Cellcentric, ein Joint Venture von Daimler und Volvo, will im Kreis Esslingen eine Fabrik für Brennstoffzellen bauen – eine der größten in Europa. Die Politik in Baden-Württemberg darf jubeln. Die Hintergründe des Megaprojekts.
Weilheim - Weilheim im Kreis Esslingen soll Standort einer der größten Brennstoffzellen-Produktionsstätten in Europa werden. Anfang März 2021 haben die Daimler Truck AG und die Volvo Group das Joint Venture Cellcentric geschlossen, um die Entwicklung der Brennstoffzelle zur Großserienreife zu beschleunigen. Nun macht Cellcentric den nächsten Schritt.
Der Unternehmenssprecher Joachim Ladra bestätigt Informationen unserer Zeitung, wonach das Unternehmen den Bau einer Hochtechnologiefabrik plant. Die dort produzierten Brennstoffzellen sollen vor allem den Lastkraftverkehr deutlich klimafreundlicher machen.
Investitionskosten noch unklar
„Wir haben zwar auch andere Optionen“, sagt der Sprecher. „Aber Weilheim wäre ein potenzieller und sehr interessanter Standort für uns.“ Baubeginn soll bereits im Jahr 2023 sein. Die Serienproduktion könnte dann frühestens 2025, aber in jedem Fall in der zweiten Hälfte des laufenden Jahrzehnts aufgenommen werden.
Über die Investitionskosten könne man zum jetzigen noch frühen Planungszeitpunkt keine konkreten Angaben machen, heißt es bei Cellcentric. Man bewege sich auf vielen Gebieten der Entwicklung auf Neuland. Deshalb müssten auch viele neue und damit kostspielige Maschinen angeschafft werden. Es dürfte sich, so schätzen Experten, bei der Zukunftsfabrik also um ein Milliardenprojekt handeln. Dabei kann Cellcentric mit öffentlichen Zuschüssen im dreistelligen Millionenbereich für das Vorzeigeprojekt rechnen.
In mehreren Schritten zur Großproduktion
Der ins Auge gefasste Standort für die hochmoderne und klimaneutrale Produktionsstätte ist das geplante Industriegebiet Rosenloh in Weilheim. Cellcentric würde 15 der rund 30 Hektar großen Fläche, die sich zwischen der Autobahn 8 und der Stadt Weilheim befindet, benötigen. Die verbleibende Fläche soll lokalen Wirtschaftsunternehmen die Möglichkeit zur Expansion eröffnen.
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„Der Standort ist auch deshalb so interessant für uns, weil wir die gesamte Expertise und die Forschung in der Region Stuttgart gebündelt haben“, beschreibt Cellcentric-Sprecher Ladra die Ausgangslage. „Deshalb haben nicht nur wir, sondern hat auch das baden-württembergische Wirtschaftsministerium, mit dem wir in ständigem, gutem und konstruktivem Kontakt stehen, Interesse, die Produktion der Brennstoffzellen in der Region zu halten.“
Die Brennstoffzellenforschung wird im nahe gelegenen Kirchheimer Stadtteil Nabern vorangetrieben. Im demnächst fertiggestellten Neubau in Esslingen arbeite man daran, die bisher erzielten Forschungsergebnisse nun für die Großserienproduktion vorzubereiten. Die soll dann ihre neue Heimat am Standort Weilheim finden.
Große Informationskampagne der Bevölkerung ist geplant
Allerdings müssen vor Ort zunächst noch die Grundvoraussetzungen für den Bau geschaffen werden. „Der Flächennutzungsplan muss für das Industriegebiet Rosenloh geändert werden“, erläutert Ladra. Um bei der Bevölkerung Verständnis und Zustimmung für das zukunftsweisende Projekt zu erhalten, werde man zudem einen groß angelegten Beteiligungsprozess initiieren. Damit reagieren die Stadt Weilheim und Cellcentric auf die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit.
Erst vor zwei Wochen musste der Verband Region Stuttgart seinen Plan, den nur rund fünf Kilometer entfernten Bereich Hungerberg als Vorhaltestandort für ein Hochtechnologie-Gewerbegebiet auszuweisen, nach einem Bürgerentscheid fallen lassen. Die Bürgerinnen und Bürger von Dettingen, auf deren Gebiet der Hungerberg liegt, votierten mit großer Mehrheit dafür, die Ackerflächen zu erhalten.
Auch dieses Mal muss mit Bedenken aus der direkt betroffenen Stadt Weilheim gerechnet werden. Es gibt aber einen wesentlichen Unterschied zum Hungerberg: Das Gewerbegebiet Rosenloh liegt nicht in einem regionalen Grünzug, sondern ist als Weilheimer Entwicklungsfläche ausgewiesen.
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Cellcentric sieht sich als Vorreiter der Branche, bekennt sich zum Einsatz von wasserstoffbasierten Brennstoffzellen im Fernlastverkehr und will einer der weltweit führenden Hersteller von Brennstoffzellensystemen werden. Aus Sicht der Daimler Truck AG und der Volvo Group ergänzen sich rein batterieelektrisch angetriebene und wasserstoffbasierte Brennstoffzellen-Lastwagen: Je leichter die Ladung und je kürzer die Distanz, desto eher wird die Batterie zum Einsatz kommen. Je schwerer die Ladung und je länger die Strecke, desto eher wird die Brennstoffzelle das Mittel der Wahl sein.
Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) begrüßt die Entwicklung ausdrücklich. „Das neue Werk wäre nicht nur ein großer Gewinn für die Region, sondern für ganz Baden-Württemberg. Es wäre ein starkes Signal für unseren Wirtschaftsstandort.“
„Eine tolle Chance für den Klimaschutz“
„Sollte Cellcentric tatsächlich in Weilheim das neue Werk bauen, dann ist das eine fantastische Sache und eine tolle Chance für den Klimaschutz“, sagt der Kirchheimer Landtagsabgeordnete und Fraktionschef der Grünen, Andreas Schwarz: „Es ist eine riesige Sache, wenn der Schwerlastverkehr klimafreundlicher gestaltet werden kann.“ Auch seine beiden Kirchheimer Kollegen Andreas Kenner (SPD) und Natalie Pfau (CDU) stellen sich zusammen mit Schwarz hinter das Projekt: „Damit können in unserer Region neue hochwertige Arbeitsplätze geschaffen werden. Wir begrüßen es sehr, dass die Stadt Weilheim bereits eine frühzeitige und umfangreiche Bürgerbeteiligung in die Wege geleitet hat.“ Auch Thomas Bopp, Präsident des Verbands Region Stuttgart, freut sich über die Cellcentric-Pläne: „Das ist ein wichtiges Bekenntnis zur Region Stuttgart. Wir werden alles tun, um das Projekt zu unterstützen.“