Zu hohe Zuckerwerte in der Schwangerschaft schaden Mutter und Kind. Foto: LanaK/Fotolia

Erhöhte Blutzuckerwerte bei werdenden Müttern erhöhen das Risiko von Fehlgeburten und Komplikationen bei der Geburt. Umso wichtiger ist eine frühe Erkennung.

Stuttgart - Viele Frauen erkranken an Schwangerschaftsdiabetes – und wissen es gar nicht. Jeder vierte Fall bleibt unerkannt. Wird die Krankheit nicht behandelt, birgt sie erhöhte gesundheitliche Risiken für Mutter und Kind. Die meisten Frauen können nach Übelkeit und Müdigkeit im ersten Drittel die weiteren sechs Monate der Schwangerschaft weitgehend beschwerdefrei genießen. Doch bis zu 13,5 Prozent leiden an Schwangerschaftsdiabetes, auch Gestationsdiabetes (GDM) genannt. Die Hormone führen mit Fortschreiten der Schwangerschaft zur Steigerung der Insulinresistenz bei der Schwangeren. Ihre Körperzellen reagieren nicht mehr so gut auf das blutzuckersenkende Hormon Insulin.

Bei manchen Frauen kommt die Bauchspeicheldrüse aus genetischen Gründen oder wegen Übergewichts mit der Insulinproduktion nicht mehr nach – der Blutzuckerwert steigt. Die Folgen eines unbehandelten GDM können für Mutter und Kind gravierend sein. So steigt das Risiko einer Frühgeburt. Denn die Austauschmembranen zwischen kindlichem und mütterlichem Blutkreislauf in der Plazenta verzuckern, und das Ungeborene wird nicht mehr ausreichend ernährt. Man spricht dann von einer Plazenta-Insuffizienz.

„Der Schwangerschaftsdiabetes wirkt sich auch auf das Bindegewebe am Gebärmutterhals aus. Dieser kann sich verkürzen beziehungsweise der Muttermund vorzeitig öffnen, so dass es zu einer Frühgeburt kommen kann“, so der Gynäkologe Harald Abele, Leiter des Mutter-Kind-Zentrums der Universitätsklinik Tübingen. „Hiervon betroffen sind etwa acht Prozent der Frauen mit einem Schwangerschaftsdiabetes.“ Die Schwangere hat zudem ein erhöhtes Risiko für Harnwegsinfekte oder Bluthochdruck.

Höheres Risiko für Typ-2-Diabetes

In der Regel verschwindet der Schwangerschaftsdiabetes nach der Geburt wieder. Jede zweite betroffene Frau entwickelt aber in den folgenden etwa acht Jahren einen Typ-2-Diabetes. Auch kann in einer folgenden Schwangerschaft der Schwangerschaftsdiabetes erneut auftreten.

Als Reaktion auf hohe mütterliche Blutzuckerwerte produziert die Bauchspeicheldrüse des Kindes Insulin im Überschuss. Das Wachstumshormon macht es groß und schwer. „Kaiserschnitte sind deshalb überdurchschnittlich oft notwendig, um Geburtskomplikationen zu vermeiden“, warnt der Gynäkologe Frank Reister, Leiter der Sektion Geburtshilfe am Universitätsklinikum Ulm. Direkt nach der Geburt tritt häufig eine Unterzuckerung auf. Die Kleinen sind dann apathisch und trinkfaul oder zittrig und unruhig. Zudem entwickeln etwa 20 Prozent der Kinder, deren Mütter einen Schwangerschaftsdiabetes hatten, bis zum 20. Lebensjahr einen gestörten Glukosestoffwechsel. Sie haben damit ein erhöhtes Risiko für einen Typ-2-Diabetes.

Auch schlanke Frauen können einen Schwangerschaftsdiabetes bekommen. Überdurchschnittlich betroffen sind jedoch Übergewichtige. Eine Diät in der Schwangerschaft wird aber nicht empfohlen. Eine aktuelle US-Studie ergab: Übergewichtige oder fettleibige Schwangere, die mit Beginn des zweiten Schwangerschaftsdrittels ihre Ernährung auf gesund und vielseitig umstellten und sich viel mehr bewegten, blieben bei der Gewichtszunahme zwar im empfohlenen Bereich. Aber ihr Risiko für Schwangerschaftsdiabetes, Bluthochdruck und andere Folgeprobleme sowie Komplikationen bei der Geburt und Risiken für das Kind ging nicht zurück.

