Mein Exil in Stuttgart: Graffiti Bunte Parolen an der Wand

Von Mohamad Alsheikh Ali 

Graffiti kennt unser Flüchtlingsreporter aus der Heimat. Wer erwischt wurde, weil er einen Spruch gegen Assad an die Wand schrieb, landete im Gefängnis. Doch warum greift man in Stuttgart zur Sprühdose?

Stuttgart - Graffiti sind für viele ein Mittel, um Emotionen, Gefühle und Einstellungen auszudrücken – ob es um Wut, Liebe oder sogar Politik geht. Menschen unterschiedlicher Nationalität drücken sich über Graffiti aus. Mir ist zum Beispiel kürzlich ein Schriftzug aufgefallen, den offensichtlich ein deutscher Mann für seine Geliebte geschrieben hat. „Ich liebe deine Augen und Bayern München“ – eine romantische Show. Im Gegensatz dazu gibt es diejenigen, die in ihren Graffiti Politik mit Liebe verbinden. Wie jene Syrer, die schreiben „Ich liebe dich wie ich Assad hasse“ oder „ Meine Gefühle sind stark wie die Fassbomben.“ Manchmal militarisiert der Krieg sogar die Gefühle.

Als ich vor einiger Zeit mit einem Freund in Stuttgart unterwegs war, wurden wir auf Graffiti gegen eine politische Partei und gegen die deutsche Regierung aufmerksam. Das erinnerte mich an Schriften, die ich in der syrischen Heimat an den Wänden gesehen hatte. Sie waren auch gegen die Regierung gerichtet.

Warum schreiben die Leute hier an die Wände?

Ich wollte, als ich mit meinem Freund unterwegs war, spontan auch etwas an die Wand schreiben – wegen den Geschehnissen in Syrien und auch wegen einiger Dinge in Deutschland, die mir missfallen. Aber mein Freund hinderte mich daran und wies mich darauf hin, dass das verboten ist. „Was willst Du da tun?! Du könntest bestraft werden“, rief er mir zu.

Wieder hörte ich das Wort „verboten“, aber diesmal hat es einen anderen Geschmack. Hier ist es verboten, dem Erscheinungsbild der Stadt und ihrer Mauern zu schaden. In meinem Land Syrien ist es verboten, die Heiligkeit des Präsidenten und seiner Regierung zu verletzen. Sonst, im Krieg, kann man alle Mauern der Stadt verbrennen und zerstören. Aber hier brauche ich keine Mauer, um meine Meinung zu äußern, wie in Syrien, wo es keine andere Möglichkeit gab. Dennoch wundere ich mich: Warum schreiben die Leute auch hier an die Wände? Ist es, weil ihnen sonst niemand zuhört?

Inmitten all dieser verwirrten Fragen wurde ich von einem traurigen Gefühl überschwemmt. Ich dachte an diejenigen, die ihre Graffiti an den Mauern in die Gefängnisse führten. Einige von ihnen haben ihr Leben verloren. Die Wände waren das letzte, was sie in dieser Welt sahen.

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