Geschützt vom alten Gebälk des Johanneshofs kann man sich gut von der Welt entfernen und sich selbst suchen. Zu Gast im Meditationszentrum Dharma Sanga.
Irgendetwas fehlt. Die Menschen gehen hier gemessenen Schrittes von der Küche ins Speisezimmer. Kein Geräusch trübt die ruhige Geschäftigkeit. Keine klackernden Schuhe, kein lautes Gespräch, kein Wummern. Eine Welt ohne zwanghaftes Dauerrieseln aus Lautsprechern. Ohne Handyklingeln. Kein Mensch versucht, andere Menschen zu erreichen, um sie dann über einen Minilautsprecher anzuschreien. Der Johanneshof liegt in den Tiefen des Schwarzwalds, und er verheißt Stille. Hier ist Buddha zu Hause und auch seine späten Novizen und Schüler.
Der ehemalige Bauernhof liegt am Rand von Kleinherrischwand, einem Ortsteil von Herrischried im Kreis Waldshut. Gut ein Dutzend Häuser und eine Kapelle. Neben den Alteingesessenen haben sich die Anhänger des Buddhismus etabliert. Ihr Zuhause nennt sich Dharma Sanga, hier meditieren Dauerresidenten und Gäste auf Zeit.
Den Anfang machte der Amerikaner Richard Baker. Er übernahm Haus und Hof nebst einigen Wiesen vom Grafen Dürckheim, der sich früh nach dem Weltkrieg mit Zen beschäftigte. Allmählich baute Baker Roshi (Roshi steht für Lehrer) das Anwesen um. Wo früher das Vieh im Stall scharrte, entstand ein ritueller Frühstücksraum. Edelhölzerne Meditationssäle wurden aus Maschinenräumen und Ökonomie herausgeschält. Dort sitzen Buddhas Lehrlinge auf niederen Podien, knien mit geschlossenen oder offenen Augen, die auf eine Wand gerichtet sind. Hier tauchen sie aus dem Wohlstand in ein Leben des zelebrierten Verzichts ein. Die Gäste, die für Tage oder Wochen in ihre stilvoll einfachen Zimmer unterm Dach kriechen, sind auf dem Rückzug. Sie emigrieren aus der Zivilisation, wenigstens auf Zeit. Das Weniger hier oben empfinden sie als wohltuend. Einen Fernseher sieht man weit und breit nicht – und lernt gleichzeitig, ihn überhaupt nicht zu vermissen.
Sojabratlinge und Rohkostsalat
Verzicht will gelernt sein. Er hat seine Regeln, die man erst einmal als hart empfindet. Beate Agda, die Geschäftsführerin, zeigt auf einen Zettel mit strengem Zeitplan: Der Tag beginnt um 5 Uhr mit den ersten Übungen. Das Mittagessen nehmen Zen-Lehrer und Gäste gemeinsam in der niederen Stube des Hofs ein. Heute gibt es Sojabratlinge mit Pilzsauce und einem Rohkostsalat. „Wir kochen regional und saisonal“, sagt Ingrid in der Küche. Kein Alkohol, obwohl ein kühles Tannenzäpfle, der Local Hero unter den hiesigen Bieren, jetzt ziemlich gut passen würde. Nach einem Aschenbecher muss man gar nicht fragen. „Null Toleranz“, sagt Beate.
Leibfeinde sollen hier aber keine gezüchtet werden. „Das wäre ein Irrweg. Askese ist zu radikal. Wir wollen auch dem Körper ein Wohlwollen zeigen“, sagt Ulrich Halstenbach, der Co-Geschäftsführer. Verzicht ja, aber keine radikalen Touren und Kuren.
Eine Visitenkarte interessiert hier niemanden
Verzichtet wird auch auf Förmlichkeiten. Herr Halstenbach stellt sich gleich als Ulrich vor: „Wir duzen uns hier oben alle.“ Es wäre auch drollig, wenn sich Menschen mit unterschlagenen Knien und durchgedrücktem Rücken mit akademischem Titel anreden würden. Wer am Parkplatz seine Mittelklassewagen abstellt, lässt auch seinen sozialen Status zurück. Unnötig hier oben. Die Teilnehmer kommen aus gut bezahlten Berufen, viele Akademiker, ehemalige Berufsmusiker, Bildungsbürger. Ihre Visitenkarte interessiert aber niemanden, da es um anderes geht. Um die vielen Schrittchen zu sich selbst.
Der Hotzenwald gilt als ideales Experimentierfeld für religiöse Gruppen aller Façon. Die Ecke ist dünn besiedelt, aus den wenigen Häusern schauen schweigsame Menschen. Einige Kilometer weiter feiert die radikalchristliche Gruppe Fiat Lux merkwürdige Sitzungen. Nach dem Tod von Gründerin Uriella blieb nur noch ihre weiß gewandete Anhängerschaft übrig.
Anker werfen, Segel setzen
Als Richard Baker Roshi mit den ersten Kursen in den Johanneshof zog, äugten die Nachbarn. „Sie hielten uns für Hippies“, sagt der 87-Jährige. Doch dann hätten sie gemerkt, dass die Buddhisten nebenan auch für Hotzenwälder Begriffe in Ordnung sind. Sie seien akzeptiert. Buddha, dessen Rätselgesicht aus den Altarnischen leuchtet, hat Anker geworfen und seine Segel gesetzt. Und beim Nachbarn beginnt die Kreissäge an diesem stillen Vormittag ihr zersetzendes Werk.
