Pillen gegen Sodbrennen? Häufig werden Säureblocker auch bei Beschwerden eingesetzt, für die sie gar nicht geeignet sind. Foto:  

Eine weit verbreitete Wirkstoffklasse ist längst nicht so harmlos wie gedacht. Vor allem die Einnahme über längere Zeiträume gilt als kritisch. Deshalb sollten diese Mittel nur gezielt und nach Rücksprache mit einem Facharzt eingenommen werden.

Siegen - Medikamente, die die Magensäureproduktion reduzieren, erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Experten sehen das kritisch, denn Wirkstoffe wie die sogenannten Protonenpumpeninhibitoren (PPI) werden vielfach auch bei Beschwerden eingesetzt, für die sie nicht geeignet oder notwendig sind, beispielsweise wenn Stress auf den Magen schlägt. Dieser Reizmagen ist einer der häufigsten Gründe, PPI zu verschreiben. „Sie bringen in Studien keine relevanten Vorteile gegenüber einem Placebo“, sagt der Gastroenterologe Joachim Labenz, Chefarzt der Inneren Medizin am Diakonie Klinikum Siegen.

„Dank einer sehr liberalen Verschreibungspraxis hat sich die Einnahmehäufigkeit in den letzten zehn Jahren mehr als verdreifacht“, warnt Labenz. Da die Medikamente auch frei verkäuflich und in Apotheken erhältlich sind, werden sie mitunter sehr unkritisch bei unspezifischen und teils ernährungsbedingten Magenbeschwerden wie Aufstoßen, Völlegefühl oder Übelkeit eingenommen. „PPI sind aber keine für die Selbstmedikation geeigneten Medikamente“, warnt der Gastroenterologe Martin Wagner vom Universitätsklinikum Ulm.

In der Tat gibt es Zweifel an der Harmlosigkeit von PPI. Studien liefern Hinweise auf mögliche Folgeprobleme durch eine Langzeiteinnahme über Monate oder gar Jahre. Dabei wurden unterschiedliche Beschwerden in Verbindung mit der PPI-Einnahme gebracht. Allerdings hätten die Studien keine eindeutigen Ursache-Wirkung-Zusammenhänge ergeben, kritisiert Labenz. Das sieht auch Wagner so. So wurde etwa postuliert, in der Schwangerschaft eingenommene Säureblocker könnten Asthma bei Kindern fördern.

Bei manchen Studien sind Zweifel angebracht

Zuvor hatte es bereits Hinweise auf einen Zusammenhang mit Lungenentzündungen, Nierenschäden und Osteoporose oder Knochenbrüchen gegeben. Doch auch hier sind laut Wagner Zweifel angebracht. Mitunter gebe es ganz einfache Erklärungen für das Auftreten bestimmter Symptome bei Patienten, die regelmäßig PPI nehmen. „Je älter und je kränker die Patienten, desto häufiger nehmen sie auch PPI ein. Zugleich haben ältere Menschen generell ein erhöhtes Osteoporose- und Frakturrisiko“, sagt der Mediziner.

Denkbar ist aber auch, dass der Magensäuremangel zu einer verminderten Aufnahme von Kalzium und Vitamin D führt. Ein Mangel an diesen beiden wichtigen Mikronährstoffen kann Osteoporose fördern. Um Klarheit zu schaffen, sind nach Ansicht der Experten weitere Studien erforderlich. Nach aktuellem Wissensstand ist die Einnahme von PPI laut Wagner bei bestimmten Indikationen sicher und gut etabliert. Trotzdem sollte man die Säureblocker nur schlucken, wenn die Beschwerden das wirklich nötig machen. Gegen gelegentliches Sodbrennen hilft es auch schon, weniger zu essen und alles zu vermeiden, was die Magensäureproduktion steigert.

Sicher ist, dass eine gedrosselte Magensäureproduktion die Abwehrkraft des Magensafts gegenüber Krankheitserregern verringert. Das Risiko für schwere Magen-Darm-Infektionen mit Keimen wie Clostridien, Campylobacter, Salmonellen, Listerien, Shigellen und Escherichia coli ist neuesten Studien zufolge erhöht. Dabei sollte aber nicht vergessen werden, dass das Risiko für eine Clostridieninfektion auch durch Antibiotikaeinnahme ansteige, so Wagner.

Auch die Darmflora verändert sich

Die Einnahme von Säureblockern verändert zudem das sogenannte Mikrobiom, also die Gesamtheit der Mikroorganismen im Darm. Das kann zu Fehlbesiedelungen im Dünndarm, Blähungen, Durchfall und Verstopfung führen. Eine langjährige PPI-Einnahme kann in Einzelfällen zudem einen B12-Mangel verursachen. Jeder Mensch hat ein B12-Depot, das ihn für etwa fünf Jahre gut mit dem wichtigen Vitamin versorgen kann.

Für Labenz und Wagner steht fest, dass der Einsatz von PPI eine eindeutige, gesicherte Diagnose erfordert. „Unterm Strich sind Nutzen und Risiken einer PPI-Einnahme seriös abzuwägen“, sagt Labenz. Allerdings relativiert er auch: PPI seien sicher weniger gefährlich als das Schmerzmittel Ibuprofen. Doch in welchen Fällen sind Magensäureblocker überhaupt nötig?

