Der Münchner Kinderchirurg Oliver Muensterer operierte die Diagonalangreiferin von Allianz MTV Stuttgart im Mai acht Stunden lang. Schon als Jugendliche hat er die beste Volleyballerin der Bundesliga behandelt, von ihrer Lebensleistung ist er zutiefst beeindruckt.
Das Büro von Professor Oliver Muensterer, dem Direktor der Kinderchirurgischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität München, liegt im zweiten Stock, es ist recht geräumig. In einer Ecke steht seit ein paar Wochen ein Karton mit Büchern. In der Autobiografie von Volleyballerin Krystal Rivers, der Diagonalangreiferin des Triple-Siegers Allianz MTV Stuttgart, spielt der Mediziner eine wichtige Rolle. Denn Oliver Muensterer hat die US-Amerikanerin, die von ihm schon vor 16 Jahren erstmals behandelt worden ist, im Mai 2024 acht Stunden lang operiert – und damit ihre Karriere gerettet.
Herr Muensterer, können Sie sich noch an den Tag erinnern, an dem Sie Krystal Rivers kennengelernt haben?
Nicht konkret. Ich habe insgesamt zwölf Jahre in den USA gearbeitet, unter anderem als junger Oberarzt in Alabama. Die Vorgänger von mir haben mir ihre Patienten vererbt, eine davon war Krystal Rivers. Ich habe damals 1000 Patienten im Jahr operiert, deshalb weiß ich nicht mehr genau, wann ich sie erstmals getroffen habe. Doch ihre Geschichte ist so irre und ihre Willenskraft so enorm groß, dass ich sie danach nie wieder vergessen habe. So etwas erlebt man als Arzt nur einmal.
Bitte erzählen Sie.
Krystal Rivers leidet unter der XXXL-Form einer sehr seltenen und sehr komplizierten, angeboren Fehlbildung, zu der ein offener Bauch, Probleme mit dem unteren Bereich der Wirbelsäule und den Nerven, ein nicht normal angelegtes Becken und Harn- sowie Darmausgänge gehören, die nicht funktionieren wie bei gesunden Menschen. Sie war als Kind sterbenskrank, hat sich trotzdem nie unterkriegen lassen. Das ist absolut bemerkenswert.
Wann haben Sie Krystal Rivers erstmals behandelt?
2008 kam sie als 14-Jährige auf meine Station, sie hatte einen massiven urologischen Notfall mit ihrer künstlich angelegten Blase. Wir mussten sie operieren, was ziemlich schwierig war – ich bin damals einer der Spezialisten im OP-Team gewesen. Wir haben aus einem Stück ihres Dünndarms einen Urinablass geschaffen, der immer noch existiert. Von da an war sie drei Jahre lang in Birmingham meine Patientin, in einem der sicherlich besten Kinderkrankenhäuser der Welt, das über sehr viele Ressourcen verfügt. Dies ist ein wichtiger Teil der Geschichte.
Warum?
Weil jeder Kinderchirurg in seinem Team eine Pflegekraft hatte. Meine hieß Tracey England. Sie war super, konnte alles, kannte jeden Patienten – wir sind gute Freunde geblieben. Im vergangenen Jahr hat sie mir geschrieben, dass Krystal Rivers in Deutschland sei und meine Hilfe benötigen würde.
Wussten Sie, dass aus ihr eine erfolgreiche Profi-Volleyballerin geworden war?
Nein. Wenn mir damals in Birmingham jemand gesagt hätte, dass sie vorhat, Sportlerin zu werden, hätte ich das nicht für möglich gehalten. Die meisten Leute mit einer solchen Fehlbildung haben Schwierigkeiten, überhaupt zu gehen oder ihren Körper anderweitig zu belasten, weil das durch das weit aufgeklappte Becken biomechanisch sehr schwierig ist. Profi-Sport? Niemals! So etwas kann es eigentlich gar nicht geben.
Folglich war für Sie neu, dass Krystal Rivers die beste Bundesliga-Angreiferin ist und bei Allianz MTV Stuttgart spielt?
Davon hatte ich keine Ahnung – bis zur Nachricht von Tracey England, in der stand, dass Krystal Rivers große Probleme mit ständigen Infekten hätte. Ich antwortete, dass ich eigentlich Kinderchirurg bin, für den alle Menschen über 18 Jahre ziemlich alt sind, aber dass sie natürlich trotzdem zu mir nach München kommen dürfe.
Wie ging es weiter?
Sie war bei mir in der Sprechstunde, ich habe sie untersucht, mir ihre Befunde angeschaut und eine Magnetresonanztomografie gemacht. Dabei habe ich eine zusätzliche Zyste gefunden, von der vorher nichts bekannt war. Diese war ursächlich für viele Probleme, was ihren ohnehin schon ultrakomplexen Fall noch komplizierter gemacht hat. Allerdings gab es auch eine gute Nachricht.
Welche?
Wir haben hier am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität in München eine sehr gute Zusammenarbeit von Urologie und Chirurgie, sowohl bei Kindern wie auch bei Erwachsenen. Wir haben Krystal Rivers gemeinsam angeschaut und unsere Expertisen gebündelt. Letztlich haben wir in einer achtstündigen Operation die Verbindung der Zyste zum Darm gekappt und sie entfernt – so große und schwierige Eingriffe kommen bei uns im Schnitt einmal im Jahr vor.
Wie hoch ist die Erfolgsquote?
Die Komplikationsrate bei solchen Operationen ist sehr hoch, deshalb bin ich enorm froh, dass alles gut ausgegangen ist. Dazu beigetragen hat sicher, dass Krystal Rivers eine unglaubliche Kämpferin ist, die sich zudem in sehr guter körperlicher Verfassung befindet. Auf unserer Station hatten alle großen Respekt vor ihrer Leistungsfähigkeit.
