Die Berufsfachschule für Pflege der Medius Klinik Nürtingen trainiert mit Azubis in einem Simulationszentrum Notfallszenarien bei Kleinkindern. Warum das Konzept einzigartig ist.
Der kleinen Anna geht es nicht gut. Ihr Gesicht ist aschfahl, seit einigen Tagen hat das vier Monate alte Mädchen Fieber und wird immer schlapper. Der Puls ist kaum noch zu fühlen – und dann piepen die medizinischen Geräte am Krankenbett bedrohlich. Die besorgte Mutter ist in heller Aufregung: „Was ist mit meinem Kind?“
Die herbeigeeilten Pflegefachkräfte lassen sich nicht aus der Ruhe bringen: Eine beatmet den Säugling mit einem Sauerstoffbeutel, eine andere setzt zwei Finger auf den Brustkorb und beginnt mit der Herzdruckmassage, eine dritte hat die Vitalfunktionen des Kindes immer im Blick. Schließlich wird auch eine Ärztin hinzugezogen. Das Team arbeitet Hand in Hand. 20 lange Minuten kämpft es um das Leben des Säuglings, dann kommt die erlösende Nachricht für die verzweifelte Mutter: „Anna ist gerettet.“
Das Szenario wirkt täuschend echt, der Notfall ist jedoch nur gespielt. Hier, im pädiatrischen Simulationszentrum Simulino der Berufsfachschule für Pflege in Nürtingen, trainieren Auszubildende der kreiseigenen Medius Klinik das, was auf sie im Berufsalltag tatsächlich zukommen könnte – realitätsnah, aber ohne jegliches Risiko für kleine Patientinnen und Patienten. Anna ist nämlich nicht aus Fleisch und Blut, sondern eine 6000 Euro teure Hightechpuppe.
„Viele unserer Auszubildenden haben noch nie ein Frühchen oder einen Säugling im Arm gehalten.“
Melanie Durner, Praxisanleiterin
Sie kann atmen, husten, schreien, hat Puls und über eine App gesteuert auf unterschiedliche Situationen reagieren. An ihr lassen sich typische pflegerische und medizinische Maßnahmen üben: vom Wickeln und Baden über das richtige Lagern, das korrekte Fiebermessen und die Medikamentengabe bis hin zum Absaugen von Schleim und dem Setzen einer Infusion zum Beispiel.
Und Anna ist nicht allein im Schulungsraum. Es gibt auch noch Frühchen Leo, die Kleinkinder Lena und Luca sowie Erstklässler Daniel. „Wir können so das gesamte Spektrum von der Schwangerschaft bis zum Schulkindalter abbilden“, erläutert Hebamme und Praxisanleiterin Melanie Durner, die zusammen mit Kinderkrankenpflegerin und Medizinpädagogin Rebecca Eller die Simulation federführend konzipiert hat.
Pflege-Azubis der Medius Klinik werden mit Alltagsszenarien konfrontiert
Im Simulino werden die angehenden Pflegefachkräfte zehn Tage lang bewusst mit herausfordernden, teils seltenen Szenarien aus dem Klinikalltag konfrontiert. Ziel des Trainings ist es zum einen, Hemmschwellen abzubauen. „Viele unserer Auszubildenden haben noch nie ein Frühchen oder einen Säugling im Arm gehalten“, weiß Durner. Zum anderen gehe es darum, ihnen den sicheren Umgang mit komplexen Situationen in der Kinderkrankenpflege beizubringen. „Am Vormittag wird ihnen theoretisches Wissen vermittelt, das sie am Nachmittag in die Praxis umsetzen“, erläutert sie.
Dass es dabei nicht immer fehlerfrei zugeht, sei kein Problem, fügt Eller hinzu. „Sie hätten ein wenig mehr auf die besorgte Mutter eingehen können“, lautet ihr Ratschlag an die Azubis im abschließenden Gespräch. Doch die Expertin betont zugleich: „Fehler zu machen, ist gut und wichtig. Sie sind wertvolle Lernerfahrungen, die im Ernstfall Sicherheit geben.“
Laut dem Leiter der Berufsfachschule, Benjamin Richter, ist Simulino das erste pädiatrische Simulationszentrum bundesweit, das als praktischer Lernort behördlich zugelassen wurde. Mit dem Konzept macht die Klinik in Nürtingen aus der Not eine Tugend: Seit dem Start der neuen generalistischen Pflegeausbildung im Jahr 2020 müssen Auszubildende während des ersten oder zweiten Ausbildungsjahres 120 Pflichtstunden in der Pädiatrie ableisten – was durch den Wegfall spezialisierter Kinderstationen vielerorts jedoch schwer umsetzbar ist.
Simulino macht Schule: Erste Anfragen aus anderen Bundesländern
Auch die Nürtinger Medius Klinik verfügt nicht über eine Kinderabteilung, sie hat lediglich eine Wochenbettstation. Dort verbringen die Mütter nach der Geburt in der Regel aber nur wenige Tage. So kann zwar der Umgang mit Neugeborenen gelernt werden, nicht jedoch mit Kleinkindern. Simulino schließt diese Lücke: Die Azubis der Pflegefachschule absolvieren ihre pädiatrischen Praxiseinsätze jetzt jeweils zur Hälfte auf einer Wochenbettstation und im neuen Simulationszentrum für pädiatrische Akutpflege.
Zehn Kurse haben Durner und Eller seit dem Start von Simulino im April dieses Jahres bereits durchgeführt – mit durchweg guten Erfahrungen, wie sie betonen. Das Konzept ist nach Angaben der Medius Klinik nicht nur für die eigenen Auszubildenden gedacht, es steht auch Pflegeeinrichtungen, Landkreisschulen und medizinischen Partnern offen. Die Resonanz sei bereits groß: So gebe es auch schon erste Anfragen aus anderen Bundesländern.