Wer nicht steroidale Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Diclofenac höher dosiert oder über längere Zeit einnehmen muss, hat ein um 15 bis 20 Prozent erhöhtes Risiko für Magengeschwüre und ein um etwa vier Prozent erhöhtes Risiko für lebensbedrohliche Blutungen. Deshalb verschreiben Ärzte mitunter als Magenschutzmittel gleich einen Säureblocker mit. „Im Zusammenhang mit der Einnahme nicht steroidaler Schmerzmittel sollten vor allem Patienten mit Risikofaktoren PPI verwenden“, sagt Labenz. Das seien zum Beispiel ältere Menschen oder blutungsgefährdete Patienten, die zeitgleich blutverdünnende Medikamente wie Marcumar erhalten.

Entzündungen heilen besser ab

Die Einnahme von PPI ist auch ratsam bei Geschwüren im Magen- und Dünndarmbereich, begleitend zur Therapie gegen den Magenkeim Helicobacter pylori sowie bei schweren Formen der Refluxösophagitis. Das ist die medizinische Bezeichnung für Entzündungen vor allem im unteren Drittel der Speiseröhre. Funktioniert der Muskelverschluss am Übergang zwischen Magen und Speiseröhre nicht mehr richtig, läuft Mageninhalt in die Speiseröhre zurück und verursacht Entzündungen, die ihrerseits zu Schmerzen hinterm Brustbein führen. Die Einnahme von PPI über vier bis maximal acht Wochen, je nach Schweregrad der Entzündung, dient ihrem Abheilen. „Das verhindert Blutungen und eine etwaige Narbenbildung und Verengung der Speiseröhre“, sagt Labenz.

Es gibt laut Wagner auch einige wenige Indikationen, bei denen eine Dauertherapie mit PPI notwendig ist. Wagner und Labenz raten bei anderen Indikationen jedoch dazu, die niedrigst mögliche Dosis einen möglichst kurzen Zeitraum – maximal vier bis acht Wochen am Stück – einzunehmen. „Treten Beschwerden wie Rückfluss und saures Aufstoßen auf, ohne dass Entzündungszeichen vorliegen, reichen Alginate“, sagt Labenz.

Diese Präparate aus Meeresalgen legen sich auf den Magensäurefilm am Mageneingang und verhindern so den Reflux. Am Ende der Behandlung heißt es aufpassen: „PPI sollte man nach längerer Einnahme nicht abrupt absetzen, sondern langsam herunterfahren“, rät Labenz. Ansonsten kommt es zu einem sogenannten Säurerebound. Der Körper bildet dann vermehrt Magensäure – und der Teufelskreis beginnt von Neuem.

Der saure Magen – und was man dagegen tun kann

Säureproduktion Die Magensäureproduktion kann beispielsweise durch Stress, exzessiven Kaffee- und Nikotinkonsum, Gerbstoffe im Bier oder durch sonstige Alkoholika ansteigen. Auch Sekt, Vitamin-C-haltige Fruchtsäfte und in seltenen Fällen scharf gewürzte Speisen können diesen Effekt haben. Stark gezuckerte Produkte können ebenfalls als Säuretreiber wirken.

Rückfluss Es kommt vor, dass sich der Magen nicht richtig entleeren kann. Dadurch steigt der Druck im Magen an. Denselben Folgeeffekt haben opulente Mahlzeiten oder ein Ungeborenes in den letzten Schwangerschaftswochen. Übergewicht verursacht insbesondere beim Sitzen einen Druck im Bauchraum.

Alginate
Neben PPI gibt es weitere rezeptfreie Präparate, die bei Magenbeschwerden eingesetzt werden. Dazu gehören sogenannte Alginate. Das sind die Salze der Alginsäure, dem strukturgebenden Element in den Zellwänden von Algen. Alginate bilden eine Barriere zwischen saurem Mageninhalt und Speiseröhre. Die Barriere entsteht, indem das Alginat mit weiteren Bestandteilen wie Kalziumkarbonat oder Kaliumhydrogenkarbonat einen zähen Schaum bildet, der sich auf den Mageninhalt legt und den Rückfluss in die Speiseröhre verhindert. Bislang sind keine Nebenwirkungen bekannt.

Antazida Hier handelt es sich um aluminium- und kalziumkarbonathaltige Präparate zur Neutralisierung der Magensäure. „Sie können den Rückfluss in die Speiseröhre nicht verhindern, sondern nur kurzzeitig in die Speiseröhre gelangte Säure neutralisieren. Die Neutralisationsfähigkeit ist aber ziemlich gering“, sagt Labenz. Mögliche Nebenwirkungen sind langfristige Veränderungen des Mineralhaushalts oder Durchfall.

H2-Blocker Diese Präparate verringern schon in geringer Dosierung die Aktivität der Belegzellen des Magens. Dadurch wird weniger Salzsäure freigesetzt. Die Einnahme sollte allerdings auf höchstens vier Wochen beschränkt sein. Gelegentliche Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen, Durchfall, Verstopfung und Hautausschlag.

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