Schon vor der Schwangerschaft den Lebensstil ändern

Daraus folgt, dass übergewichtige Frauen bereits vor der Schwangerschaft deutliche Lebensstiländerungen vornehmen und ihr Gewicht normalisieren sollten. Das biete die Möglichkeit, Geburtsrisiken zu verringern und die Gesundheit ihrer Kinder zu verbessern, so der Gynäkologe Alan Peaceman von der Northwestern University Feinberg School of Medicine. Das sehen auch die beiden deutschen Gynäkologen so. Sport ist sowohl vor als auch in der Schwangerschaft gut. Bewegungen der Mutter trainieren das Gleichgewichtsorgan des Ungeborenen gleich mit.

Und wie sieht eine gesunde Ernährung für Schwangere aus? Viele Vollkornprodukte, möglichst keine Weißmehlprodukte, Fisch, viel Obst und Gemüse sowie Ballaststoffe. Fruchtsäfte führen dagegen zu ungesunden Blutzuckerspitzen. „Frauen, die sich vegan ernähren, muss bewusst sein, dass die Studienergebnisse für eine solche Ernährung in der Schwangerschaft dünn sind und vor allem Proteine in der Nahrung fehlen“, so Abele.

Möglichst frühe Diagnose

Für die Schwangere und ihr ungeborenes Kind ist es wichtig, einen Schwangerschaftsdiabetes möglichst früh festzustellen. Eine Behandlung kann Komplikationen vermeiden. Sollte eine Ernährungsumstellung den Zuckerspiegel nicht ausreichend normalisieren, benötigt die Schwangere zusätzlich eine Insulinbehandlung. Jede Schwangere wird als Kassenleistung einmal zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche mit einem Blutzucker-Suchtest mit 50 Gramm Glukose (Glukose-Challenge-Test, kurz GCT) getestet.

„Es gibt Frauen, bei denen die gemessenen Blutzuckerwerte zu diesem Zeitpunkt nicht auffällig sind, die aber zu einem späteren Zeitpunkt der Schwangerschaft doch einen Schwangerschaftsdiabetes bekommen“, stellt Abele fest. Sein Ulmer Kollege Reister bemängelt deshalb, dass der 50-g-Suchtest rund ein Viertel der Frauen mit Schwangerschaftsdiabetes übersieht, weil er nicht unbedingt im nüchternen Zustand erfolgt. Ein oraler Glukosetest (oGGT) mit 75 Gramm im nüchternen Zustand könne die Genauigkeit steigern. Den müssen die Kassen aber nicht bezahlen. „Ganz wichtig wäre es, bereits bei Schwangerschaftsbeginn die Nüchternblutzuckerwerte zu kontrollieren“, sagt der Gynäkologe. Sonst bestehe das Risiko, dass zu viele Betroffene übersehen werden.

Zuckerkrank und schwanger – was tun?

Messung Für eine bis zwei Wochen sollte man täglich vier Blutzuckermessungen durchführen (morgens nüchtern und jeweils eine oder zwei Stunden nach Beginn der drei Hauptmahlzeiten). Der Nüchternblutzucker sollte unter 95 mg/dl liegen. Eine Stunde nach Beginn der Mahlzeit dürfen 140 mg/dl nicht überschritten werden. Liegen in den ersten beiden Wochen alle Werte im Zielbereich, kann die Zahl der Messungen auf einmal täglich sinken (abwechselnd nüchtern und nach den Hauptmahlzeiten).

Nach der Geburt Nach einem überstandenen Schwangerschaftsdiabetes sollte man sich weiterhin gesund ernähren, viel bewegen und sein Gewicht im Auge behalten. Damit kann das Risiko für einen Typ-2-Diabetes deutlich gesenkt werden. Wer nach der Geburt normale Blutzuckerwerte hat, sollte sechs bis zwölf Wochen nach der Geburt einen 75-g-Glukosetoleranztest machen. Zudem wird empfohlen, jährlich an einer Diabeteskontrolluntersuchung (Nüchtern-Blutzucker-Wert, Langzeitblutzucker HbA1c) teilzunehmen und weitere 75-g-Glukosetoleranztests alle zwei Jahre durchzuführen. Info im Netz: www.diabetesinformationsdienst-muenchen.de.

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