Die Stuttgarter Scharr-Gruppe stellt sich immer breiter auf. „Das eine tun, das andere nicht lassen“, sagt Familienunternehmer Rainer Scharr. So macht er das Unternehmen zukunftsfähig.
Die Stuttgarter Scharr-Gruppe, die vielen vor allem als Heizölhändler bekannt ist, stellt sich immer breiter auf. Ein Beispiel ist der Neubau für den Nutzfahrzeugservice Scharr Truck. Wie sich das Familienunternehmen für die Zukunft rüstet?
Rainer Scharr hat ein klares Ziel: Er will die Energiewende voranbringen und das Unternehmen erfolgreich in die nächste Generation führen. „Der Wandel hat uns schon immer begleitet“, sagt Scharr, der das 1883 als Kohlehandlung gegründete Familienunternehmen in vierter Generation führt. Mit einem „Einfach weiter so“ sei es nicht getan, um sich zukunftsfähig aufzustellen, sagt der geschäftsführende Gesellschafter der Friedrich Scharr KG in Stuttgart-Vaihingen. 2033 werde das Unternehmen anders aussehen als heute.
Nutzfahrzeugservice auch für andere Fuhrparkkunden
Der Neubau für den Nutzfahrzeugservice Scharr Truck mit Büro, Werkstatt und Ersatzteillager für rund sieben Millionen Euro, der am 12. Mai in Stuttgart eingeweiht wird, steht zweifellos auch dafür. Der Service ist nicht nur für die eigenen rund 150 Nutzfahrzeuge gedacht, sondern auch als Dienstleister für andere Fuhrparkkunden – egal ob SSB oder beispielsweise Paketdienste.
„Scharr Truck ist für uns ein Satellit“, beschreibt es Familienunternehmer Scharr, will heißen: Warum innovative Dienstleistungen nicht auch für andere anbieten?
Noch dominieren fossile Energien das Geschäft. 2025 hat Scharr rund 595 000 Tonnen Heizöl und 175 000 Tonnen Flüssiggas verkauft und ist damit einer der größten Heizöllieferanten im Südwesten. Der Absatz von Erdgas und Strom lag bei 500 Gigawattstunden. Scharr verkauft auch zunehmend Ökostrom, PV-Anlagen und Batteriespeicher und baut beispielsweise E-Ladesäulen für Hotels, Supermärkte oder Golfplätze. „Wir stehen hinter der Energiewende“, sagt der Familienunternehmer, für den Nachhaltigkeit und CO2-Reduzierung keine bloßen Schlagworte sind. Man berate die Kunden auch entsprechend. „Da haben wir eine große Verantwortung.“
Regenerative Energien scheitern oft am Preis
Allerdings glaubt Scharr, dass fossile Energien noch lang eine wesentliche Säule der Unternehmensgruppe sein werden. „Wir würden gerne deutlich mehr regenerative Energien verkaufen, doch bei den Kunden scheitere das oft am Preis.“ Scharr verspricht sich einiges vom geplanten Gebäudemodernisierungsgesetz, das technologieoffen ist und das seit 2024 geltende Gebäudeenergiegesetz reformiert, das er als „Sanierungsverhinderungsgesetz“ bezeichnet.
Die Zahl der Heizölanlagen sei in den vergangen 20 bis 30 Jahren mit mehr als fünf Millionen in Deutschland stabil geblieben, auch wenn jetzt vor allem Wärmpumpen eingebaut würden. Der Heizölabsatz pro Kunde sei aber zurückgegangen – unter anderem durch Effizienzmaßnahmen, sagt Scharr. Der Markt schrumpfe.
Das Familienunternehmen mit 24 Standorten in Deutschland, darunter mehrere in Baden-Württemberg und Bayern, ist mit drei Säulen breit aufgestellt. Auf Energie und Wärme entfallen mehr als die Hälfte des Geschäfts. Dazu zählen beispielsweise Flüssiggas, Heizöl, Holzpellets, Erdgas und Diesel, aber auch Ökostrom und der Großhandel. Die beiden weiteren Säulen bilden die Techniksparte und die Betriebsstoffe. Zu letzteren gehören beispielsweise Schmierstoffe, aber auch Chemieprodukte wie etwa Lösemittel für die Lack- und Farbenindustrie oder Aerosole, die beispielsweise in kosmetischen und technischen Sprays zum Einsatz kommen.
Die Techniksparte sei sehr wichtig, denn sie profitiere von der Energiewende, sagt Scharr mit Blick auf die zweite Säule. Steuerungs- und Regelungstechnik verbessern die Energieeffizienz, egal ob es um Wärmepumpen Solaranlagen oder die Beschattung eines Gebäudes wie bei der Gebäudeautomation geht. „Das eine tun, das andere nicht lassen“, beschreibt Scharr die Unternehmensstrategie, denn das „Alte müsse das Neue finanzieren“, sagt er.
Von der Haustechnik bis zu Kläranlagen
Zur Techniksparte, unter der auch der Nutzfahrzeugservice angesiedelt ist, gehören unter anderem Haustechnik, Industrieanlagen, Brennertechnik oder beispielsweise die Wasser- und Abwassertechnik. Für Kommunen bietet Scharr etwa Komplettlösungen rund um die Kläranlage, die immer höheren Anforderungen erfüllen muss – etwa was das Herausfiltern von Mikroplastik oder Medikamentenresten angeht. Kläranlagen würden vom „Energiefresser zum Energieerzeuger“, sagt Scharr. So werde aus Klärschlamm wertvolles Klärgas produziert.
„Die Transformation der Energiemärkte ist allgegenwärtig“, sagt der 60-jährige Familienunternehmer und spricht von Herausforderungen aber auch Riesenchancen. Er freut sich, dass die fünfte Generation „Lust darauf hat, im Unternehmen eine aktive Rolle einzunehmen“, wie er sagt. Seine Tochter ist bereits im Unternehmen, bei Fokus Zukunft in der Nachhaltigkeitsberatung, der jüngste Sohn studiert noch, der andere arbeitet bei einem Beratungsunternehmen. Ans Aufhören denkt Scharr freilich noch nicht.
Das Unternehmen sieht er gut und zukunftsgerichtet aufgestellt. Ergebniszahlen nennt das Familienunternehmen traditionell nicht. 2025 lag der Umsatz bei 1,02 Milliarden Euro. Allerdings ist die Umsatzzahl nicht so aussagekräftig. So sind beispielsweise die Heizölpreise extremen Schwankungen unterworfen, die durch internationale Rohölpreise, Wechselkurse und geopolitische Ereignisse getrieben werden. Ein hoher Umsatz kann schlicht auf einen sehr hohen Einkaufspreis zurückzuführen sein, ohne dass die verkaufte Heizölmenge gestiegen ist, um nur mal ein Beispiel zu nennen. Scharr hat mehr als 250.000 Privat- und Firmenkunden und über 1000 Beschäftigte.