Korruption sei ein „Monster“, das er vor allem aus seiner Heimat kenne, so unser Flüchtlingsreporter. Foto: dpa

Korruption ist unserem Flüchtlingsreporter nicht nur in Syrien begegnet. Als er einen Freund bei der Wohnungsbesichtigung begleitete, erlebten die beiden eine böse Überraschung.

Stuttgart/Homs - Als ich ein Kind war, dachte ich, dass Korruption ein Monster ist, gegen das niemand eine Chance hat. Im Fernsehen wurde oft darüber berichtet, dass Korruption zu bekämpfen und zu beseitigen sei. Dann, Jahre später, lernte ich das Monster persönlich kennen. Das war, als ich mich in Homs für meinen Magister an der Universität registrieren wollte. Nachdem ich zwei Stunden gewartet hatte, rief der Mitarbeiter meinen Namen auf und eröffnete mir, dass meine Dokumente nicht vollständig seien. Ich war mir sicher, dass ich kein zusätzliches Papier benötigte und sagte ihm das auch. Da rieb er Daumen und Zeigefinger aneinander, um mir klar zu machen, dass das Papier, das er wollte, ein Geldschein war.

Wir stritten damals lange. Schließlich konnte ich mich doch noch für den Magister anmelden, ohne etwas zu zahlen. Ich beschloss, eine Beschwerde gegen ihn einzureichen. Ein Freund riet mir, dass ich dem Vorgesetzten des Mitarbeiters ein Geschenk geben müsse, damit er meine Beschwerde überhaupt akzeptiert. Die Bestechlichkeit im Syrien war ein beschämendes, aber offenes Geheimnis. Einige Angestellte konkurrierten darum, wer das meiste Geld durch Bestechung gerafft hat und prahlten damit.

Bestechungsgelder sichern das Überleben

Das Phänomen der Korruption beschränkt sich aber nicht nur auf die Dritte Welt, sondern es gibt sie auch in den Industrieländern, wenn auch sicherlich in geringerem Maße. Auch in Stuttgart habe ich sie erlebt – und zwar bei der Wohnungssuche eines Freundes. Mein Freund fand lange Zeit keine Wohnung. Nachdem er eine Anzeige gelesen hatte, ging ich mit ihm zum Besichtigungstermin. Die Wohnung hat meinem Freund gefallen, aber der Makler wollte von ihm für die Zusage 5000 Euro in bar. Als mein Freund dem nicht zustimmte, meinte der Mann, er sei auch mit 1000 Euro zufrieden. Mein Freund hatte aber auch keine 1000 Euro. Jemand anderes bekam die Wohnung.

Da ich erst dreieinhalb Jahre in Stuttgart bin, kann ich nicht beurteilen, wie oft solche Fälle vorkommen und wie weit verbreitet Korruption ist. In Syrien ist sie auf jeden Fall verbreiteter. Die alltägliche Korruption wird in Syrien mit dem Satz gerechtfertigt, dass es im Leben nun mal so laufe. Außerdem seien die Gehälter gering. Deshalb müssten die Menschen Bestechungsgelder annehmen, um zu überleben.

Die Korrupten sind die Klugen, wer ehrlich ist, ist der Dumme, so heißt es bei uns. In Deutschland gibt es eine Kontrolle. Sie verhindert, dass jemand ausgenutzt wird. Einige sagen mir, Korruption gebe es auch hier, aber nur versteckt. Aber eines weiß ich ganz sicher: In Stuttgart müsste ich niemanden bestechen, um mich zum Magister anzumelden.

Zur Person:

Mohamad Alsheikh Ali ist ein ­syrischer Journalist, der seit März 2015 als Flüchtling in Stuttgart lebt. Die Kolumne schreibt er im Wechsel mit Mahmoud Ali, einem weiteren syrischen Flüchtling.

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