Immer mehr Menschen erleben Mobbing oder Diskriminierung in ihrem Arbeitsumfeld – doch viele Unternehmen tun bislang wenig dagegen. Foto: imago/Panthermedia

Rund 30 Prozent der Erwachsenen in Deutschland sind schon einmal zum Opfer von Mobbing oder Cybermobbing geworden. Oft spielen sich die Angriffe im Arbeitsumfeld ab – und Vorgesetzte sind häufig beteiligt. Wer betroffen ist – und was man dagegen tun kann.

Karlsruhe - Augenrollen, ein derber Witz, eine Hassmail: Immer mehr Menschen sind von Mobbing und Cybermobbing betroffen. Auch Angriffe gegen Erwachsene am Arbeitsplatz nehmen von Jahr zu Jahr zu – das zeigt eine neue, repräsentative Befragung des Bündnisses gegen Cybermobbing unter 4000 Erwachsenen. Demnach waren in Deutschland 32 Prozent der Menschen zwischen 18 und 65 Jahren schon einmal Opfer von Mobbing, bei Cybermobbing – also Mobbing übers Internet – sind es mit 11,5 Prozent mehr als in der letzten Befragung.

 

Bemerkenswert ist: Rund die Hälfte der Mobbing-Vorfälle ereignet sich laut der Befragung im Arbeitsumfeld – und bei wiederum der Hälfte davon sind Vorgesetzte beteiligt. Als Mobbing gilt, wenn eine Person immer wieder direkt oder indirekt angegriffen und herabgewürdigt wird.

Neid und eine auffällige Erscheinung sind laut der aktuellen Erhebung die häufigsten Ursachen dafür, manche Täter mobben „aus Ärger mit der Person“ oder „weil andere das auch machen“. Auch die Tatsache, dass viele Menschen durch die Pandemie verstärkt im Homeoffice arbeiten, spiele eine Rolle bei der Zunahme insbesondere von Mobbing übers Internet, sagt Uwe Leest, Vorstandsvorsitzender des Bündnisses gegen Cybermobbing: „Je mehr man Online kommuniziert, desto niedriger ist die Hemmschwelle, dort auch mal etwas zu schreiben, was unter die Gürtellinie geht.“

Mobbing im Internet wird gesellschaftlich kaum geächtet

Ein Grund für die Zunahme sei, dass Mobbing im Internet gesellschaftlich nicht sanktioniert und strafrechtlich kaum verfolgt werde, sagt Uwe Leest. Frauen und jüngere Menschen sind laut Studie häufiger betroffen: Bei den 18- bis 24-Jährigen hätten bereits 50 Prozent Erfahrung mit Mobbing gemacht und 21 Prozent mit Cybermobbing. „Das zeigt, dass das gelernte negative Verhalten aus der Jugend ins Arbeitsleben übernommen wird“, sagt Leest. Für die Betroffenen können solche Erfahrungen schwere Folgen haben: Die Hälfte der Opfer leidet unter Persönlichkeitsveränderungen und Depression, manche rutschen in eine Sucht ab und jedes achte Opfer stuft sich gar als suizidgefährdet ein. Betroffene weisen laut der Studie jährlich im Schnitt fünf Krankheitstage mehr auf als Nichtopfer, zudem denken sie häufig über einen Jobwechsel nach. Mobbing hat deshalb auch Folgen für die Arbeitswelt: Das Bündnis für Cybermobbing beziffert die mit Mobbing verbundenen Auswirkungen für deutsche Firmen auf acht Milliarden Euro jährlich.

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Beleidigungen können strafrechtlich verfolgt werden

„Nur wenige Unternehmen haben die Dringlichkeit des Problems erkannt, bieten Anlaufstellen oder schulen ihre Führungskräfte zu dem Thema“, sagt Uwe Leest. In einer Umfrage von Statista und dem Meinungsforschungsinstitut YouGov gab nur etwa ein Viertel der Befragten an, dass es in der eigenen Firma entsprechende Hilfsangebote gebe. „Es ist einerseits wichtig, dass zum Beispiel Unternehmen für das Thema sensibilisieren und das Betriebsklima stärken“, sagt Leest. Andererseits brauche es dezidierte Anlaufstellen, Präventionsarbeit und eine öffentliche Diskussion über Decknamen und Anonymität im Netz.

Beleidigungen, üble Nachrede oder Verleumdung können zwar strafrechtlich verfolgt werden – doch das reiche im Hinblick auf die Ausprägungen im Netz nicht aus: Wir brauchen ein Cybermobbing-Gesetz, wie es das in Österreich schon seit einigen Jahren gibt“, findet Leest.

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Wer von Mobbing im Netz betroffen ist, sollte die mobbende Person blockieren und auf Angriffe nicht mehr reagieren, empfiehlt der Experte. Außerdem sei es wichtig, Screenshots – also Bildschirmfotos – von den herabwürdigenden Nachrichten zu machen und so Beweismittel zu sammeln. Gegebenenfalls können Betroffene auch eine Strafanzeige stellen.

Leest rät zudem: „Es ist gut, offen mit dem Thema umzugehen und mit anderen darüber zu sprechen, um Druck von sich selbst zu nehmen. Wer stark unter den Angriffen leidet und psychisch belastet ist, sollte sich psychologischen Beistand holen.“

Hier finden Betroffene von Mobbing und Cybermobbing Hilfe

Diskriminierung:
 Eine dezidierte Stelle für Opfer von Mobbing gibt es in Deutschland nicht. Wer wegen eines Merkmals wie der Herkunft, der Religion oder des Geschlechts gemobbt und somit diskriminiert wird, kann sich an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes wenden. Hilfe bei Konflikten am Arbeitsplatz bietet die Konflikthotline Baden-Württemberg e.V.: 0711/892 44 300

Beratungsstellen:
 Das Bündnis gegen Cybermobbing gibt auf seinen Seiten im Netz einen Überblick über Hilfsangebote und Beratungsstellen in der jeweiligen Region: www.buendnis-gegen-cybermobbing.de.