In den Weltmeeren treiben 86 Millionen Tonnen Kunststoff. Nur ein kleiner Teil davon wird an Land gespült. Foto: privat/Frauke Bagusche

Meeresschutz fängt im Alltag von jedem Einzelnen an, sagt die Meeresbiologin Frauke Bagusche. Am 9. Februar erzählt sie bei einer Lesung in Waldenbuch, was der Plastikmüll in den Ozeanen anrichtet und was man dagegen tun kann.

Waldenbuch - Das Meer ist ein Sehnsuchtsort. Urlauber träumen von kristallklarem Wasser, Strand und Palmen. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus. Die Meeresbiologin Frauke Bagusche kennt die vermüllten Korallenriffe der Malediven, hat den Nordatlantischen Müllteppich durchquert und ist durch die allgegenwärtige Schicht aus Mikroplastik getaucht. Die Wissenschaftlerin wird deshalb nicht müde, für den Schutz der Meere zu kämpfen. Am Sonntag, 9. Februar, ist sie in Waldenbuch zu Gast. Vorab erzählt die Forscherin im Interview, wie weit die Zerstörung des Lebensraums Meer vorangeschritten ist und warum sie trotzdem die Hoffnung nicht verliert.

Frau Bagusche, auf einer Skala von einer guten Eins bis zum Exitus bei Zehn – wie stark ist der Patient Meer schon angegriffen?

Im Hinblick auf die Folgen des Klimawandels würde ich sagen: Wir haben die Stufe sieben erreicht. Es sind Kettenreaktionen in Gang gekommen, die sich verselbstständigen. Das ist das größtmögliche Problem für die ganze Welt. Was die Vermüllung der Meere mit Plastik betrifft, bin ich der Meinung, dass wir das noch in den Griff bekommen können.

Sie waren 2015 Mitglied der Expedition Aquapower und sind zehn Wochen mit einem Filmteam von der Karibik bis ins Mittelmeer gesegelt, um das Bewusstsein für die Vermüllung der Meere zu wecken. Was haben Sie auf dieser 9500 Kilometer langen Fahrt erlebt?

Das war die größte psychische und physische Anstrengung, die ich jemals durchgestanden habe. Ich war die ganze Zeit über seekrank. Ich würde es aber jederzeit wieder tun. Mir ging es darum, für die Menschen im Inland das doch recht abstrakte Problem des Plastikmülls in den Ozeanen erlebbar zu machen und zu zeigen: Das ist die Realität. Ich hatte diese enorme Diskrepanz zuvor schon als Leiterin einer meeresbiologischen Station auf den Malediven erfahren. Beim Tauchen fanden wir Plastiktüten, Babywindeln, Strohhalme und Plastikgeschirr in den Korallenriffen. Nachts wurde der Müll am Strand angespült, den Tauchboote oder Hotelressorts ohne Müllverbrennung nachts im Meer entsorgt hatten. Und das alles mitten im Paradies – es war wirklich ein Schock und hat mich traurig und wütend gemacht.

Das ist die Situation in Ufernähe. Wie sieht es auf hoher See aus?

Leider nicht besser. In den Weltmeeren treiben 86 Millionen Tonnen Kunststoff. Sie können Tausende von Kilometern vom Festland entfernt sein. Es gibt dort keine Geräusche und keinen Geruch mehr – aber Sie finden Plastik. Wir haben derzeit fünf große Müllteppiche in den Ozeanen. Der große Pazifische Müllteppich hat allein 4,5-mal die Fläche von Deutschland. Doch das sind nur die deutlich sichtbaren Erscheinungen. Der größte Teil der Belastung wird durch Mikroplastik verursacht. Diese Partikel finden wir mittlerweile überall in den Meeren – auch im Packeis. Da kann einen schon die Angst beschleichen. Das landet über die Nahrungskette irgendwann alles wieder bei uns.

Das klingt dramatisch, trotzdem haben Sie mit ihrem Buch „Das blaue Wunder“ nun ein Werk herausgebracht, das einen positiven Grundton hat und die Schönheit der Ozeane beschreibt. Wie passt das zusammen?

Wir haben es in der Hand, die Welt für die nachfolgenden Generationen zu erhalten. Daran arbeite ich. Ich bin davon überzeugt, dass wir Menschen nur jene Dinge wirklich schützen, die wir kennen und lieben. Deshalb habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, mit dem Meer-Mobil zur Bildung beizutragen, über die Vielfalt des Lebens im Meer zu berichten und die Bedeutung der Ozeane bewusst zu machen. Viele Menschen wissen zum Beispiel nicht, dass bis zu 80 Prozent unseres Sauerstoffs von Mikroalgen im Meer erzeugt werden. Das heißt: Auch in Stuttgart atmet man Meeresluft.

Wie kann es gelingen, die Vermüllung der Meere zu stoppen?

Es muss auf vielen Ebenen gehandelt werden. Deutschland ist der drittgrößte Plastikmüll-Exporteur weltweit. Das kann so nicht bleiben. Wir haben die technischen Möglichkeiten, unseren Müll bei uns zu behalten und die Recycling-Quote zu steigern. Plastik ist ja ein wertvolles Material und eine wichtige Ressource. Trotzdem werden nur etwa 15,6 Prozent des Kunststoffs wieder verwertet. Hier ist jeder von uns in seinem Alltag gefordert. Wir können unser Konsumverhalten ändern und damit Druck auf die Hersteller ausüben. Denn so viel ist klar: Wenn wir wirklich etwas bewegen wollen, sind die Industrie und die Politik gefragt. Sie haben die Macht, etwas nachhaltig zu verändern.

Wie optimistisch sind Sie, dass ein Kurswechsel gelingt?

Das Problem wird endlich wahrgenommen. Das ist schon mal ein wichtiger Schritt. Die Menschen interessieren sich. Es ist etwas ins Rollen gekommen. Ich merke, dass sich das Bewusstsein ändert, und das macht mir wirklich Hoffnung. Was wir aber dringend brauchen, ist ein deutlich höheres Tempo. Wir haben schon so vieles zerstört und müssen sofort die Reißleine ziehen.

Die Veranstaltung in Waldenbuch:

Die Meeresbiologin Frauke Bagusche ist am Sonntag, 9. Februar, auf Einladung des Kulturwerks in Waldenbuch zu Gast. Sie stellt an diesem Abend ihr neues Buch „Das blaue Wunder“ in Wort, Bild und Ton vor. Die Veranstaltung beginnt um 17 Uhr und findet in der Dürnitz des Waldenbucher Schlosses statt.

Im Vorverkauf gibt es Karten im WaldenBuchladen, Forststraße 20, und in der Bücherei im Städtle, Auf dem Graben 23. Mitveranstalter ist das Museum der Alltagskultur, das derzeit die Ausstellung „Adieu Plastiktüte“ zeigt. Um 16 Uhr wird deshalb eine Kuratoren-Führung im Museum angeboten.

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