Lediglich eine Minderheit der Arbeitnehmer in Deutschland leistet dauerhaft Mehrarbeit, stellt das Statistische Bundesamt fest. Eine pauschale Empörung ist beim Thema Überstunden nicht gerechtfertigt, meint Matthias Schiermeyer.
Überstunden werden schnell skandalisiert – vor allem wegen ihrer eindrucksvollen Gesamtzahl: Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit wurden 2023 rund 1,3 Milliarden Überstunden geleistet – was 835 000 Vollzeitstellen entspricht. Das Statistische Bundesamt hat nun ermittelt, dass lediglich ein kleinerer Teil der Arbeitnehmer – zwölf Prozent – dauerhaft Mehrarbeit leistet. Oftmals handelt es sich lediglich um wenige Wochenstunden.
Manche Arbeitgeber betreiben Ausbeutung
Dies ist eine wichtige Ergänzung, denn die Unterschiede sind erheblich. Differenzierung tut not: In manchen Bereichen der Arbeitswelt ist massenhafte Mehrarbeit beschäftigungspolitisch nachteilig und gesundheitsschädigend, teilweise auch von Arbeitgebern geradezu ausbeuterisch angelegt, wo Tarifverträge kaum greifen und Betriebsräte machtlos sind. Als Beispiele seien die Pflege oder das Baugewerbe genannt.
In weiten Teilen der privaten und öffentlichen Betriebe ist eine Fixierung auf die einzelne Überstunde übertrieben und letztlich weltfremd. Während der Bandarbeiter oder die Supermarktkassiererin sehr effektiv tätig sind und nur bedingt mehr belastet werden können, bleibt im Bürojob dann doch Zeit für den Plausch zwischendurch. Vom Homeoffice ganz zu schweigen. Insofern müsste man sich da zunächst mal ehrlich machen.
Gesetz zur Arbeitszeiterfassung ist im Verzug
Einen Gewinn an Transparenz könnten theoretisch auch neue gesetzliche Vorgaben für die Arbeitszeiterfassung bringen. Das Bundesarbeitsgericht fordert sie, doch die Ampel ist damit im Verzug. Mit den Neuregelungen würde vielleicht klarer, dass Überstunde nicht gleich Überstunde ist. Wahrscheinlicher ist, dass den Unternehmen große Flexibilitäten verloren gehen, weil sie beim Ausgleich von Mehrarbeit in Zeit oder Geld verstärkt in die Pflicht genommen würden. Der allerdings fragwürdige Vorteil, dass ein erheblicher Teil aller Überstunden unbezahlt geleistet wird, würde schwinden.