Auf dem Dach der Notaufnahme befindet sich ein Hubschrauberlandeplatz, der rund um die Uhr angeflogen werden kann. Foto: Roberto Bulgrin

Im Spätsommer soll der Neubau auf dem Säer in Betrieb gehen. Notfallpatienten werden von einem ausgeklügelten Raumkonzept profitieren.

Wer als Erster kommt, kommt auch als Erster dran – dieses Prinzip funktioniert in einer Notaufnahme nicht. Sehr dringlich oder weniger dringlich, das ist hier die entscheidende Frage. In der neuen Zentralen Notaufnahme (ZNA) der Medius Klinik Nürtingen wird sie künftig in zwei sogenannten Triage-Räumen beantwortet. Die Triage regelt die Reihenfolge der Patienten.

 

„Hier geht es darum, anhand von Vitalzeichen, wie etwa Blutdruck, Herzfrequenz und Temperatur sowie den Aussagen und Symptomen des Patienten zu erkennen, wie bedrohlich die Situation ist und entsprechende Maßnahmen einzuleiten“, erläutert der Chefarzt der Klinik für Akut- und Notfallmedizin, Heiner Stäudle. Die medizinische Ersteinschätzung nehmen speziell geschulte Pflegekräfte binnen weniger Minuten vor, danach entscheidet sich, wie es mit dem Patienten weitergeht. Ein eigener „Fast-Track“-Bereich mit Untersuchungsräumen ermöglicht die schnelle Behandlung von leichten Fällen. Niemand solle unnötig lange warten müssen, betont Stäudle. Mit etwa 30 000 Patienten jährlich rechnet der Leiter der ZNA.

Dem 3856 Quadratmeter großen Neubau – fast schon ein eigenes kleines Krankenhaus – liegt ein ausgeklügeltes Nutzungskonzept zugrunde. „Wir haben uns viele Gedanken über die Anordnung der Räume und die Ausstattung gemacht“, berichtet Stäudle, der mit seinem Team die Planungen der Architekten von Beginn an begleitete. „Vor allem kurze Wege waren uns wichtig.“

Das Herzstück der ZNA ist der interdisziplinäre Stützpunkt, um den herum sämtliche Behandlungseinrichtungen gruppiert sind. „Hier läuft alles zusammen“, sagt der Chefarzt stolz. Von hier aus können das medizinische und das pflegerische Personal schnell von einem Einsatzort zum nächsten gelangen und jeden einzelnen der insgesamt 24 Behandlungsplätze über Monitore überwachen. Darunter sind auch vier Isolationszimmer. Separat dazu erhält das Team auf einem weiteren Bildschirm wichtige Informationen von der Leitstelle, zum Beispiel wann die Sanitäter eintreffen und worauf sich das Team vorbereiten muss.

Im Pandemiefall völlig autark

Falls ein schwer verletzter Patient mit einem Rettungswagen gebracht wird – über die neue Zufahrt können vier Fahrzeuge gleichzeitig die ZNA in Nürtingen anfahren – geht es auf direktem Weg in einen der beiden Schockräume, die sich zwischen den Räumen mit einem Computertomografen und einem Röntgengerät befinden. „Es wird niemand mehr durchs ganze Haus geschoben und der Patient so wenig wie möglich bewegt“, hebt Stäudle die Vorteile der „Notfallspange“ hervor. Diese ist auch über einen Aufzug mit dem Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach, der zu jeder Tages- und Nachtzeit ganzjährig angeflogen werden kann, angebunden.

Vervollständigt wird die Zentrale Notaufnahme durch eine Beobachtungsstation mit neun Betten, auf der Patienten nach der Erstversorgung für ein oder zwei Tage stationär aufgenommen werden können. Ihr Vorteil ist: Im Falle einer Pandemie könnte dieser Teil der Notaufnahme völlig autark mit eigenem Zugang betrieben werden. Für Notfallpatienten, die selbstständig ins Haus kommen, gibt es einen eigenen Eingang. Den Tresen und Wartebereich teilt sich die ZNA mit der angegliederten Notfallpraxis der niedergelassenen Ärzteschaft. Sie soll die Notaufnahme entlasten. Für die ambulante Versorgung von Patienten stehen separate Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung.

Noch sind die Handwerker im Neubau zugange, im Spätsommer soll die neue Zentrale Notaufnahme der Medius Klinik ihren Betrieb aufnehmen. Damit wird der Schlusspunkt gesetzt unter umfangreiche Baumaßnahmen am Standort: Bereits in einem ersten Teilbauabschnitt wurde in Nürtingen der OP-Trakt um zwei neue Säle ergänzt, die Aufbereitungseinheit für Medizinprodukte erweitert sowie die Aufnahmekapazität erhöht: Seit Anfang vergangenen Jahres stehen im neuen Bettentrakt 72 weitere Patientenbetten zur Verfügung.

Der jüngste Bauabschnitt beinhaltete neben dem Neubau der ZNA auch die Erweiterung des Patienten-Service-Centers und den Bau eines zweites Rechenzentrums. Rund 70 Millionen Euro wurden investiert. Diese Maßnahmen sind laut dem Landrat Heinz Eininger, dem Aufsichtsratschef der Medius Kliniken, „ein wichtiges Standortbekenntnis“. Sie würden dazu beitragen, „die medizinische Ausrichtung des Hauses als operativer Schwerpunkt weiter zu stärken“.

Lucha: Erweiterung folgerichtig und notwendig

Das Land steuerte Zuschüsse in Höhe von 41,2 Millionen Euro bei. Sozial- und Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) betonte bei einer vorgezogenen Übergabefeier am Dienstagnachmittag, dass die Erweiterung des Standorts Nürtingen „angesichts der wachsenden Patientenzahlen folgerichtig und notwendig war“. Zugleich versicherte er, das Land werde die Medius Kliniken bei anstehenden strukturellen Entscheidungen auch weiterhin unterstützen. Denn die drei Häuser seien „für die Versorgung der rund 540 000 Einwohnerinnen und Einwohner im Landkreis sehr wichtig“, so Lucha.