Bundesweit werden jährlich mehr als 200 000 Hüftprothesen implantiert. Foto: mauritius

Wer sich für ein künstliches Gelenk entscheidet, hofft auf Beschwerdefreiheit. Das ist nicht immer der Fall.

Stuttgart - Dieser ständige Schmerz – beim Aufstehen, beim Gehen und auch nachts im Bett oder beim Fernsehen auf dem Sofa. Der Arzt hatte zur Operation geraten. Ein künstliches Hüftgelenk bei Arthrose ist schließlich heutzutage keine große Sache mehr: Bundesweit werden jährlich mehr als 200 000 Hüftprothesen implantiert. Damit ist die Hüftendoprothetik mit der häufigste chirurgische Eingriff – und zusammen mit der Knieendoprothetik auch einer mit den größten Chancen auf Erfolg. Laut Experten können 90 bis 95 Prozent der Patienten mit einem künstlichen Gelenk wieder das tun, was ihnen zuvor aufgrund der Arthrose verwehrt blieb: Treppensteigen, in der Stadt einkaufen gehen und sogar Sport treiben.

Und doch: Bei einigen Patienten verläuft die Heilung nicht so wie erhofft. Die Schmerzen sind geblieben, wenn auch an anderer Stelle. Statt dem Stauchgefühl in den Beinen taucht beispielsweise nach der Operation ein Ziehen an Gesäß und Oberschenkeln auf. Hat der Arzt vielleicht dann doch zu viel versprochen?

Behandlungsfehler sind eher selten der Grund für anhaltende Beschwerden

Wer mit dieser Frage an Patrik Reize, Ärztlicher Direktor der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie des Krankenhauses Bad Cannstatt am Klinikum Stuttgart, herantritt, dem rät er als erstes zu Geduld: Es wird teils unterschätzt, dass es nach einem solchen Eingriff Zeit und eine gute Rehabilitation braucht, bis die Belastbarkeit wieder hergestellt wird, sagt Reize. Aber wie nach jeder anderen Operation ist auch der Heilungsprozess beim Hüft- oder Kniegelenkersatz nicht immer wie im Lehrbuch.

Der Stuttgarter Experte Reize weiß, dass er ein heikles Thema anspricht: Denn ist nach einer Operation nichts so, wie es dem Patienten zuvor vorhergesagt wurde, sucht dieser schnell die Schuld beim Arzt. So zeigt die Statistik des Medizinischen Dienstes (MDS) des Kassen-Spitzenverbandes, dass von den insgesamt 14 828 Beschwerden auf Behandlungsfehler, die 2015 geprüft wurden, jede dritte die Orthopädie und Unfallchirurgie betroffen hat. Bestätigt wurden die Vorwürfe in diesem Bereich letztlich bei 1328 Fällen. In seiner Spezialsprechstunde am Endoprothesenzentrum des Klinikums hat es Patrik Reize allerdings „sehr selten mit Patienten zu tun, deren Beschwerden auf Behandlungsfehler zurückzuführen sind“, wie er sagt. Dennoch sei es wichtig, „dass – sobald Patienten mit Beschwerden nach einer Endoprothesen-OP kommen – die Ärzte diesen auf den Grund gehen.“

Krankengymastik und Massagen helfen

Denn statt eines Behandlungsfehlers kann auch der eigene Körper der Heilung im Weg stehen: „Bei einer Gelenkoperation wird nicht nur der Knochen in Mitleidenschaft gezogen, sondern auch das umliegende Gewebe, die Nerven und auch die Muskulatur“, sagt Reize. Fügt sich bei der Heilung nicht alles zusammen, wie es soll, kann es beim Gehen oder Aufstehen schmerzen – „als ob man einen furchtbaren Muskelkater hätte.“ Für den Experten sind dies gut zu lösende Probleme: Intensive Krankengymnastik und Massagen machen das Gewebe um die Prothese wieder geschmeidig und die Probleme verschwinden.

Betreffen die Muskelschmerzen das Kniegelenk und kommt dazu eine gewisse Steifheit, bittet der Experte Reize seine Patienten nicht selten auf die Liege. Während diese für ein paar Minuten unter Vollnarkose gesetzt werden, dreht Reize mit geübten Handgriffen das Gelenk so, dass sich das steife Narbengewebe wieder löst – und das Knie wieder beweglich wird. Komplizierter wird es, wenn sich der Gang des Patienten verändert, weil sich aufgrund der OP beispielsweise der komplette Bewegungsapparat verschoben hat. So kann sich beim Einsetzen des künstlichen Hüftgelenks das Becken verschieben, unterschiedliche Beinlängen sind die Folge. Dann rät Reize, es erst einmal mit konservativen Methoden probieren – etwa mit Schuheinlagen.

