Gering Qualifizierte haben derzeit gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Foto: dpa/Jens Büttner

Die Zahl der offenen Stellen in Baden-Württemberg ist in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen. Besonders groß ist der Bedarf anscheinend an Helfertätigkeiten, heißt es bei der Bundesagentur für Arbeit.

Stuttgart - Vom Arbeitsmarkt kommen derzeit erfreuliche Nachrichten: Zum einen steigt die Zahl der offenen Stellen wieder deutlich. Und zum anderen findet die Wirtschaft anscheinend schneller die passenden Beschäftigten. Mehr als 94 000 zu besetzende Stellen stehen im Juli in der Kartei der Bundesagentur für Arbeit allein für Baden-Württemberg. Das sind gut 40 Prozent mehr als vor einem Jahr. Rund 98 Prozent der angebotenen Jobs sind dabei sozialversicherungspflichtig. Die Zahlen hat die Bundesagentur für Arbeit in Baden-Württemberg für unsere Zeitung errechnet. Sie machen aber deutlich: Von einstigen Boomphasen ist der Südwesten weit entfernt. So hatte die Behörde 2019 im Schnitt 106 000 Arbeitsplätze im Angebot, 2018 waren es sogar 112 000.

 

Baden-Württemberg ist besser

Auch im Vergleich mit den anderen Bundesländern ist die Lage im Südwesten relativ günstig. Bundesweit ist die Zahl der gemeldeten Arbeitsplätze in den vergangenen zwölf Monaten um knapp 30 Prozent auf fast 745 000 gestiegen. Zur Einordnung: Im Juli lag die Arbeitslosenquote im Südwesten bei 3,9 Prozent; bundesweit betrug der Anteil dagegen 5,6 Prozent.

Positiv ist, dass sich die Suche nach geeigneten Beschäftigten im Südwesten etwas entspannt hat. Dauerte es im Juli 2020 im Schnitt noch 146 Tage, bis eine Stelle besetzt werden konnte, waren es ein Jahr später 119 Tage. Auch bei dieser Kennziffer ist die Lage im Südwesten günstiger als der Bund; da können offene Stellen erst nach 154 (Mitte 2020: 180) Tagen besetzt werden.

Welche Berufsgruppen gesucht werden

Es gibt aber große Unterschiede zwischen den Berufsgruppen. Händeringend gesucht werden im Südwesten derzeit Experten und Fachkräfte im Bereich Rohstoffgewinnung, Glas- und Keramikverarbeitung. Die Vakanzzeit – also die Zeit bis eine offene Stelle tatsächlich besetzt ist – beträgt 237 Tage. 204 Tagen dauert es, bis geeignetes Personal rund um Körperpflege und Medizintechnik gefunden ist. Auch Bauunternehmer brauchen Geduld: Erst nach rund 190 Tagen haben sie den passenden Beschäftigten gefunden. In den genannten Bereichen ist die Arbeitslosigkeit extrem gering. Mehr Erwerbslose gibt es etwa bei Papier- und Druckberufen oder bei darstellenden und unterhaltenden Berufen; deshalb können freie Stellen auch schneller besetzt werden.

Auffallend ist eine andere Entwicklung: Im Hightechland Baden-Württemberg scheint der Bedarf an gering Qualifizierten derzeit besonders hoch zu sein. Um fast 87 Prozent – auf knapp 22 000 – sind die Jobangebote für Helfertätigkeiten seit Mitte 2020 in die Höhe geschnellt. Freilich liegt die Zahl der offenen Stellen für Fachkräfte, Experten und Spezialisten absolut gesehen deutlich höher; im Vergleich zu Mitte 2020 variieren die Zuwächse zwischen 27 und 47 Prozent.

Mehr arbeitslose Experten

Überraschend ist, dass die Arbeitsagentur seit einigen Jahren einen überdurchschnittlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit bei Experten und Spezialisten verzeichnet. „Es spricht einiges dafür, dass Spezialisten und Experten mit veralteten und nicht mehr zum Strukturwandel passenden Qualifikationen teils auch mit Abfindungsangeboten freigesetzt wurden“, steht im Dossier mit dem Titel „Der Arbeitsmarkt im Spannungsfeld von Konjunktur- und Struktureinflüssen“. Mit Abstand die meisten offenen Stellen gibt es bei den „sonstigen wirtschaftliche Dienstleistung“. Dazu gehören Zeitarbeitsfirmen und Gebäudereiniger. Vor allem kleine Unternehmen mit weniger als 100 Beschäftigten suchen Personal.