Mit vielen Kräften und Spenden wurde der Johanneshof renoviert. Tagungsgäste kamen und gingen, die anständige Autos fuhren. Im Gegensatz zu einer Hippie-Kommune regiert hier der Kult der Stille. Er durchweht die schlichten Räume, aus deren Tiefe Menschen auftauchen und wieder in der Tiefe entschwinden. Ihr Gesichtsausdruck ist freundlich bis neutral. Es wäre undenkbar, sich hier nach Ergebnissen der Fußball-Bundesliga zu erkundigen.
„Wir leben von Kursen und von den Übernachtungen“, sagt Beate Aldag. An diesem Wochenende sind 50 Leute untergebracht. Beate sagt: „Es läuft gut derzeit. Viele spüren ein großes Bedürfnis, die Schreie der Welt zu hören.“ Neben den Kursbesuchern hält ein fester Stamm das Leben am Campus aufrecht. In einer klösterlichen Gemeinschaft bestreiten Männer und Frauen ihren Alltag unter dem schützenden Dach des Hofguts.
Auch online kann man die buddhistische Praxis kennenlernen
Eine von ihnen ist Nicole Baden Roshi, 41. Freundliche Augen in einem mandelförmigen Gesicht. In der Welt des Buddhismus der japanischen Schule hat sie viel erreicht. Die junge Frau ist Nonne. „Auch im Buddhismus gibt es Klöster“, erklärt sie. Sie seien ein wichtiger Teil der Lebensform.
Nicole Baden kam als 17-Jährige mit der buddhistischen Praxis in Berührung. Damals wurde ihr klar: „Ich will das – und nur das.“ Sie durchlief Kurse, besuchte Japan und nahm sich Richard Baker zum Vorbild. Bevor sie einzog, hatte ihr Vater sich im Dorf umgehört und nach den Leuten auf dem Johanneshof erkundigt. Danach war er beruhigt und ließ die unruhige Tochter ziehen. Nun amtiert sie als buddhistische Äbtissin.
Zusammen mit anderen Lehrenden soll sie auch das Buddhistische Zentrum voranbringen. „Die Leute sollen sich ein Stück weit freimachen.“ Für manche sei der Weg in den Hotzenwald zu beschwerlich oder zu teuer. Also müsse man umdenken. Wie wäre es, wenn diese Philosophie über Onlineformate vermittelt wird? Unter dem Diktat von Corona wurde bereits experimentiert. Eines fehlt natürlich, wenn man dem Roshi nur auf einem Bildschirm zusieht und lauscht: die Aura des Ortes, die Mischung aus altem Schwarzwälder Gebälk, dem Duft von Räucherstäbchen und der Pilzsoße, die unter den Händen von Ingrid in der Küche prächtig eindickt. Dazu das gedämpfte Trappeln von Gästen und Gelehrten und die vielsagenden Blicke, die man sich zuwirft, um laute Rede und Gegenrede zu vermeiden.
Geschmeidig wie eine Schlange
Sie suchen ihr Seelenheil, wenn man das Ziel einmal in ein abendländisches Wortkostüm stecken wollte. Natürlich würde das keiner so nennen. Die Lehrenden hier drücken es anders aus, wolkiger. Am Anfang versteht man nur wenig. Buddhismus ist auch sprachlich eine Suchbewegung. Etwas ohne ewige Gewissheiten, wie sie die Theologen der Christen, Juden, Muslime definieren. Die Sprache der Buddhisten ist Nebel, nicht Linie. Wer hier verweilt, gewöhnt sich daran.
Dieter Plempe, 62, ist so einer. Der asketische Mann mit dem stoischen Gesichtsausdruck verbringt seine irdischen Tage als Zen-Lehrer und ewig Lernender. Der Japanologe kennt die Schriften des Vorbilds Suzuki Roshi, kann sie in der bildreichen Originaltextur lesen. Fürs Foto geht er bereitwillig in den Lotussitz. Er verknotet die Beine mit der Geschmeidigkeit einer Schlange.
„Es gibt etwas jenseits unseres Horizonts“
Beim Wort Religion schrecken die netten Leute am Johanneshof fast zusammen. Nein, der Buddhismus ist keine Religion, sagt Ulrich bedeutungsvoll. Und: „Ja, es gibt etwas jenseits unseres Horizonts.“ Dieses Etwas werde er nicht ausschließen. Später spricht er vom Numinosen, von Transzendenz. Das Wort Gott benutzt er nicht. Es ist den monotheistischen Religionen der Wüste vorbehalten, die das Schöpferische in wenige Buchstaben zu packen wissen.
Der Johanneshof backt kleinere Brötchen. Achtsamkeit, Stille, Atmen. Die häufigsten Schlagwörter hier sind „Praxis“ und „Üben“. Die Titel der Seminare klingen einfach, sind aber häufig mit Verrenkungen verbunden. „Einfach sitzen“ wird im Herbst unterrichtet, ebenso „Friedvolles Verweilen“. Der Dezember bietet „Rohatsu Sessin“ – Herz- und Geistsammeln. Gehen, Sitzen, Meditieren, das sind die Elemente, die hier oben kombiniert werden. Von absoluten Wahrheiten ist nicht die Rede. Nicole, die Äbtissin mit den freundlichen Augen, wird immer weniger sagen, je höher sie steigt.