In den vergangenen drei Jahren ist die Zahl der Morde in London um 40 Prozent gestiegen. Sogar vor dem Buckingham-Palast wurde ein mit einem Messer bewaffneter Mann festgenommen. Foto: dpa

Bisher galt London als einer der sichersten Metropolen. Doch Bandenkriege und Messerstechereien unter Jugendlichen machen manche Stadtteile zu einem gefährlichen Pflaster.

London - Bisher haben viele der wohlhabenderen Viertel Londons nach Kräften verdrängt, was sich in den Straßenzügen ärmerer Quartiere ereignet. Jetzt aber fällt niemandem an der Themse das Wegsehen mehr leicht. Permanent kommen zurzeit die Abendnachrichten mit neuen Meldungen über Jugendliche und jüngere Leute, die irgendwo in der Stadt erdolcht oder erschossen aufgefunden worden sind.

Über 50 solcher Morde hat es 2018 schon gegeben, obwohl das Jahr noch keine ­hundert Tage alt ist. Einen Mord also im Schnitt jeden zweiten Tag, und das in einer Metropole, die sich immer für besonders sicher hielt. Allein diese Woche traf es bereits vier Personen, darunter einen 16-Jährigen und eine 17-Jährige, die am Montagabend innerhalb von dreißig Minuten in zwei ganz verschiedenen Londoner Stadtteilen, in Walthamstow und Tottenham, auf offener Straße getötet wurden. Beide sollen bei Bandenkriegen „zwischen die Fronten“ gekommen sein.

Die meisten werden mit einem Messer getötet

Tanesha Melbourne-Blake, die 17-Jährige, war mit Freundinnen in Tottenham unterwegs, als sie aus einem vorbeifahrenden Auto erschossen wurde. Es hätte jede ihrer Begleiterinnen treffen können. Andere Opfer erwischt es vor Schulen, an Kinotüren, in Höfen von Wohnblocks, in U-Bahn-Stationen der Stadt. Die meisten von ihnen fallen Messerangriffen zum Opfer.

Fast alle Getötete sind jung, die große Mehrheit ist schwarzer Hautfarbe. Allein zu Silvester starben innerhalb von 15 Stunden vier junge Männer an vier verschiedenen Orten der britischen Hauptstadt durch Messerstiche. Sie waren 17, 18 und 20 Jahre alt.

Für Tottenhams Labour-Abgeordneten David Lammy, der seit Langem Gehör für dieses Problem zu finden sucht, hat die Sache einen Punkt erreicht, an dem es so nicht weitergehen kann. „Was wir jetzt erleben, ist schlimmer als alles, was ich bisher erlebt habe. Eltern, Freunde, Familien, Schulen sind traumatisiert und trauern. Und es gibt absolut kein Zeichen dafür, dass diese Gewalt abebben wird.“

Brutale Drogenkriege mitten in der Stadt

Lammy geht davon aus, dass es eine ganze Reihe von Gründen gibt für die tödliche ­Misere. Ihn beängstigen vor allem die neuen, brutalen Drogenkriege in der Stadt. „Es gibt hier einen Kokain-Markt im Wert von elf Milliarden Pfund. Wir sind der Drogenmarkt Europas, und ich fürchte, unsere ­Polizei und unser Land haben die Kontrolle über diesen Markt verloren.

Schon Kinder im Alter von zwölf werden als Boten rekrutiert.“ An Drogen zu kommen sei heute in London „so leicht, wie Pizzas zu bestellen“, erklärt Lammy. Revierkämpfe im Drogengeschäft zögen Teenager in einen Strudel der Gewalt. Selbst die Jüngsten seien mit Messern bewaffnet. Und Schusswaffen brächten die Profis, „Gangs aus Osteuropa oder Albanien“, ins Land.

