Neben langfristigen Lösungen setzt sich der Verband auch für kurzfristige Maßnahmen ein: etwa sogenannte Schutzwohnungen (Symbolbild). Foto: imago/blickwinkel

Frauen, die Gewalt erleben, brauchen besseren Schutz im Landkreis Böblingen – das fordert Doris Bleeser vom Courage-Ortsverband mit anderen in einem offenen Brief an die Politik.

„Wenn man nur auf der Couch sitzt, verändert sich nichts“, sagt die 71-jährige Doris Bleeser. Seit über einem Jahrzehnt engagiert sie sich im Sindelfinger Ortsverband des Frauenverbands Courage. Gemeinsam mit anderen hat sie sich nun mit einem offenen Brief an den Landkreis Böblingen und die Politik gewandt. Gemeinsam fordern sie mehr Unterstützung für Kinder und Jugendliche, die von häuslicher Gewalt betroffen sind – und appellieren an die Bundestagsabgeordneten der Region, sich für eine verlässliche Finanzierung von Schutzangeboten durch den Bund einzusetzen.

 

Plätze werden nicht ausreichen

Der offene Brief wurde von rund 20 Einzelpersonen und Organisationen unterzeichnet – darunter auch Vereine wie Heim & Straßenengel oder die Umweltgewerkschaft. Doch aus der Politik kommt bislang nur verhaltene Resonanz. „Wir haben lediglich eine Rückmeldung von Marc Biadacz (CDU) bekommen, aber auch nur sehr allgemein gehalten – ohne konkretes Eingehen auf unsere Forderungen“, berichtet Bleeser.

Das neue Frauen- und Kinderschutzhaus in Herrenberg soll mit 16 Wohneinheiten Platz für 16 bis 25 Schutzsuchende bieten. Dies werde bei weitem nicht ausreichen, sind sich die Unterzeichnerinnen sicher. Bleeser verweist auf die Istanbul-Konvention, die 2,5 Schutzplätze pro 10 000 Einwohner empfiehlt. Im Landkreis wären demnach fast 100 Plätze notwendig.

Ein zentrales Anliegen des Verbands ist wie eingangs erwähnt die Finanzierung. Der Aufenthalt in Frauenhäusern sei oft mit Kosten für die Betroffenen verbunden – ein Problem, das viele von einer Flucht in die Sicherheit abhalte. Zwar wurde 2024 auf Bundesebene ein Gewaltschutzgesetz verabschiedet, das einen kostenfreien und niedrigschwelligen Zugang zu Schutz- und Beratungseinrichtungen vorsieht. Doch es soll erst ab 2032 greifen. „Das ist absolut unverständlich. Warum muss man Frauen, die heute Hilfe brauchen, noch sieben Jahre warten lassen?“, kritisiert Bleeser.

Häusliche Gewalt kein Einzelfall

Neben langfristigen Lösungen setzt sich der Verband auch für kurzfristige Maßnahmen ein: etwa sogenannte Schutzwohnungen. Sie fordern: Der Kreistag solle einen Beschluss fassen über die Anmietung von anonymen Schutzwohnungen – und zwar sofort und nicht erst nach Fertigstellung des beschlossenen Frauen- und Kinderschutzhauses. Inzwischen wurde dem Ortsverband Courage sogar eine konkrete Wohnanlage in Aussicht gestellt – von einem Verein, der regelmäßig Wohnungen für Notfälle freihält. „Das Angebot liegt dem Landratsamt vor, aber es ist offenbar noch nichts passiert. Wir wollen uns das bald vor Ort anschauen“, so Bleeser. Und überhaupt, warum müsse man neu bauen, wenn es im Landkreis leer stehende Immobilien gebe, die man mit überschaubarem Aufwand herrichten könnte?

Ein weiterer Kritikpunkt: Schutzkonzepte zielten überwiegend auf den Rückzug der Opfer ab – während die Rolle und Verantwortung der Täter oft zu wenig in den Fokus rückten. „Es kann nicht sein, dass immer nur die Frauen und Kinder fliehen müssen“, sagt Bleeser. „Was ist mit den Tätern? Warum werden die nicht mehr zur Rechenschaft gezogen?“ Sie verweist auf Modellprojekte wie das Interventionszentrum häusliche Gewalt in der Südpfalz, wo Behörden wie Polizei, Jugendamt und Justiz eng zusammenarbeiten – inklusive Täterarbeit. Solche ganzheitlichen Ansätze wünsche man sich auch für den Kreis Böblingen.

Denn häusliche Gewalt sei kein Einzelfallproblem, sondern ein strukturelles – und gesellschaftliches. „Es betrifft alle Schichten, alle Altersgruppen. Wir müssen endlich aufhören, wegzusehen.“

Häusliche Gewalt

Zahlen
In Deutschland sind 2024 laut registrierten Zahlen so viele Menschen wie noch nie Opfer von häuslicher Gewalt geworden. Das berichtet die „Welt am Sonntag“ auf Grundlage von Zahlen des Bundeskriminalamts. Demnach waren insgesamt 256 942 Menschen offiziell betroffen. Der Anstieg habe gegenüber dem Jahr zuvor bei rund 3,7 Prozent gelegen. Experten gehen jedoch von einer Dunkelziffer aus, weil nicht alle Fälle gemeldet werden.

Hilfsangebote
Im Kreis Böblingen bietet die Amila-Beratungsstelle bei häuslicher Gewalt Unterstützung an. Die Beratungshotline ist erreichbar unter 0 70 31/63 28 08, in akuten Fällen steht ein Nacht-Notruf unter 0 70 31/22 20 66 zur Verfügung. Deutschlandweit ist das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter der Nummer 116 016 erreichbar. Die Beratung erfolgt auf Deutsch (per Anruf und Chat) sowie in weiteren Sprachen über einen Dolmetscherdienst (nur telefonisch). Das Telefon ist rund um die Uhr erreichbar, der Chat steht von Montag bis Sonntag zwischen 12 und 20 Uhr zur Verfügung.