Die Stuttgarter Paartherapeuten Claudia Kaul und Oliviero Lombardi haben beide die Erfahrung gemacht, dass junge Menschen inzwischen öfter zu ihnen kommen (Symbolbild). Foto: Imago/Yay Images

Junge Paare gehen früher zur Paartherapie als Ältere. Das liegt an ihren Eltern und an Problemen beim Sex. Doch erhöht eine Therapie die Chancen auf eine gute Beziehung?

Als Claudia Kaul vor einigen Jahren als Paartherapeutin begann, war eines ihres ersten Paare gleich eine Überraschung: zwei Studierende, 23 und 26 Jahre alt – eigentlich nicht die Altersgruppe, die zu dieser Zeit meistens zur Paartherapie ging. „Er war fremdgegangen, und sie hat es nicht übers Herz gebracht, ihm zu sagen, dass sie sich räumlich trennen wollte“, erzählt Kaul. Von den Eltern hatte die junge Klientin gelernt, die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen und die Beziehung durchzuziehen.

 

Durch die Gespräche in der Therapie schaffte sie das – er zog aus, und sie konnten wieder beginnen, sich zu daten. „Nach einem halben Jahr sind sie wieder zusammengekommen“, sagt Claudia Kaul. Diesen Fall bringt sie noch heute ab und zu als Beispiel an, wenn sie mit Paaren arbeitet.

Stuttgarter Therapeutin: Paare zwischen 21 und 28 kommen immer mehr

Damals sei das junge Paar noch die Ausnahme gewesen, sagt sie. Doch seit circa drei Jahren kämen junge Paare zwischen 21 und 28 Jahren immer öfter zu ihr. „Sie wollen nicht die gleichen Fehler machen wie ihre Eltern“, sagt die 44-Jährige. Sie selbst freut das sehr – nicht zuletzt, weil sie selbst Kinder um die zwanzig hat.

Die Paartherapeuten Claudia Kaul und Oliviero Lombardi haben beide Praxen in Stuttgart – und arbeiten vermehrt mit jungen Paaren. Foto: Claudia Kaul, Praxis für Paartherapie, Coaching und Resilienz Training; Oliviero Lombardi

Den Trend der jungen Leute bestätigt Paartherapeut Oliviero Lombardi. Auch in seine Praxis in Stuttgart kämen Menschen teils schon mit Anfang 20, weil sie das mit den Beziehungen besser machen wollten als ihre Freunde oder Eltern. „Leider finden sich häufig eher negative ‚Vorbilder’“, sagt er. Zum Beispiel, was die Kommunikation angeht.

Früher hätten viele gedacht, dass schlechte Ehen normal seien und man sie einfach durchstehen müsse. „Heute sind Menschen viel offener für die Idee, dass sie glücklich sein dürfen“, sagt er. Wenn man eine Beziehung entsprechend gestalte.

Auffällig findet er, dass viele Klientinnen und Klienten kommen, die erst seit ein paar Monaten in der Beziehung sind. Zum Teil schon, wenn sie erste Schwierigkeiten bemerken, und dann quasi präventiv ihren „Beziehungs-Führerschein“ machen wollen.

Die Themen: Distanz, Streit und Sex

Claudia Kaul hat die Erfahrung gemacht, dass viele im Studium kommen, wenn Distanz eine Rolle spielt. Auslandssemester, wegziehen zum Studieren, solche Sachen. Laut Lombardi sei für diese Paare vor allem der Umgang mit Streit wichtig. „Leider ist eine große Anzahl von Beziehung von Anfang an eher toxisch“, erzählt er. Klassischerweise sei Alltagskommunikation oft gewaltvoll. „Auf dieser Basis fühlt Mann und Frau sich schnell missverstanden, und es kommt zu unangenehmen Gefühlen oder zunehmendend zu Streit.“

Das zweite wichtige Thema laut Lombardi: Spaß im Bett. „Erstaunlich viele junge Menschen haben schon Probleme mit ihrer Sexualität“, sagt er. „Da gibt es das ganze Spektrum von mangelnder Erfahrung, Hemmungen und erlernter Lustlosigkeit, negativen Erfahrungen oder dem Vorleben der Eltern von Asexualität.“

Zwar seien junge Menschen heute aufgeklärter als andere Generationen, allerdings werde durch soziale Medien häufig ein extrem verzerrtes Bild von Sexualität transportiert. „Oftmals haben junge Menschen mit 12 bis 16 Jahren schon alles gesehen, was möglich ist“, sagt er. „Das ist weder gesund, noch führt es zu einer natürlichen, befriedigenden Sexualität.“

Sexologin Julia Sparmann freut sich auch darüber, dass mehr junge Menschen in ihre Beratung kommen. Foto: Michaela Grönnebaum

Julia Sparmann, Sexologin und Autorin des Buches „Befreite Lust – ein Übungsbuch für Frauen“, hat auch die Erfahrung gemacht, dass junge Leute sich heutzutage früher um Beziehungen und Sexualität kümmern. Zu ihr in die Sexualberatung kommen ebenfalls schon Frauen in den Zwanzigern. „Das ist relativ neu. Es gibt heute ein anderes Bewusstsein, einen anderen Wunsch, den Sex so zu leben, dass man etwas davon hat – und nicht erst 20 Jahre zu warten“, sagt sie. „Ich denke, das ist ein Resultat von medialer Aufklärung und von sexueller Bildung an Schulen.“ Sie sieht die Entwicklung total positiv.

Offener sind junge Menschen, was das Thema Polyamorie und offene Beziehungen angeht, da sind sich die beiden Paartherapeuten einig. „Das scheint momentan ein bisschen Mode zu sein“, sagt Lombardi. Aber er warnt: „Das bringt augenscheinlich noch mehr Probleme für Beziehungen mit sich“. Es sei schon schwierig genug, einem Partner gerecht zu werden. Bei mehreren werde es nur noch komplizierter.

Dennoch: Wenn junge Menschen sich früh und oft präventiv für eine Paartherapie entscheiden, hätten sie deutlich bessere Chancen auf eine glückliche Beziehung. Auch das sehen Claudia Kaul und Oliviero Lombardi gleichermaßen so. „Je früher man sich mit sich selbst auseinandersetzt, desto früher hat man die Möglichkeit, eine gesunde Beziehung zu führen“, sagt Kaul.

Lombardi ergänzt: „Die Probleme sind trotzdem da. Nur nun stellt man sich ihnen früher und besser. Eben präventiv.“

Die Expertinnen und Experten

Claudia Kaul
ist Paartherapeutin und Coach und lebt seit 2006 mit ihrer Familie in Stuttgart. Seit 2014 ist sie zudem FamilienRats-Koordinatorin für das Jugendamt der Landeshauptstadt Stuttgart.

Oliviero Lombardi
ist Diplom-Psychologe und systemischer Therapeut. In seiner Stuttgarter Praxis bietet er unter anderem Hilfe für Paare an. Außerdem ist er Mediator sowie ausgebildeter Trainer und Coach.

Julia Sparmann
ist Sexologin und Sexualwissenschaftlerin. In der Sexualberatung, in Mentoring-Programmen und Workshops begleitet sie Frauen auf ihrem Weg zu einer erfüllten Sexualität. Sie ist Dozentin an der Hochschule Merseburg im Studiengang Sexologie und Autorin.