgefeimten Schurken vorstellen.

Die vierteilige französische Miniserie „Mein sprechender Goldfisch“ bei Arte lässt diese Erwartung mit Schmackes gegen die Wand laufen. Ihre Hauptfigur Olivier Tronier (Mathieu Amalric) ist Makler, aber ein ganz armer Tropf: chronisch pleite und eigentlich ein ganz freundlicher Kerl, also hilflos den Launen, Allüren und Tricks der Yuppies ausgeliefert, die das eine Objekt besichtigen, das er anzubieten hat. Man muss es wohl nicht dazusagen: Auch das Privatleben von Tronier hat, wie das in der Branche heißt, einen leichten Renovierungsrückstand, ist also restlos hinüber.

Achtung, Kredithai

Tronier wird ein früher mal stattliches Pariser Mehrfamilienhaus erben. Derzeit ist es eine marode Bruchbude, mit Ausnahme einer einzigen Wohnung unvermietet. Aber ein zwielichtiger Bauunternehmer und Kredithai würde dafür 5 Millionen auf den Tisch legen – sobald auch die letzte Wohnung geräumt ist. Tronier steckt in einem moralischen Dilemma: Soll er die ältere Dame, die hier lebt, mit barschen Methoden vergraulen? Dann könnte er seinen kranken, aber lebenslustig uneinsichtigen Vater endlich in einer betreuten Seniorenresidenz unterbringen.

Das sind aber nicht die einzigen Probleme, die mit dem Haus verbunden sind. Seltsame Zeitreiseträume, kriminelle Bekanntschaften, tödliche Unfälle und heftige Prügel gehören auch dazu, sowie die beunruhigenden Visionen, auf die der Titel „Mein sprechender Goldfisch“ anspielt.

Modernes Märchen

Mathieu Amalricspielt den Makler großartig: verletzlich, verwirrt, schlurig und verzweifelt, als sentimentalen Mann in einer kalten Welt, dem qua Gesicht und Beruf Gutherzigkeit keiner abnehmen möchte. Das israelische Regie- und Autorenduo Etgar Keret und Shira Geffen hält die Serie in der Schwebe zwischen Gaunerkomödie, Midlife-Crisis-Tragödie und Urban Fantasy. Die beiden nutzen eine Prise Polanski (dem Amalric ein wenig ähnlich sieht), einen Anhauch Woody Alllen, einen Tick Jean-Pierre Jeunet („Delicatessen, „Die fabelhafte Welt der Amelie“), aber ihre Miniserie behält ihren eigenen Ton, wird ein modernes Märchen, bei dem man nie sicher sein kann, was die nächste Szene bringen wird.

Ausstrahlung: Arte, 7. Mai 2020. Alle vier Folgen bis zum 6. Juni 2020 in der Mediathek des Senders.

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