Abrieb führt zu Entzündungen

Doch es gibt durchaus Fälle, da kennt auch Patrik Reize keine Alternative zu einer Operation. Etwa wenn sich das Gelenk gelockert hat oder nicht gut sitzt. „Patienten mit einer Hüftprothese merken dies, wenn es am Gesäß zu einem Ziehen kommt, das bis an die Leiste und in den Oberschenkel ausstrahlt“, sagt Reize. Dagegen klagen Patienten mit einer lockeren Knieprothese häufig über Schmerzen im vorderen Kniebereich. Ein weiterer Operationsgrund, der vor allem Patienten betrifft, die sich vor 20, 30 Jahren ein künstliches Gelenk einsetzen haben lassen: „Bei älteren Prothesen bildet sich beim ständigen Strecken, Beugen und Drehen des Gelenks ein Abrieb, der sich im ganzen Gelenk ausbreitet und zu Entzündungen oder Infektionen führt.“

Bakterien, Pilze oder andere krankheitserregende Mikroorganismen gehören so oder so zu den Gefahren, die selbst ein erfahrener Operateur wie Patrik Reize am meisten fürchtet: „Jegliche Keime im Körper sammeln sich an den Implantaten an und können auch viele Jahre nach der Operation für Infektionen sorgen.“ Ob es aufgrund der auftretenden Beschwerden zum Prothesenwechsel kommen muss – oder ob sich die Funktionstüchtigkeit des Knies auch durch Nachbesserungen wie den Austausch von Gelenkköpfen herstellen lässt, muss der Arzt im Einzelfall entscheiden. „Obgleich der Glaube bei vielen vorherrscht, dass nach 10 bis 15 Jahren ohnehin die Prothese gewechselt werden muss, ist es nach heutigem Standard so, dass bei den Patienten, die älter als 60 Jahre sind, nur in fünf bis zehn Prozent der Fälle eine zweite Operation erforderlich ist“, sagt Reize.

Wichtig sei, dass Patienten nicht glauben: Wer ein künstliches Gelenk hat, müsse auch mit den Beschwerden klarkommen. „Es gilt, das Problem zur Sprache bringen“, sagt Reize. Er ist sich bewusst, dass dies die Betroffenen oft Überwindung kostet. „Aber auch wir Mediziner müssen uns klar werden, dass nach einer augenscheinlich glatt verlaufenen Operation Beschwerden auftauchen können.“

Was tun, wenn es in den Gelenken zwickt?

Ernährung Bestimmte Inhaltsstoffe von Lebensmitteln können die Beschwerden beeinflussen. Zu viel fettes Schweinefleisch, Leberwurst, Thunfisch oder Eigelb sind ungünstig bei Arthrose. Diese Lebensmittel liefern große Mengen an Arachidon-Säure, einer Omega-6-Fettsäure. Daraus entstehen Entzündungsfaktoren. Ingwer hingegen kann bei Arthrose Entzündungen hemmen.

Bewegung Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Menschen mit Knie- oder Hüftarthrose weniger Schmerzen haben und sich besser bewegen können, wenn sie sportlich aktiv waren. Ärzte empfehlen Arthose-Patienten regelmäßig kleine Übungen zuhause durchzuführen – etwa den „Ball in der Klemme“ (siehe Bild links): Dazu legt man sich auf den Rücken und winkelt die Beine an. Nun den Gymnastikball zwischen die Oberschenkel etwas oberhalb der Knie­gelenke einklemmen. Anschließend 10 bis 15 Sekunden den Ball zusammendrücken und ­dabei die Fußspitzen anziehen. Dabei auf eine ruhige Atmung achten. Eine weitere Variante der Übung ist es, während der Anspannungsphase zusätzlich den Po beziehungsweise das Becken anzuheben.

Hyaluron DieHyaluronsäure ist ein Bestandteil der Gelenkschmiere. Eine Injektion soll das Gelenk in Gang bringen und gegen die Schmerzen helfen. Einen klinischen Nutzen hat das Verfahren vielen Studien zufolge nicht. Die Bertelsmann Stiftung aus Gütersloh und das Harding Zentrum für Risikokompetenz am MaxPlanck-Institut in Berlin kommen zwar zu dem Schluss, dass die Behandlung mit Hyaluron-Spritzen die Schmerzen lindern und die Beweglichkeit des Gelenks steigern kann. Doch auf längere Sicht sind sie häufig wirkungslos.

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