Wie steht es um die Ärzteversorgung in Leinfelden-Echterdingen? Ein Experte hat dazu Gespräche mit Medizinern aus 13 Praxen geführt. Die Ergebnisse sind überraschend.
In Sachen Ärztemangel passen Gefühl und Realität nicht ganz zusammen. Denn auch in Leinfelden-Echterdngen werden Klagen laut, dass sich die medizinische Versorgung deutlich verschlechtert habe. Patientinnen und Patienten müssten weitere Wege zurücklegen, weil Arztpraxen schließen, in andere Kommunen wechseln oder zusammengelegt werden. Martin Felger, Geschäftsführer der Firma Diomedes, hat nun ein anderes Bild und teils überraschende Ergebnisse präsentiert. Der Experte berät Kommunen. Die Stadt Leinfelden-Echterdingen hatte ihn beauftragt herauszufinden, wie hoch der Mangel an Hausärzten tatsächlich ist.
Felger und sein Team haben dazu Gespräche mit elf Hausärzten und Medizinern aus zwei Kinder-und Jugendpraxen geführt. Sie haben festgestellt, dass die Versorgungslage in Leinfelden-Echterdingen noch relativ gut ist, wenn auch in Echterdingen etwas schlechter, als in Leinfelden. Dazu passen diese Zahlen: Der Mittelbereich Stuttgart, zu dem Leinfelden-Echterdingen gehört, hat 759 542, also sehr viele Einwohner und mit 431 auch sehr viele Hausärzte. Der Versorgungsgrad liegt damit bei 97,1 Prozent. Freie Sitze gibt es 57,5.
MVZ-Genossenschaft nicht das Modell der Wahl
Unter den Hausärzten in Leinfelden-Echterdingen gebe es Praxen, die unternehmerisch orientiert seien, betont der Diomedes-Geschäftsführer. „Sie haben ein Interesse an neuen Entwicklungen, an einer Weiterentwicklung und auch daran andere Ärzte anzustellen.“ Das sei positiv zu bewerten, wenngleich teils auch Räume zur Expansion fehlten. Aus seiner Sicht sei für die Stadt Leinfelden-Echterdingen eine MVZ-Genossenschaft nicht das Modell der Wahl. Zur Erklärung: An diesem medizinischen Versorgungszentrum würde die Stadt sich beteiligen und so selbst zum Arbeitgeber werden.
In Leinfelden-Echterdingen gibt es zwei Typen von Hausarztpraxen
In Leinfelden-Echterdingen gibt es laut Felger zwei unterschiedliche Typen von Hausärzten. Zunächst jene Praxen, die einen oder mehrere Gesellschafter haben, wo auch angestellte Ärzte arbeiten und diese auch weitergebildet werden. Letzteres gehe aber nur bei entsprechenden räumlichen Voraussetzungen. Hier rät der Experte der Stadt mit diesen Ärzten ins Gespräch zu kommen über Flächen, die sie benötigen.
Dann gibt es die Einzelpraxen. Dort arbeiten meist ältere Kollegen – als Einzelkämpfer. „Sie bemühen sich schon länger einen Nachfolger zu finden und tun sich hierbei schwer.“ Diese Ärzte hätten es aber auch generell schwerer. Denn eine solche Praxis widerspreche dem Trend. Gerade junge Mediziner wollten sich nicht selbstständig machen, sondern sich vielmehr in einer Praxis anstellen zu lassen – und oft auch in Teilzeit arbeiten. Die Zahl der angestellten Ärzte habe sich seit dem Jahr 2010 vervierfacht. Generell gebe es eine Überalterung der Ärzteschaft. 38 Prozent der Hausärzte seien über 60 Jahre alt.
Praxen zusammenlegen?
Hier könnte man über eine Zusammenlegung der Praxen nachdenken, die Stadt könne helfen, ein Ärztehaus oder ein Gesundheitszentrum zu gründen. Wenn Felger auch zu bedenken gibt: „Die Ärzte müssen dazu die Bereitschaft mitbringen“, sagt er. Er zeigt Verständnis dafür, dass ein Arzt, der 30 Jahre lang sein eigener Chef war, nicht zwingend eine solche Veränderung herbeiwünsche.
Kinderärzte aus Leinfelden-Echterdingen auch im Umfeld beliebt
Neu zugezogene Eltern berichten laut der SPD-Fraktion, dass sie Schwierigkeiten haben, einen Kinder- und Jugendarzt für ihren Nachwuchs zu finden. Durch die beiden Kinder-, und Jugendarztpraxen, die Felger und sein Team befragt haben, sei die Versorgung junger Patientinnen und Patienten in Leinfelden-Echterdingen sicher gestellt, sagt derweil der Experte. Der Druck komme von außen, weil auch Menschen aus dem Umfeld dort nach Terminen fragen. Generell gebe es einen Engpass bei Fachärzten und bei qualifizierten medizinischen Fachangestellten. „Eine Arztpraxis ohne diese Berufsgruppe funktioniert nicht“, sagt Felger.
Es soll einen runden Tisch mit der Ärzteschaft geben. Laut Felger steht die Ärzteschaft dem positiv gegenüber. Über mögliche Optionen, wo und wie ein Ärztehaus oder ein Gesundheitszentrums entstehen kann, kann dort geredet werden. Wenn mehrere Praxen sich schwer tun, Mitarbeiter zu gewinnen, „wären gemeinsame Aktionen“ zu überlegen, sagt er. So könnte man beispielsweise Schülerinnen und Schüler informieren, was es bedeutet als medizinische Fachangestellte zu arbeiten.
Die Kommune hat vor einiger Zeit beschlossen, 100 000 Euro auszubezahlen, wenn sich ein Mediziner in der Stadt für mindestens zehn Jahre niederlässt. Diese Förderung soll nun auch anteilig ausbezahlt werden können, wenn eine Praxis weitere Ärzte hinzunimmt. Die städtische Förderung wird entsprechend überarbeitet, dafür gaben die Fraktionen im Sozialausschuss hinter verschlossenen Türen grünes Licht. Die FDP regte an, darüber nachzudenken, das Grundstück an der Echterdiger Hauptstraße, auf dem früher die Bäckerei Wolkenstein zu finden war, für den Bau eines Ärztezentrums zu nutzen. Dazu würde kürzlich schon eine städtebauliche Idee samt Modell präsentiert.