Weitere Probleme, meint Lammy, seien die soziale Benachteiligung ganzer Bevölkerungsschichten, etwa mit der hohen Arbeitslosigkeit unter jungen schwarzen Männern, sowie die drastische Reduzierung von Jugendprogrammen. Viel Interesse zeige die Regierung an diesen Themen nicht. Weder Regierungschefin Theresa May noch Innenministerin Amber Rudd hätten ihn je kontaktiert, klagt Lammy: „Und im Parlament reden wir darüber nicht.“

Auch der Bürgermeister Londons, Sadiq Khan, sieht in den Kürzungen im Jugend­bereich einen Hauptgrund für die Zunahme der Gewalt. 22 Millionen Pfund sind nach Angaben von Sozialarbeitern in diesem ­Sektor in den letzten sieben Jahren eingespart worden. 30 Jugendzentren in London haben schließen müssen. Jugendhelfer-Jobs wurden um fast 40 Prozent gekürzt.

Selbstbewaffnung für Jugendliche „normal“

Zu wenig Chancen hätten Kinder und Jugendliche, „sichere Orte“ anzusteuern, um solche Probleme zu bereden, meint Ira Campbell, Direktor eines noch bestehenden Jugendzentrums in Süd-London. Mittlerweile sei Selbstbewaffnung „schon normal“ für viele Jungs. „Die greifen sich, bevor sie aus dem Haus gehen, ein Messer mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der sie die Schuhe anziehen.“

Im Grunde müsste man, meint Sean Yates, Chef der Messerstecher-Abteilung bei Scotland Yard, schon Fünfjährige und nicht erst Kinder in fortführenden Schulen über lauernde Gefahren unterrichten: „Der beste Moment, ihnen was beizubringen, ist, bevor man ihnen begegnet auf der Unfallstation.“

Von Jahr zu Jahr, meint Yates, habe sich die Zahl der Todesopfer, die jünger als 25 waren, verdoppelt. Londons Polizeipräsidentin Cressida Dick verweist außerdem auf die Rolle sozialer Medien. Triviale Streitigkeiten könnten heutzutage „binnen Minuten“ zu todernsten Auseinandersetzungen eskalieren, warnt Dick.

Für Vicky Foxcroft, die Labour-Abgeordnete von Lewisham, die nach dem Tod von fünf jungen Leuten in ihrem Wahlkreis einen „Anti-Gewalt-Ausschuss“ gründete, sind strenge Maßnahmen der Regierung mehr als überfällig. „Wenn so viele junge Leute bei einem Fußballspiel oder Konzert ums Leben gekommen wären, hätte man sofort eine Untersuchungskommission angesetzt.“

Mehr Tötungen in London als in New York

Strenge Schusswaffengesetze in Großbritannien

London und New York haben mit acht Millionen Bürgern etwa die gleiche Einwohnerzahl und ähnliche Probleme mit dem Unterschied zwischen Arm und Reich. Doch anders als in den USA gelten in Großbritannien strenge Schusswaffengesetze. Schießereien gibt es deshalb selten. Erstmals hat London nun die US-Metropole bei der Mordzahl übertroffen: Wie aus Polizeistatistiken hervorgeht, wurden im Februar in London 15 Menschen getötet, in New York gab es 14 Mordopfer. Im März wurden 22 Morde gezählt – einer mehr als in New York.

Im bisherigen Jahresschnitt hat allerdings die US-Metropole mehr Morde zu verzeichnen als die britische Hauptstadt. Von der Londoner Polizei hieß es, von den bisher 46 Mordfällen dieses Jahres seien 31 auf Angriffe mit Stichwaffen zurückzuführen.

Zahl der Morde um 40 Prozent gestiegen

In den vergangenen drei Jahren ist die Zahl der Morde in London um 40 Prozent gestiegen. New York, einst berüchtigt für Gewaltverbrechen, konnte die Zahl der Morde seit 1990 um 87 Prozent senken. Nach Angaben der Londoner Polizei sind für die tödlichen Angriffe vor allem Einzeltäter und nicht so sehr die organisierte Kriminalität verantwortlich. Die Täter seien zunehmend minderjährig, immer mehr Jugendliche trügen ein Messer bei sich.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: