Ruhig bleiben: Manche Menschen sind beim Arztbesuch aufgeregt. In der Folge steigt der Blutdruck an. Foto: dpa

Bluthochdruck bleibt oft unentdeckt. Das macht ihn umso gefährlicher. Eine genaue Messung ist allerdings gar nicht so einfach.

Stuttgart - Erhöhter Blutdruck schädigt die Blutgefäße und damit auch Organe wie die Niere. Er reißt Menschen durch Herzinfarkte und Schlaganfälle aus ihrem bisherigen Leben, macht sie abrupt zum Pflegefall und kostet sie mitunter gar das Leben. Trotzdem unterschätzen noch immer viele Menschen die arterielle Hypertonie. Ein Teil der Betroffenen ist ahnungslos. Andere werden nicht ausreichend behandelt. „Etwa ein Viertel der Allgemeinbevölkerung – darunter zunehmend auch Kinder und Jugendliche – sowie drei Viertel der über 70-Jährigen haben Blutdruckwerte gleich oder über 140/90 mmHg“, sagt der Nephrologe Bernhard Krämer, Direktor der V. Medizinischen Klinik UMM, Universitätsmedizin Mannheim. Dieser Wert markiert den Übergang in den Bereich Bluthochdruck.

Es ist nicht einfach, den Blutdruck richtig zu messen, da er ziemlich labil ist. Seine Höhe wird nicht nur durch die Manschettenbreite und Oberarmdicke, sondern auch durch viele Umgebungsfaktoren beeinflusst und kann deshalb variieren. Manche Menschen sind beim Arztbesuch etwas aufgeregt, hatten vor der Messung nicht die Möglichkeit einige Minuten ruhig zu sitzen oder sie unterhalten sich währenddessen rege. Das ist alles kon­traproduktiv und lässt den Blutdruck künstlich ansteigen. Man spricht von Weißkittelhypertonie.

Es gibt jedoch auch den umgekehrten Effekt, dass in der Arztpraxis zu niedrige Blutdruckwerte gemessen werden. Mediziner sprechen dann von der maskierten Hypertonie, die den meisten Menschen relativ unbekannt ist. Und sie scheint keine Seltenheit zu sein. Die Masked Hypertension Study diagnostizierte bei 15 Prozent der 888 gesunden, männlichen Teilnehmer im Durchschnittsalter von 45 Jahren eine maskierte Hypertonie und nur bei einem Prozent eine Weißkittelhypertonie.

Abweichung bei der Messung

Doch was genau verbirgt sich hinter dem Begriff maskierte Hypertonie? Bei den jüngeren der allesamt berufstätigen Studienprobanden war der in der ärztlichen Praxis gemessene Blutdruck im Durchschnitt um 7/2 (systolisch: beschreibt Druck, wenn das Herz Blut in die Adern presst/diastolisch: das Herz dehnt sich aus und füllt sich mit Blut) mmHg niedriger war als jener bei einer 24-Stunden-Messung während eines ganz normalen Alltags. Die Folge: Der in der Praxis gemessene Blutdruck wird im Vergleich zum mittleren Blutdruck tagsüber oftmals unterschätzt.

Chronischer Alltagsstress lässt nämlich den Blutdruck bei den Betroffenen im Laufe des Tages unbemerkt ansteigen. Bei einem in der Praxis gemessenen Blutdruck von 120/80 mmHg bis 130/85 mmHg ist der zu niedrig gemessene Wert kein Problem. Anders sieht es aus, wenn der in der Arztpraxis gemessene Wert bereits hochnormal ist, also zwischen 130/85 mmHg und 140/90 mmHg liegt. Der bei einer 24-Stunden-Messung mit 60 bis 70 Einzelmessungen ermittelte Blutdruckwert ist dann nahe am Grenzwert für Bluthochdruck.

Von den Teilnehmern, deren systolischer Blutdruck bei der Praxismessung höher als 135 mmHg war, kam bei der Studie sogar jeder zweite bei einer 24-Stunden-Messung über die Bluthochdruckgrenze von 140 mmHg. Interessant ist auch, dass mit zunehmendem Alter der Studienteilnehmer der Unterschied zwischen dem „Praxiswert“ und dem „Langzeitmesswert“ kleiner wurde und der Unterschied zwischen den Blutdruckwerten bei normalgewichtigen Personen in den beiden Messsituationen am größten war.

