Mit #tastystuttgart Image stärken Schwäbisches Selbstbewusstsein soll Gäste locken

Von Matthias Ring 

Armin Dellnitz im Gespräch mit Blick auf das Herz von Stuttgart – den Schlossplatz vom Café Königsbau aus gesehen. Foto: Lichtgut/Kovalenko
Armin Dellnitz im Gespräch mit Blick auf das Herz von Stuttgart – den Schlossplatz vom Café Königsbau aus gesehen. Foto: Lichtgut/Kovalenko

Stuttgarts oberster Touristiker Armin Dellnitz erklärt im Gespräch, was für ihn den Genuss in der Stadt ausmacht und wo er Nachholbedarf sieht.

Stuttgart - Stuttgart-Marketing setzt dieses Jahr mit der Kampagne #tastystuttgart verstärkt auf das Thema Kulinarik. Im Gespräch sieht Geschäftsführer Armin Dellnitz große Chancen, aber auch Defizite in diesem Bereich.

Herr Dellnitz, wir sitzen auf Ihren Vorschlag zum Frühstück im Café Königsbau. Warum?
Ich bin hier oft, weil ich mich einfach wohlfühle. Es ist locker und total gemischt vom Publikum. Und wenn ich Geschäftspartnern mal das Herz von Stuttgart zeigen möchte, dann bietet sich das Café genauso an wie mittags ins Cube zu gehen.
Um den Schlossplatz herum gibt es noch mehr Gastronomie, aber keine am Marktplatz. Traurig für eine Großstadt, oder?
Ja, ich halte es auch für überfällig, dass der Marktplatz neu gestaltet wird. 2020 ist mir persönlich viel zu spät. Aber wenn ich mal die Augen schließe und mir vorstelle, wie er in Zukunft auszusehen hat, dann ist er nicht nur aufgehübscht. Ich höre und sehe zahlreiche Menschen, die bei herrlichem Wetter die Außengastronomie nutzen. Der ganze Platz ist lebendig, wie man es von italienischen Marktplätzen kennt.
Und in der Zwischenzeit ist das Dorotheen-Quartier eine Art Trostpflaster?
Das Dorotheen-Quartier hat dazu beigetragen, dass man sieht, welche Defizite der Marktplatz hat. Da ist aus privater Hand etwas Schönes entstanden. Und wenn wir hinterm Rathaus bald ein kleines Boutique-Hotel haben werden, dann stelle ich mir eine Achse vor aus Dorotheen-Quartier, Marktplatz, Nadlerstraße und in der Verlängerung zur Tübinger Straße mit ihrer sich entwickelnden Gastronomie. Die Stadt braucht mehr Frequenzachsen. Wir waren in der Vergangenheit zu einseitig mit der Königstraße.
Woanders denkt man bei Stuttgart vor allem an Feinstaub und Großbaustelle. Gehen Sie deshalb mit #tastystuttgart in die Offensive?
Wenn es um das Image der Stadt geht, dann werden wir zu häufig nur als Wirtschaftsstandort wahrgenommen. Das ist ja grundsätzlich nicht schlecht, andere Städte würden sich das wünschen. Aber aus Sicht des Touristikers ist das unbefriedigend. 70 Prozent unserer Gäste kommen aus beruflichen Gründen und 30 Prozent als Städtereisende zu uns. Diesen Anteil wollen wir erhöhen. Unser Kulturangebot, aber eben auch die Kulinarik sind wertvolle Schätze.
Allerdings haben wir etwa im Gegensatz zu München kein Drei-Sterne-Restaurant, nicht mal ein Zwei-Sterne-Restaurant wie Köln oder sogar Mannheim. Ist das nicht auch wichtig fürs Image?
Die Spitzengastronomie ist eine Auszeichnung für die kulinarische Qualität einer Stadt und touristisch wertvoll. Aber wenn es um den Volumenmarkt geht, dann ist die authentische, regionale Küche noch wichtiger. Da ist München allerdings auch sehr stark, und ich glaube, dass wir einen Nachholbedarf haben, wenn es darum geht, den Gästen mit mehr Selbstbewusstsein unsere schwäbische Küche anzubieten.
Das ist eben die schwäbische Bescheidenheit.
Ja, die zeigt sich auch in der Gastronomie, vielleicht weil man denkt, dass das Schwäbische nicht so gut ankommt. Der Gast möchte aber einen Einblick in die regionalen Besonderheiten bekommen.
Wie schwäbisch sind Sie eigentlich als Rei’g’schmeckter?
Inzwischen bin ich absoluter Weinliebhaber und trinke kaum noch Bier. Das war im Norden anders. Bei jeder Party gehörte Flensburger Bier auf den Tisch, und nur nebenbei gab es noch irgendeinen Wein. Wenn ich hier Freunde einlade, frage ich: Welchen Wein wollt ihr trinken? Und ich bin stolz, dass ich Besuch aus Norddeutschland so ausgezeichnete Weine präsentieren kann, neben unseren Bierspezialitäten.
Was ist das schwäbische Leibgericht, das Sie anderen unbedingt näher bringen wollen?
Das sind für mich Maultaschen in all ihren Varianten. Die Handgemachten toppen aus meiner Sicht alles.
Und wohin führen Sie Gäste aus?
Ich hatte kürzlich den Deutschen Reiseverband hier, mit denen bin ich in eine Besenwirtschaft gegangen. Den Abend vergessen die nie. Das ist eine enorme Produktnähe, ein gutes Stück Regionalität, Authentizität, ja, einfach Heimat. Und das müssen wir noch viel stärker nach außen vermarkten.
Eine Besenwirtschaft ist auch ein Mikrokosmos, den es zu schützen gilt. Gibt es Plätze, die Sie lieber nicht so offensiv bewerben?
Individualgästen und kleineren Gruppen empfehlen wir gern die heimelige Atmosphäre unserer Wengerter. Unsere Partner sagen uns aber eben auch, wenn da mal eine Anfrage ist, dann macht das, aber schickt uns nicht zehn Busse am Tag.
Barcelona, Venedig und Mallorca stöhnen unter zu viel Tourismus. Mal ketzerisch gefragt: Was habe ich als Stuttgarter davon, wenn immer mehr Touristen kommen?
Zum einen ist es toll, in einer Stadt leben zu können, in die viele Menschen reisen, weil sie attraktiv ist. Zum anderen: Wenn der Tourismus gut funktioniert, dann wird auch mehr investiert in Kultur- und Freizeiteinrichtungen. Und ich habe noch an keiner Stelle gehört, dass es jemanden zu viel wird, aber wir müssen darauf achten.
Und uns zwischen Schweizer Ellenbogen auf dem Weihnachtsmarkt arrangieren. Auch auf dem Sommerfest kann es ganz schön eng werden, selbst auf dem Heusteigviertelfest. Das wird zwar nicht vom internationalen Tourismus überrannt, aber ein kleines Stadtteilfest von Anwohnern für Anwohner ist es auch längst nicht mehr.
Da gebe ich Ihnen Recht, aber wir reden da von ganz punktuellen Situationen auf bestimmten Veranstaltungen. Wir sind weit davon entfernt, hier in Stuttgart und Region von „Overtourism“ zu sprechen. Es ist noch viel Luft nach oben, aber die Menge an Hotelbetten, die wir dazubekommen werden, wird dafür sorgen, dass der Tourismus in den nächsten Jahren auffälliger wird. Das wird man spüren – aber zum Vorteil von denen, die hier leben.

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