Das Foto zeigt die Freilassung syrischer Gefangener in Damaskus, es gehört nicht zu Caesars Fotos. Foto: SANA

Die Fotos des Militärfotografen mit dem Aliasnamen Caesar dokumentieren Folter in Gefängnissen des syrischen Gemeindienstes. Nun sind 60 Bilder in Stuttgart zu sehen. Auch der Vater unseres Kolumnisten ist ein Folteropfer – und immer noch inhaftiert.

Stuttgart - Nie hätte ich gedacht, dass ich hier in Stuttgart einmal den Menschen treffen werde, der mir vor einigen Jahren mitgeteilt hat, dass mein Vater noch am Leben ist: Khaled Rawas. Seine Stimme kenne ich von vielen Telefonaten. Aber nun werden wir uns zum ersten Mal sehen, in die Arme schließen, uns gegenübersitzen und in die Augen blicken können.

Khaled wurde in Damaskus festgenommen und in das berüchtigte Foltergefängnis der Abteilung 215 des Militärgeheimdienstes gebracht. Er ist einer von mehreren Anklägern die, nach ihrer Flucht aus der Hölle, in Deutschland Strafanzeige gegen führende Mitglieder des syrischen Militärgeheimdienstes erstattet haben.

Will ich wirklich alles wissen?

Mein Vater wurde 2012 in Damaskus verschleppt, über ein Jahr lang glaubten wir, er sei tot. Auf Facebook haben damals Gefängnisinsassen, die entlassen wurden, eine Seite gegründet, um auf Fragen von Angehörigen Vermisster zu reagieren und Informationen über deren Zustand zu liefern. Ich fragte nach meinem Vater, zwei Tage später erhielt ich eine erste Nachricht von Khaled: „Mahmoud, dein Vater lebt. Ich habe ihn getroffen.“

Ich freue mich sehr darauf, Khaled zu sehen. Aber ich bin auch nervös und angespannt. Denn ich treffe die Person, die meinen Vater in einer schrecklichen Situation erlebt hat. Am Telefon haben wir viel gesprochen, aber von Angesicht zu Angesicht ist es doch etwas anderes. Was wird er mir erzählen? Kann er mir überhaupt alles erzählen? Was frage ich? Will ich wirklich alles wissen?

Vater ist immer noch in Haft

Über die syrischen Geheimgefängnisse wurde immer wieder berichtet. Menschenrechtsverletzungen sind dokumentiert. Es gibt unzählige Beweise. Bis jetzt aber wurden Inhaftierungen und Folter nicht gestoppt. Für Opfer und deren Angehörige ist es unglaublich schwer zu begreifen, dass die meisten Täter straflos bleiben und wahrscheinlich niemals vor Gericht gestellt werden. Immerhin gibt es einen Lichtblick: Khaled und andere mutige Zeugen konnten in Deutschland Strafanzeigen stellen. Und auch die sogenannten „Caesar-Fotos“ sind wichtiger Bestandteil der Aufarbeitung und Dokumentation der Kriegsverbrechen. Im Dienste des syrischen Militärs fotografierte der unter dem Decknamen „Caesar“ bekannte Fotograf Folteropfer des Regimes. Dann schaffte er 50 000 Fotos davon außer Landes – als Dokumentation einer grausamen Tötungsmaschinerie. Die Fotos könnten entscheidend dazu beitragen, Regimevertreter zur Verantwortung zu ziehen. Der Generalbundesanwalt in Karlsruhe ermittelt aufgrund dieser Dokumente gegen Verantwortliche in Syrien.

Mein Vater ist immer noch inhaftiert. Nach einiger Zeit in Abteilung 215 wurde er in ein anderes Gefängnis nahe Damaskus verlegt. Wir können seitdem Kontakt zu ihm aufnehmen. Wir wissen, dass er lebt, wir wissen, dass er nicht mehr gefoltert wird. Aber wir wissen nicht ob er jemals wieder nach Hause kommen darf. Ich weiß nicht, ob ich ihn jemals wiedersehe.

Khaled Rawas beim Begleitprogramm dabei

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: