Ein eingespieltes Team: Falkner Pierre Kuhlmann und sein Wüstenbussard Chap. Foto: StN

Stadtbibliothek setzt im Kampf gegen Vogelkot auf Falkner – Verwaltung sucht Standorte für Nistplätze.

Stuttgart - Wenn Ingrid Bussmann, Leiterin der Stadtbibliothek, morgens in ihr Büro hoch über dem Mailänder Platz kommt, findet sie nicht nur jede Menge Arbeit, sondern auch Taubenkot auf ihrem Schreibtisch vor. In den Büros ihrer Mitarbeiter ist es das Gleiche: überall Taubenschiss. „Die Vögel beziehen hier nachts Quartier. Sie flattern durch die nach außen offenen und nicht verschließbaren Umlaufgänge zwischen innerer und äußerer Fassade und von dort in die Büros“, vermutet Bussmann. Nachdem der Personalrat Alarm geschlagen hat, sollen die ungebetenen Gäste nun verjagt werden.

Mit der Lösung des Problems hat die Stadtverwaltung die Falknerei Karlsruhe beauftragt. Deren Wüstenbussarde sollen die Tauben in der Bibliothek so erschrecken, dass sie das Weite suchen. Die Kosten für die geplanten zehn Einsätze liegen bei insgesamt 3500 Euro. Tierfreunde müssen laut Pierre Kuhlmann, Inhaber der Falknerei Karlsruhe, nicht um das Leben der Tauben bangen. „Der Bussard fliegt zwischen mir und meiner Partnerin in der Bibliothek hin und her“, sagt er. Der erhoffte Effekt ist der, dass der Raubvogel die Tauben in ihren Quartieren aufschreckt und sie eine solche Todesangst bekommen, dass sie für immer das Weite suchen. Bei hundert Flügen schlägt der Bussard laut Kuhlmann vielleicht eine Taube. Und das auch nur dann, wenn sie krank ist oder der Zufall es will. Kuhlmann und seine Frau setzen ihre beiden Bussarde Chap und Tara im Wechsel ein. Geplant sind an einem Tag zwei bis drei Einsätze, die jeweils zwischen einer halben und einer Stunde dauern. Die insgesamt zehn Einsatztage sollen auf mehrere Wochen verteilt werden. Los gehen soll es Mitte oder Ende August. „Vorher muss noch geklärt werden, wann die Tauben ins Gebäude kommen und wie viele es in etwa sind“, sagt Kuhlmann.

Netze sollen die Tauben fernhalten

Falls der Falkner und seine Bussarde nichts ausrichten, sollen Netze die Tauben abhalten. Zwei Varianten werden derzeit im Erdgeschoss der Bibliothek hinsichtlich ihrer optischen Wirkung getestet: ein Edelstahlnetz mit rautenförmigen und ein schwarzes Kunststoffnetz mit quadratischen Maschen. Da das Stahlnetz auffällig in der Sonne glänzt, wird das unauffälligere Kunststoffnetz favorisiert. Mit der Variante ist laut Bussmann auch der Architekt der Bibliothek, Eun Young Yi, einverstanden. Wie teuer die 300 einzelnen jeweils 1 x 2,5 Meter großen Netze sind, die vor den Fenstern eingesetzt würden, steht nicht fest. Sie dürften aber um ein Vielfaches teurer sein als der Einsatz von Falkner Kuhlmann. Der ist zuversichtlich, dass seine Bussarde ihre Sache gut machen. Er sagt aber auch, dass weitere Maßnahmen wie die Errichtung von Taubenschlägen notwendig sind, soll das Problem nicht verlagert, sondern gelöst werden.

So sehen es auch die Grünen im Gemeinderat. Sie fordern, dass die rund 75 000 Euro, die im Haushalt 2012/2013 für etwa drei weitere Taubenschläge in Stuttgart bewilligt worden sind, umgehend dafür ausgegeben werden. Besondere Eile sei geboten, weil der Taubenschlag im Hauptbahnhof wegen der Bauarbeiten zur Tieferlegung der Gleise Ende des Jahres weg kommt. Als Standort vorgeschlagen haben sie sogar das Dach der Stadtbibliothek – zum Entsetzen von Bussmann, die Tauben loswerden und nicht einladen will. „Dann müssen in der Umgebung eben andere Standorte gefunden werden“, meint Grünen-Stadtrat Peter Pätzold

Einen Taubenturm gibt es in Stuttgart

Die Suche nach Standorten für Schläge ist jedoch problematisch. „Kein Hausbesitzer will einen Taubenschlag auf dem Dach“, sagt Silvie Brucklacher, Taubenbeauftragte des Tierschutzvereins Stuttgart. Und auch Gerald Petri vom Amt für öffentliche Ordnung muss einräumen, dass für den Standort am Hauptbahnhof noch kein Ersatz gefunden wurde – obwohl die Stadt seit Frühjahr einen Standortsucher hat, der mit Besitzern geeigneter Objekte Gespräche führt. Einig sind sich alle Experten darin, dass Taubenschläge oder -türme die einzig sinnvolle Maßnahme zur Regulierung des Bestands sind. Dort werden die Taubeneier gegen Plastikattrappen ausgetauscht und so die Vermehrung der Vögel eingeschränkt.

In Stuttgart gibt es mittlerweile einen Taubenturm im Stadtgarten und fünf Taubenschläge. Zwei davon sind auf dem Dach der Leonhardskirche, je einer auf dem Dach der Rathausgarage und dem Parkhaus Mühlgrün und der im Hauptbahnhof. Dort versorgen Tierschützer und Helfer der Caritas die Tauben mit Futter und Wasser und jubeln ihnen die Plastikeier unter. Laut Silvie Brucklacher wurden seit Errichtung des ersten Taubenschlags am Hauptbahnhof vor vier Jahren bereits rund 3000 Eier durch Attrappen ersetzt. Um die Vermehrung der Tauben nicht nur zu stoppen, sondern ihre Zahl langfristig zu reduzieren, sind nach Meinung Brucklachers in Stuttgart 20 Taubenschläge nötig. Von der Vertreibung durch Bussarde hält sie wenig. „Da bleiben Jungvögel in den Nestern zurück, die ohne ihre ­Eltern verhungern. Außerdem wird das Problem nur verlagert.“ Bislang ist nur die Evangelische Kirche in Stuttgart bereit, neben der Leonhardskirche noch weitere Kirchen zur Verfügung zu stellen. Sie investiert bei jeder Kirchenrenovierung Tausende Euro in Abwehrmaßnahmen wie Netzte, um zu verhindern, dass die Fassaden durch Taubenkot ruiniert werden. „Die Stadt hat bisher keine weiteren Anfragen nach einem Standort gestellt“, sagt Thilo Mrutzek, Architekt bei der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Stuttgart.

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