Regelmäßig zu Hause messen

Außer beruflichem und emotionalem Stress können auch Nikotinkonsum und die Schlafdauer zu einer maskierten Hypertonie beitragen. „Wir raten unseren Patienten dazu, regelmäßig den Blutdruck zu Hause in Ruhe und im Sitzen zu messen und sich alle Werte zu notieren“, sagt Vedat Schwenger, Ärztlicher Direktor im Katharinenhospital des Klinikums Stuttgart und Leiter der Hochdruckambulanz. Die maskierte Hypertonie kann, wie bereits eine Studie gezeigt hat, auch bei medikamentös behandelten Bluthochdruckpatienten auftreten.

Was kann man bei erhöhtem Blutdruck machen? „Wer einen systolischen Blutdruckwert zwischen 140 mmHg und 160 mmHg hat, kann es erst einmal mit konsequent durchgeführten Lebensstiländerungen versuchen“, sagt Krämer, der auch Vorsitzender der Deutschen Hochdruckliga ist. Dazu gehören Gewichtsabnahme, gesunde und mäßig gesalzene mediterrane Kost mit möglichst wenig tierischen Proteinen, Rauchverzicht und ein gutes Ausdauerprogramm mit wöchentlich mindestens 150 Minuten Ausdauersport. Schwenger macht eine eindrucksvolle Rechnung auf: Liegt die täglich verzehrte Kochsalzmenge unter sechs Gramm, bringt dies etwa 5 mmHg Blutdruckabsenkung, eine vegetarisch-mediterrane Kost (DASH-Diät) bringt bis zu 11 mmHg, Sport 5 bis 10 mmHg und pro Kilogramm Gewichtsverlust kommen bis zu 2 mmHg hinzu. „Aufsummiert hat das denselben Effekt wie zwei blutdrucksenkende Tabletten und ist nebenwirkungsfrei“, sagt der Stuttgarter Mediziner.

Wenn der Blutdruck auf diese Maßnahmen nicht ausreichend reagiert oder über 160/100 mmHg beträgt, brauchen Betroffene zusätzlich blutdrucksenkende Medikamente. „Wenn wir Medikamente und Lebensstiländerungen konsequent gemeinsam einsetzen, können wir bei fast allen Patienten den Blutdruck ausreichend absenken“, sagt Schwenger.

Schlaganfallrisiko sinkt

Normalisiert sich der Blutdruck, verringert dies auch das Schlaganfallrisiko wieder um gut 30 Prozent und jenes für Herzgefäßerkrankungen um zehn Prozent. Aber die Blutdrucknormalisierung funktioniert nur, wenn der behandelnde Arzt den Patienten über die gesundheitlichen Risiken eines erhöhten Blutdrucks genau informiert und der Patient die Maßnahmen konsequent durchführt. Der diesjährige Welthypertonietag am 17. Mai 2017 steht deshalb unter dem Motto „Ich bleib mir treu! Die Therapietreue, eine gemeinsame Verantwortung von Arzt und Patient“.

„Manche Patienten springen ab, weil sie sich bei einem niedrigeren Blutdruck nicht so fit fühlen wie bei höherem Blutdruck. Deshalb sollte die Blutdrucksenkung langsam erfolgen. Dann kann sich der Organismus besser daran gewöhnen“, rät Krämer. Außerdem müsse, wenn Nebenwirkungen zum Therapieabbruch führen, die Medikamentenkombination geändert werden. „Die Therapie und damit auch die Dosierung der Medikamente kann und sollte individuell erfolgen“, sagt Krämer. Schwenger empfiehlt insbesondere jungen Patienten oder Patienten mit plötzlichem Blutdruckanstieg und jenen, die drei Blutdrucksenker und mehr einnehmen, einen Spezialisten aufzusuchen.

Warum steigt der Blutdruck?

Lebensweise Die Lebensweise des modernen Menschen ist ein brisantes Gemisch aus einem Überangebot an Nahrung, zu geringem Energieverbrauch aufgrund von Bewegungsmangel, zu viel Kochsalz und Rauchen. Auch Schlafmangel und Schlafstörungen gehören zu den blutdrucksteigernden Faktoren.

Erkrankungen In etwa zehn Prozent der Fälle ist der Bluthochdruck durch andere Erkrankungen bedingt: Dazu gehören verengte Nierengefäße, das Schlafapnoe-Syndrom, entzündliche Nierenerkrankungen sowie Hyperaldosteronismus (Conn-Syndrom). Hinter diesem gewaltig klingenden Begriff verbirgt sich die Überproduktion des blutdruckbeeinflussenden Hormons Aldosteron durch die Nebenniere.

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