Die Zahl der Medikamente nimmt im Alter zu. Fachleute raten, alle Arzneimittel aufzuschreiben und diese Liste dem Arzt zu zeigen. Foto: Fotolia

Alte Menschen nehmen Medikamente – oft mehr, als ihnen guttut. Schuld sind teils die Mediziner, teils auch die Patienten. Die Folgen können lebensgefährlich werden.

Stuttgart - Morgens die Pille um den Kreislauf in Schwung zu bekommen, nach den Mahlzeiten das Pülverchen zur Verdauung und abends noch das Mittelchen für die Lunge. Bei vielen Senioren bestimmt die tägliche Medikamenteneinnahme ihren Tagesrhythmus. Denn wer älter wird, ist auch häufiger krank, lautet die einfache Erklärung – beispielsweise von der Ärztin Ute Marszalek vom Geriatrischen Zentrum Stuttgart: „Die Zahl gleichzeitig bestehender Erkrankungen nimmt mit dem Alter zu.“ Bis zu sechs Diagnosen sind beinahe schon normal für Patienten, die auf die 70 zugehen. Gleichzeitig erholen sich die Älteren aber auch langsamer von einer Krankheit.

So bilden Senioren die größte Patientengruppe – aber auch eine, bei der es die meisten Behandlungsfehler gibt: So werden sie häufig mit einer großen Menge an unterschiedlichsten Pillen und Tinkturen zugedeckt. Insbesondere dann, wenn die Senioren noch zu mehreren Ärzten gehen, von denen der eine nicht weiß, was der andere verschrieben hat – und sich aber auch nicht danach erkundigt. Nicht selten nehmen die Patienten dann noch rezeptfreie Medikamente, deren Wirkung in der Werbung oder in ihrem Umfeld angepriesen wurde.

Das Zittern der Hände führt dazu, dass Arznei-Tropfen falsch dosiert werden

„Oder aber, sie wissen selbst nicht mehr, wann und wie sie die Medikamente einnehmen sollen“, sagt Ute Marszalek. Zum einen weil sie Hörprobleme haben und den Arzt nicht immer richtig verstehen. Andererseits sind sie vergesslich und können sich nicht mehr an die Dosierungsempfehlungen erinnern. „Auch vergessen viele, solche Präparate zu erwähnen, die von Ärzten anderer Fachrichtungen verordnet wurden.“

Hinzu kommen die körperlichen Einschränkungen, die das Alter mit sich bringt: Das Zittern der Hände, das dazu führt, dass Arznei-Tropfen falsch dosiert werden. Die Versteifung der Fingergelenke, die das Herauslösen der Tablette aus der Folienverpackung unmöglich machen. Die Sehschwäche, die die sowieso schon winzigen Buchstaben auf den Beipackzetteln verschwimmen lassen.

Das alles führt oft zu einer falschen Medikamentierung und damit zu einem Chaos im Körper: Weil sich die verschiedenen Mittel häufig nicht vertragen, werden oft nicht die Wirkungen verbessert, sondern die Nebenwirkungen verstärkt. Das ist besonders bei Senioren gefährlich, denn alte Menschen haben eine eingeschränkte Nieren- und Leberfunktion und bauen Arzneimittel daher schlechter ab. „Die Folgen reichen von Verstopfung bis zur zunehmenden Verwirrung, Desorientierung und zu Schwindel. Auch die Sturzgefahr erhöht sich“, so Marszalek

„Ältere Menschen wollen vor allen Dingen, dass sie ihren Alltag weiterhin alleine bewältigen können“

Es kann aber noch schlimmer kommen: Nach Angaben der Techniker Krankenkasse mussten im Jahr 2010 rund 1100 Menschen in Baden-Württemberg über 65 Jahren mit Arzneimittelvergiftungen in den Kliniken des Südwestens behandelt werden. Zwei Drittel davon waren Frauen.

Tatsächlich ist häufig noch nicht erforscht, wie verschiedene Arzneimittel mit- und gegeneinander wirken, wenn sie kombiniert werden müssen. Um die Gefahren abzumildern, haben Wissenschaftler erst vor zwei Jahren die sogenannte Priscus-Liste (www.priscus.net) erstellt, in der Arzneimittel aufgelistet sind, die sich aufgrund ihrer Verträglichkeit für Ältere nicht eignen.

Auch eine weitere Gefahr wird unterschätzt: So warnte erst im April diesen Jahres die Bundesdrogenbeauftragte Mechthild Dyckmanns von der zunehmenden Abhängigkeit Älterer von Medikamenten. Jeder vierte Deutsche, der älter als 70 Jahre alt ist, nehme Beruhigungs- und Schlafmittel, die abhängig machen und die aus medizinischer Sicht nicht notwendig seien.

Um die Gefahren des gleichzeitigen Konsums so vieler Medikamente zu verringern, plädieren die Experten der Geriatrie, so auch Ute Marszalek, für ein Umdenken – bei Ärzten aber auch bei Patienten. „Ältere Menschen wollen vor allen Dingen, dass sie ihren Alltag weiterhin alleine bewältigen können“, sagt die Ärztin. Daher sie es wichtig, dass hauptsächlich Medikamente verschrieben werden, die die geistige und körperlichen Funktionen erhalten. Die Ärzte sollten auch überprüfen, ob der Patient überhaupt in der Lage ist, die Medikamente in der verordneten Dosis einzunehmen – beispielsweise mit Hilfe geriatrischer Tests, mit denen die Handkraft, die Hirnleistung und die Sehfähigkeit überprüft werden.

Aber auch die Patienten sollten mehr Verantwortung übernehmen: Beispielsweise in dem sie sich die Namen von allen Medikamenten notieren – rezeptpflichtige wie rezeptfreie – und damit zum Arzt gehen: Der solle dann überprüfen, ob die Medikamente überhaupt noch nötig sind, ob die Dosis in Ordnung ist und ob sich die Arzneien miteinander vertragen. Erinnerungshilfen wie Tablettenboxen erleichtern ebenfalls die tägliche Medikamentenaufnahme. „Das wichtigste ist aber, dass das Verhältnis zwischen Arzt und Patient stimmt“, so Marszalek. „Der Patient muss Vertrauen haben und sich nicht scheuen, nachzuhaken.“ Das ist die beste Vorbeugung vor Risiken und Nebenwirkungen der Medikamente.

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