Hollywood-Star Antonio Banderas erlitt Anfang 2017 einen Herzinfarkt. Ein "psychologischer Wendepunkt" für ihn. Foto: Featureflash Photo Agency / Shutterstock.com

Wie viel Bewegung braucht jeder Mensch, um sein Herz gesund zu halten und welchen Einfluss hat die Psyche? Dr. med. Reinhard Friedl erklärt zum Weltherztag, warum das Herz mehr ist als nur eine Pumpe.

Der Weltherztag findet jedes Jahr am 29. September statt. Im Mittelpunkt steht die Frage, was jeder Einzelne tun kann, um Risiken für eine Herz-Kreislauf-Erkrankung oder einem Schlaganfall vorzubeugen. Priv. Doz. Dr. med. Reinhard Friedl hat bereits über 3000 Operationen am offenen Herzen durchgeführt. In seinem Buch "Der Takt des Lebens: Warum das Herz unser wichtigstes Sinnesorgan ist", beschreibt er unter anderem, warum das Herz nicht nur eine Pumpe ist. Welchen Einfluss die Psyche auf das Herz hat, erklärt der Herzchirurg im Interview mit spot on news.

"Der Takt des Lebens: Warum das Herz unser wichtigstes Sinnesorgan ist" von Reinhard Friedl und Shirley Michaela Seul finden Sie hier

Bekommt das Herz in unserem alltäglichen Leben die Aufmerksamkeit, die es braucht?

Reinhard Friedl: Ich glaube nicht - aber es gibt immer mehr wissenschaftliche Erkenntnisse, dass wir das unbedingt tun sollten. Denn wir können im Gehirn eindeutige Nervensignale aus dem Herzen nachweisen. Sie beeinflussen unser Sehvermögen und unsere Entscheidungen. Hören wir also aufmerksam auf unsere Herzen, erkennen wir Zusammenhänge und finden Lösungen, die wir vorher nicht gesehen haben. Umgekehrt sendet das Gehirn dann ebenfalls neuronale Botschaften an das Herz, und sein Takt wird viel ruhiger, Stress nimmt ab. Unser Herz braucht es also, gehört zu werden. Das tut ihm gut und ist gesund.

Es gibt viele Formen der Ernährung, die einen positiven Einfluss auf die Gesundheit haben sollen. Welche Ernährungsweise eignet sich am besten, um Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorzubeugen?

Friedl: Es gibt keine pauschal richtige Ernährung für alle Menschen, wir sind ja alle individuell verschieden, wie auch jedes Herz anders ist. Damit befasst sich auch die individualisierte Medizin, ein ganz neues Forschungsfeld, das diese Phänomene genauer unter die Lupe nimmt. In jedem Falle gilt: Je mehr Umweltgifte Sie in sich aufnehmen, desto schädlicher ist das für Ihren Körper. Egal, was Sie essen, achten Sie darauf, dass es aus einem möglichst natürlichen Anbau und artgerechter Aufzucht kommt. Hochwertige Öle, eine Handvoll Nüsse sowie Obst und Gemüse im Rhythmus der Jahreszeiten sind auf jeden Fall ein hochwertiger Treibstoff für Ihr Herz. Zusammen mit ausreichend Entspannung und Bewegung können Sie damit Herz- und Kreislauf-Erkrankungen sogar heilen.

Welches Minimum an Bewegung pro Woche schützt das Herz?

Friedl: Zum Glück weniger als das Herz selbst sich bewegt! Es ist nämlich ein wahrer Bewegungsprofi und schlägt rund 3 Milliarden Mal in einem durchschnittlichen Leben. Es hat nur deshalb eine so hohe Laufleistung, weil es nach jeder Anspannung auch vollständig entspannt. Ein Herzzyklus besteht aus einem Drittel Aktion und zwei Drittel Entspannung. Eine Dauerkontraktion am Herzen ist genauso tödlich wie ein zu langes Erschlaffen. Unser Herz sucht langfristig immer eine Balance zwischen Bewegung und Entspannung. Wenn wir uns also mindestens alle 3 Tage 30 Minuten bewegen, und zwar so, dass das Herz nicht gelangweilt gähnt, sondern gern auch mal ein bisschen auf Touren kommt, ist das ein guter Schutz für das Herz.

Was sind die größten Irrtümer und Vorurteile, die es über das Herz gibt?

Friedl: Das Herz sei nur eine Pumpe. Es ist viel, viel mehr! Nämlich auch ein komplexes Sinnesorgan, das permanent den Druck in den Herzhöhlen und die chemischen Veränderungen im Blut vermisst. Es kann sogar riechen! Außerdem hat es Rezeptoren für zahlreiche Neurotransmitter und Hormone wie zum Beispiel das Liebeshormon Oxytocin. Dieses löst am 22. Tag nach unserer Zeugung den ersten Herzschlag aus. Es ist zudem sehr wichtig für die Entwicklung zu einem starken Herzen und seine Gesundheit. Infarkte sind weniger gravierend, wenn Herzen zuvor mit dem Liebeshormon behandelt wurden. Das Herz kann Oxytocin sogar selbst herstellen. Die Biologie der Liebe feuert also keineswegs nur im Gehirn, sondern auch im Herzen. Das hat mit seinen 40.000 Nervenzellen jedoch auch seinen eigenen Kopf und kann manchmal durchaus anders entscheiden, als das Gehirn gerne hätte. Die meisten von uns haben das schon mal erlebt.

Welchen Einfluss hat unsere seelische Verfassung auf das Herz?

Friedl: Eine enorme! Emotionaler Stress kann sogar zu tödlichen Herzrhythmusstörungen führen. Depressionen gehen häufig mit einer Herzschwäche einher. Umgekehrt verursachen Herzen, die aus dem Takt geraten sind, Schlaganfälle im Gehirn und seelische Störungen. Gerade das Vorhofflimmern ist ja fast schon eine Art Volkskrankheit geworden - und es ist nicht nur eine Herzerkrankung, sondern oftmals eine Beziehungsstörung von Herz und Gehirn. Anstatt die Ursache immer nur im Herzen zu suchen, brauchten die beiden eine Paartherapie. Damit tun wir auch unserer Seele, also unserem individuellen Bewusstsein, etwas Gutes.

In Ihrem Buch "Der Takt des Lebens" beschreiben Sie die wahre Natur des Herzens. Welche ist diese für Sie?

Friedl: Das, was es für die meisten Menschen ist - auch wenn das Wissen darüber in unserer gehirnfokussierten Zeit ein wenig verloren gegangen ist: Das Herz gilt in allen großen Kulturen der Menschheit, von der Steinzeit bis zur Gegenwart, in allen Religionen und spirituellen Schulen als ein Symbol und das biologische Zentrum für Liebe, Mitgefühl, Freude, Mut, Stärke, Wahrheit und Weisheit. Wieso? Weil wir alle diese Herzensqualitäten als eine innere Realität erleben können! Sie machen uns erst menschlich. In meinem Buch habe ich viele wissenschaftliche Beweise dafür gesammelt, dass das Herz tatsächlich ein Ort ist, an dem sich diese Herzqualitäten organisch manifestieren können. Für eine humane Zukunft brauchen wir sie dringender denn je. Der kleine Prinz sagt: "Man sieht nur mit dem Herzen gut." Ich glaube, nein ich bin sicher: Er hat recht.

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