Medienprojekt in Stuttgart Was die eigene Stimme mit dem Selbstvertrauen macht

Von Caroline Holowiecki 

Schüler aus der inklusiven Torwiesenschule in Heslach haben für die „Hör- und Sehstücke“ eigene Radiobeiträge produziert. Beim Projekt der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung geht es um Medienkompetenz. Aber auch ganz viel um Erfolgserlebnisse.

Schüler der Torwiesenschule in Stuttgart haben eigene Beiträge fürs Radio erstellt.Foto: Martin Stollberg

Stuttgart - Eine Klasse, die beim Pausengong nicht fluchtartig aus dem Zimmer stürmt? Da muss ja etwas wirklich Fesselndes geboten sein. Etwa 20 Achtklässler aus der evangelischen Torwiesenschule sitzen in Grüppchen an Laptops beieinander und wirken sehr vertieft. Die Augen kleben am Bildschirm, die Ohren stecken unter Kopfhörern. Ruhe, bitte, denn hier arbeiten die Radiomacher von morgen an ihren Beiträgen.

In der inklusiven Grund-, Real- und Förderschule in Heslach stehen dieser Tage die „Hör- und Sehstücke“ auf dem Stundenplan. Mit diesen Audio- und Video-Medienprojekten will die Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung (LKJ) Teenager mit und ohne Behinderungen ermuntern, kreativ zu werden. Es geht um sprachliche und kognitive Fähigkeiten, um Gruppenarbeit, ums Einbringen eigener Talente, ums Selbstvertrauen, um Erfolgserlebnisse. Das Format wurde beim Wettbewerb „idee bw“ der Initiative Kindermedienland Baden-Württemberg mit 20.000 Euro ausgezeichnet. Gefördert wird es auch von der Landesanstalt für Kommunikation.

Kinder haben keinerlei Scheu

Beim Entwickeln der Konzepte und der Produktion der Beiträge über Themen wie Jugendkriminalität, Inklusion und Feinstaub hilft den Kindern unter anderem der LKJ-Medienreferent Albrecht Ackermann. Er kann 25 Jahre Erfahrung als Radiojournalist vorweisen und daher den jungen Reportern wichtig Tipps geben: Wie geht man auf Fremde zu und was tut man, wenn die abblocken, wie stellt man die richtigen Fragen, wie setzt man die Stimme ein? Neben Umfragen und Interviews stehen das Schreiben und Einsprechen von Texten und das selbstständige Schneiden der Audiodateien an. Mehrmals pro Jahr werden die „Hör- und Sehstücke“ an Schulen ausgerichtet, und Albrecht Ackermann hat festgestellt: Manche Kinder haben keinerlei Scheu, andere sind zunächst schüchtern, „aber dann stolz wie Bolle, wenn sie fertig sind“.

Der 14-jährige Fabian hat längst festgestellt, dass so eine Straßenumfrage gar nicht so einfach ist. „Am Anfang hatte ich Schwierigkeiten, Leute anzusprechen“, sagt er. Trotz der ersten Zurückhaltung haben er, Felix (13), Selina (15) und Anton (14) ihre Beiträge im Kasten, Vaniko (15) stückelt Fragen und Antworten zusammen – dabei hat er die Technik erst einen Tag zuvor kennengelernt. „Nicht schwer“, sagt er und zupft rasch wieder seinen Kopfhörer zurecht. Unter anderem haben die Teenager Passanten gefragt, wer Weltmeister wird und wer ihre Lieblingskicker sind. „Gomez!“, ruft Anton gut gelaunt durch den Raum, und dass der Junge mit Down-Syndrom ein riesiger Fußballfan ist, ist offensichtlich: Sein Gipsarm – tatsächlich beim Kicken passiert – hängt in einer VfB-Schal-Schlaufe. Der Spaß steht im Vordergrund bei den „Hör- und Sehstücken“, aber die Lehrerin Aline Haist erklärt auch: „Medienarbeit ist Teil des Lehrplans.“

Jeder darf seine Meinung sagen

Johanna, Nora, Vera und Pauline, alle 14 Jahre alt, sind ein eingeschworenes Team. Johanna, der Technik-Freak in der Gruppe, schneidet die Beiträge, die Nora, ihre Klassenkameradin mit Down-Syndrom, eingesprochen hat. Sie hat ins Mikrofon hinein aufgezählt, was ihr besonders gut gefällt, und Johannas Aufgabe ist, das Hintergrundgebabbel zwischen „tanzen“, „Fernsehturm“ und „laufen“ auszumerzen. „Am Anfang war es etwas kompliziert. Aber jetzt bin ich ein absoluter Profi“, sagt sie, während ihre Finger über die Tastatur fliegen. Pauline hält derweil für die schwerstbehinderte Vera den Kopfhörer, damit sie alles mitverfolgen kann, Nora streichelt Veras Hand. Das Quartett befasst sich mit einem Thema, mit dem es sich bestens auskennt: Inklusion. Dass bei der Straßenumfrage einige Eltern gesagt haben, dass sie ihre Kinder nicht auf eine inklusive Schule schicken würden, hat die Mädchen nicht aus der Ruhe gebracht. „Jeder darf seine Meinung haben“, sagt Pauline diplomatisch und lächelt. Schon ganz Medienprofi eben.