Hat sie mit Ihnen darüber gesprochen, dass sie eigentlich aufgrund der ständigen Infektionen und Schmerzen ihre Karriere beenden wollte?
Ja. Ich kenne mich im Volleyball überhaupt nicht aus, ich denke mir aber, dass man mit 30 Jahren nicht mehr zu den Jüngeren gehört. Dennoch spricht aus medizinischer Sicht nichts dagegen, das Niveau, das sie trotz aller gegenteiliger Prognosen erreicht hat, noch ein paar Jahre zu halten. Warum auch nicht? Wenn es eine schafft, dann sie.
Wie blicken Sie auf ihre Lebensleistung?
In Alabama herrscht große Armut, die wirtschaftliche Situation ist für viele Menschen sehr schwierig. Auch Krystal Rivers entstammt nicht der Oberschicht. Was sie trotz aller Probleme erreicht hat, und sie hat, was ihre Gesundheit angeht, wirklich voll ins Fettnäpfchen gegriffen, das gibt es nur einmal. Sie ist eine unglaubliche Persönlichkeit. Ihr Leben flößt einem Ehrfurcht ein, an mehreren Stellen ihres Buches, aus dem ich erst erfahren habe, dass sie auch noch Krebs hatte, sind mir die Tränen gekommen.
Warum?
Weil die Lektüre einem eines klarmacht: Wenn Krystal Rivers es mit ihrer Krankengeschichte geschafft hat, die beste Volleyballerin in der Bundesliga zu werden, dann gibt es für niemanden von uns mehr eine Ausrede. Alles war gegen sie, doch sie kommt trotzdem bestens zurecht mit ihrem sonnigen Gemüt und ihrem Lächeln. Diese Frau würde niemals jemand anderen für etwas verantwortlich machen, das sie nicht geschafft hat. Sie macht einfach immer das Beste draus – ohne Bitternis, ohne sich zu beschweren, ohne zu denken, irgendwo zu kurz gekommen zu sein. Das ist absolut bewundernswert.
Kennen Sie ähnliche Krankenakten?
Natürlich ist jeder Mensch individuell, und eine Geschichte wie die von Krystal Rivers wird es nie wieder geben. Ihr Umgang mit ihrem Leben ist beispielhaft, sie ist ein ganz besonderer Mensch. Aber in meinem Beruf lerne ich auch ganz, ganz viele andere Patienten und deren Eltern kennen, die mit ihrem Schicksal auf unglaublich beeindruckende Art und Weise umgehen. Da kann man als Arzt sehr viel draus lernen.
Sie haben Krystal Rivers noch nie spielen sehen. Gibt es schon eine Einladung?
Bisher nicht. Ich war noch nie bei einem Volleyballspiel – aber bevor sie aufhört, werde ich einmal in der Halle sein. Das ist sicher.
Die Krankengeschichte von Krystal Rivers
Kindheit
Krystals Rivers kam am 23. Mai 1994 mit dem Tethered-Spinal-Cord-Syndrom und schweren Fehlbildungen zur Welt. Ihre Wirbelsäule war steif und verkürzt, die Bauchdecke offen, die Blase viel zu klein, viele Knochen waren deformiert. Organe wie Nieren und Magen lagen außerhalb des Körpers und funktionierten nicht richtig. Es folgten mehrere schwierige Operationen, mit einem Jahr mussten ihr beide Hüftgelenke gebrochen werden. Im Teeniealter hatte Rivers, die in Birmingham/Alabama aufwuchs, bereits 20 Operationen hinter sich und von den Ärzten die Prognose erhalten, dass sie niemals würde laufen können.
Krebs
Im Januar 2014, in ihrem zweiten Jahr am College in Alabama, diagnostizierten die Mediziner bei Krystal Rivers das Hodgkin-Lymphon im fortgeschrittenen Stadium. Vom Krebs befallen waren Lymphknoten in Hals, Brust und Hüfte. Es folgte eine sechsmonatige Chemotherapie. In dieser Zeit verpasste sie nur drei Trainingseinheiten ihres Volleyballteams.
Panikattacken
Nachdem der Krebs besiegt war, litt Krystal Rivers unter heftigen Panikattacken, benötigte Medikamente und psychologische Hilfe.
Infektionen
2018 wechselte die Diagonalangreiferin zu Allianz MTV Stuttgart, wurde seither immer wieder durch Nierenbeckenentzündungen, die zu hohem Fieber führten, gestoppt. Dazu kam noch noch eine Fistel – ein tiefgehendes Geschwür – im Bauchbereich. Im Mai 2024 wurde die US-Amerikanerin am Dr.-von-Haunerschen-Kinderhospital des LMU-Klinikums München acht Stunden lang operiert. Dabei stellte sich heraus, dass sich neben der Fistel noch eine große Zyste gebildet hatte. Beide wurden entfernt.
Arzt
Prof. Dr. Oliver Muensterer (55) ist seit vier Jahren Direktor der Kinderchirurgischen Klinik und Poliklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München. Studiert hat Muensterer in München und Alicante/Spanien, die fachärztliche Ausbildung machte er in Washington D.C., Durham/North Carolina, Birmingham/Alabama und München. Tätig war der Kinderchirurg anschließend unter anderem in New York und Mainz. Der in Kanada geborene Mediziner, der in Deutschland aufwuchs, spricht vier Sprachen, ist verheiratet und lebt mit seiner Frau in München. Das Paar hat drei Kinder. Seine sportliche Leidenschaft ist das Windsurfen.